Michel Kunz will Zwangsgebühr von 60 Franken pro privatem Briefkasten Wie naiv darf ein Post-Chef sein?

  • Publiziert: 07.12.2009, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Marcel Speiser

Sonst noch Wünsche? Der Post-Chef will, dass wir für unsere Briefkästen zahlen!

In der Schweiz gibt es gut drei Millionen Haushalte. Und vor jedem hängt ein Briefkasten, in den der Pöstler Briefe steckt. Aber vor allem Rechnungen und Werbung!

Bislang zahlen die Absender diesen Service der Post. Doch jetzt hat Post-Chef Michel Kunz (50) unsere Briefkästen als Geldquelle entdeckt! In einem Interview mit der «Basler Zeitung» hat er die Idee einer Briefkasten-Gebühr lanciert. Jeder, der seine Post im Briefkasten haben will, soll dafür 60 Franken im Jahr zahlen. Das brächte der Post pro Jahr gegen 200 Millionen Franken.

Was für eine Schnapsidee! Erstens will niemand dafür zahlen, Rechnungen und Werbung zu bekommen. Das sollen gefälligst die Absender berappen. Und zweitens wäre eine Briefkastengebühr etwa das Gleiche, wie wenn die Migros Eintritt in ihre Läden verlangen würde.

Immerhin: Kaum hat Kunz die Idee am Samstag lanciert, wurde sie auch schon wieder begraben! Postminister Moritz Leuenberger sagte der «Tagesschau»: «Wir denken nicht im Traum daran!»

Unterstützt wurde der Bundesrat von Politikern aller Couleur: «Eine Briefkastengebühr lehne ich rundweg ab», sagte Nationalrat Peter Föhn (SVP/SZ). Und Ratskollegin Jacqueline Fehr (SP/ZH) findet: «Das ist eine total absurde Idee.»

Den endgültigen Todesstoss versetzte der Briefkastengebühr Post-Verwaltungsratspräsident Claude Béglé im «SonntagsBlick»: «Eine Briefkastengebühr war nie ein Thema und ist nicht Teil unserer Strategie.»

Punkt, Schluss, Amen.

Noch nie wurde ein Manager von seinen zwei Chefs so schnell ins Abseits gestellt wie Kunz mit der Briefkastengebühr! Er kann es noch gar nicht fassen: «Ich bin völlig überrascht über die Resonanz», sagt er ganz naiv. Er habe ja nur darüber geredet, was verschiedene europäische Postchefs diskutierten.

Doch auch die Entrüstung von Béglé über Kunz’ Schnapsidee ist scheinheilig. Wie Post-Insider berichten, wurde die Briefkastengebühr nämlich sehr wohl im Verwaltungsrat diskutiert. Als eine Möglichkeit, den Service public auf Dauer zu finanzieren.

Nichts gegen eine solche Diskussion. Sie ist notwendig und morgen Dienstag Thema im Nationalrat. Aber es werden den gut bezahlten Post-Spitzenleuten doch bessere Ideen einfallen, als einfach neue Zwangsgebühren einzuführen. Oder?

Kommentar von Wirtschaftsredaktor Marcel Speiser

Wer kümmert sich noch um unsere Post?

Seit April dieses Jahres ist Ulrich Gygi nicht mehr der Chef der Schweizerischen Post. Und seither ist bei dem Staatsunternehmen nichts mehr, wie es sein sollte.

Das hat in erster Linie mit Claude Béglé zu tun. Der neue Präsident benutzt sein Amt zur Selbstdarstellung, zur Steigerung seiner Machtfülle. Und er lässt keine Gelegenheit aus, Post-Chef Michel Kunz zu desavouieren.

In seinen zahllosen Interviews inszeniert sich Béglé als «Macher», der seine erfolgreiche Karriere abgebrochen hat, um «etwas für sein Land zu tun». «Ich bin ein Leader», lobt er sich und prahlt, mindestens 16 Stunden am Tag zu arbeiten: «Bis Mitternacht ist Arbeitszeit.»

Nur: Was ist dabei für die Post herausgekommen? Nichts, wovon wir als Post-Kunden und Besitzer etwas hätten!

Béglé hat bisher seine Energie darauf verwendet, seine Machtbasis im Verwaltungsrat auszubauen. Zwei kritische Mitglieder hat er durch Gefolgsleute ersetzt. Und die Post hat er an der Spitze so umgebaut, dass er jetzt quasi allein das Sagen hat. Béglé tut so, als ob die Post ihm ganz persönlich gehören würde!

Und Moritz Leuenberger schaut ihm tatenlos zu. Schlimmer noch: Der Postminister hilft Béglé gar dabei, Post-Chef Kunz ins politische Abseits zu stellen.

Offensichtlich ist das seit diesem Wochenende. Kaum hat Kunz die Schnaps-Idee von der Briefkastengebühr öffentlich gemacht, sagt Leuenberger: «Wir denken nicht im Traum an eine solche Gebühr!» Und Béglé: «Eine Briefkastengebühr war nie ein Thema!»

Wers glaubt! Kunz mag naiv und ungeschickt agieren. Dass aber ein gestandener Post-Manager eine Idee herumposaunen soll, die er noch nie mit seinen beiden Chefs besprochen hat, ist höchst unwahrscheinlich.

Viel plausibler ist: Leuenberger und Béglé kannten die Idee mit der Briefkastengebühr und lies-sen Kunz mit ihr ins offene Messer laufen. Muss bald der letzte Manager gehen, der sich noch um unsere Post gekümmert hat?
play Der Post-Chef Michel Kunz. (Toini Lindroos)

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