Finanz-Krise Was bedeutet das Desaster für mich?

  • Publiziert: 09.10.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Matthias Pfander

Auch wer keine Aktien hat, ist von der Bankenkrise betroffen. Über seine Pensionskasse. Oder seine Firma. Die vielleicht sogar pleitegeht.

Die Finanzkrise hält die Welt in Atem. Die Panik an den Börsen führt dazu, dass die Wirtschaftsprognosen korrigiert werden. Ein Desaster. Nicht nur für Aktienbesitzer. Für jeden von uns. In jedem Bereich.

Pensionskassen/Renten
Die Börsenturbulenzen dauern schon länger an, deshalb haben die Pensionskassen ihre Investitionen in Aktien zurückgefahren. Doch die Kursstürze haben mittlerweile historische Ausmasse angenommen, und darunter leiden auch die Pensionskassen.

«Ich schätze, dass im Moment etwa ein Drittel der privatrechtlichen Kassen eine Unterdeckung aufweisen», sagt Michael Brandenberger von Complementa. Er verfasst die jährliche Studie Risiko-Check-up, mit der die finanzielle Situation der Schweizer Pensionskassen durchleuchtet wird.

Brandenberger will aber nicht schwarzmalen. Ende 2002 sei die Situation schlimmer gewesen und danach konnten die Kassen sich wieder ein gutes Polster zulegen.

Lohn
Die Finanz- und Börsenkrise beeinflusst die Lohnverhandlungen für das nächste Jahr. In einzelnen Unternehmen haben sie bereits begonnen. Die Gewerkschaften fordern den vollen Teuerungsausgleich sowie eine Reallohnerhöhung um bis zu 2,5 Prozent.

Die Finanzkrise arbeitet aber für die Unternehmerseite. Die ungewisse wirtschaftliche Entwicklung kann ihnen als Argument dienen, bei den Löhnen zu knausern.

Doch selbst der Arbeitgeberverband fordert seine Mitglieder zur Vernunft auf. «Ich erwarte von beiden Seiten, dass sie sorgfältig und fair mit dieser schwierigen Situation umgehen», sagt Verbandsdirektor Thomas Daum.

Konsum
Die Konsumenten reagieren empfindlich auf krasse Börsenturbulenzen. Weil dadurch die Zukunft ungewiss wird. Deshalb beginnt man das Geld zu horten, dreht jeden Franken zweimal um.

Der Ökonom Willy Hautl von der Zürcher Kantonalbank rechnet damit, dass die Krise sich deutlich beim Konsum niederschlagen wird. Und das bremst die Wirtschaft.

Jobs
Aktuell liegt die Arbeitslosenquote bei 2,4 Prozent. Dass sie über die nächsten Monate steigen wird, ist absehbar. Nur über das Ausmass sind sich die Ökonomen uneinig.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco rechnet zum Beispiel für das nächste Jahr mit einer Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent. Andere Ökonomen nennen 3 Prozent als realistisch. Gerade wegen der Krise sind im Moment die Wirtschaftsprognosen aber unsicher.

Export
Die Schweizer Wirtschaft ist auf Export getrimmt. Und in der Euro-Zone ist die Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft. Das wichtigste Exportland Deutschland rechnet nun für das nächste Jahr mit einem Wachstum zwischen 0 und 0,5 Prozent.

Nullwachstum bei unseren Nachbarn tut auch uns weh. Die Schweiz kann weniger exportieren. Im letzten Jahr gingen 63 Prozent der Exporte in die EU. Das brachte über 124 Milliarden Franken ein. Mit 69 Milliarden Franken exportierte die chemische Industrie am meisten, gefolgt von der Maschinen- und Elektroindustrie mit 43 Milliarden sowie der Uhrenindustrie mit 16 Milliarden und der Metallindustrie mit 15 Milliarden Franken.

Bauwirtschaft
Die Prognosen sagen, dass die Bauinvestitionen in diesem Jahr zurückgehen werden. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft ihren Schwung verliert.

Im letzten Jahr nahmen die Bauausgaben wegen der hohen Teuerung zu. Rechnet man diese weg, gabs bereits damals einen Rückgang.

Es harzt im Tiefbau sowie bei den öffentlichen Aufträgen. Gut läuft hingegen der Wohnungsbau. In der ersten Jahreshälfte nahm die Zahl der neuen Wohnungen gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent zu. Die Zahl der Baubewilligungen kletterte sogar um 8 Prozent in die Höhe. Einen zusätzlichen Impuls gibt hier die Abschaffung der sogenannten Dumont-Praxis. Neu können Investitionen in eine Liegenschaft von Anfang an von den Steuern abgezogen werden.

Tourismus
Die wirtschaftlichen Unsicherheiten werden sich auch im Tourismus niederschlagen. Vor allem auch, weil Touristen aus den EU-Ländern stammen. Und dort kränkelt die Wirtschaft.

In solch unsicheren Zeiten streichen die Leute ihr Ferienbudget zusammen. Oder machen in einem Land Ferien, wo es günstiger ist als in der Schweiz.

Währung und Zinsen
Der Schweizer Franken habe sich einmal mehr als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten erwiesen, heisst es bei der ZKB. Vor allem gegenüber dem Euro ist der Franken deshalb stärker geworden. Einen Nachteil für die Exportwirtschaft oder den Tourismus erwartet man bei der Bank dadurch nicht.

Die Schweizerische Nationalbank hat gestern zusammen mit anderen Notenbanken auf der ganzen Welt die Zinsen gesenkt. Dadurch können Geschäftsbanken wie UBS oder ZKB günstiger Geld von der Nationalbank ausleihen.

Das soll das Bankgeschäft stützen, aber auch die Wirtschaft. Zudem werden Hypotheken günstiger. Das belebt auch die Baubranche. An den Börsen sorgten die Zinssenkungen aber gestern nur kurz für eine Beruhigung.

Rohstoffe
Fast hat man sich daran gewöhnt, dass der Liter Benzin an der Zapfsäule über 1.90 Franken kostet. Seit sich die Bankenkrise verschärft hat, ist der Ölpreis enorm unter Druck gekommen.

Aber auch die Preise für andere wichtige Rohstoffe wie Aluminium, Kupfer oder Nickel sind massiv gefallen. Denn stottert die Weltwirschaft, sinkt auch die Nachfrage nach Rohstoffen.

Immerhin: Dadurch wird die Teuerung gedämpft. Die Unternehmen können auf den Weltmärkten billiger einkaufen.

play Talfahrt: An den Börsen weltweit waren die Händler einmal mehr in heller Aufregung. (Reuters)

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