UBS-Debakel: Die grösste Schweizer Bank verliert 16 Milliarden Franken Warum sollen wir Ihnen diesmal glauben, Herr Ospel?

  • Publiziert: 11.12.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Daniel Meier

ZÜRICH – 4 Milliarden wurden im Oktober abgeschrieben. Nur neun Wochen später sind es 16 Milliarden. UBS-Präsident Marcel Ospel (57) sitzt die Krise aus.

BLICK: Herr Ospel, wie soll man einer Bank noch vertrauen, die mit ihren Zahlen dermassen daneben liegt?
MARCEL OSPEL:
«Ich verstehe die Verwirrung. Niemand hat damit gerechnet, dass UBS rund 16 Milliarden abschreiben muss und möglicherweise in diesem Jahr keinen Gewinn erzielen wird. Aber es gibt keinerlei Grund, besorgt zu sein. Man kann weiterhin volles Vertrauen in unsere Bank haben. Wir bleiben eine der sichersten Banken der Welt.»

Anfang Oktober sagten Sie: «Wir haben unsere Engagements konservativ bewertet und fühlen uns mit ihnen komfortabel.» Jetzt sagen Sie: «Noch schlimmere Auswirkungen sind für mich nur sehr schwer vorstellbar.» Warum soll man Ihnen diesmal glauben?
«Das Problem war, dass im amerikanischen Immobilienmarkt im Oktober und vor allem im November erneut eine negative Dynamik eingesetzt hat. Mit unserer jüngsten Wertberichtigung nehmen wir ein extremes Stress-Szenario voraus. Dabei ist für mich aus heutiger Sicht aber schwer vorstellbar, dass dieses Szenario so eintreffen wird.»

Es könnte am Ende weniger schlimm sein, als man jetzt angenommen hat?
«Das halte ich durchaus für möglich.»

Von aussen hat man oft den Eindruck, dass eine Firma nicht alles kommuniziert, was sie weiss. Aber derzeit macht die UBS den Eindruck, dass sie’s selber nicht weiss.
«Ich kann das verstehen. Und ich kann gleichzeitig versichern, dass wir genau wissen, welche Bestände wir in unseren Büchern haben.»

Banken sind dazu da, das Funktionieren einer Volkswirtschaft zu ermöglichen. Im Moment machen sie das Gegenteil: Sie gefährden die Konjunktur.
«Das ist die alte Frage nach dem Huhn und dem Ei.»

Zumindest war am Konjunktur-Himmel kaum eine Wolke zu erkennen – bis die Bankenkrise ausbrach.
«Das ist keine Bankenkrise, sondern eine Kreditkrise.»

Also eine Kreditkrise. Und die greift inzwischen auf andere Bereiche über.
«Nein, es war umgekehrt. Die Konjunktur in den USA hat sich abgeschwächt, die Immobilienpreise begannen zu sinken, und das brachte die Hypothekarschuldner in Bedrängnis.»

Aber in den US-Häusermarkt ist zu viel Geld gepumpt worden. Nicht direkt durch die UBS, aber durch die Banken. Deshalb ist es eben doch eine durch Banken verursachte Krise.
«Das würde heissen: Hätten die Banken die Kredite nicht finanziert, wäre die Krise nicht entstanden. Ich verstehe diese Sicht. Aber man kann auch sagen: Hätte sich die US-Wirtschaft nicht abgekühlt, wäre die Krise gar nicht ausgebrochen und die Häuserpreise wären weiter gestiegen.»

Aber das war doch eine Blase – und die wäre nur noch grösser geworden.
«Wir müssen vorsichtig sein mit diesen Begriffen. Es gibt eine Immobilienblase in Teilen des Marktes, aber längst nicht überall. Viele US-Immobilien sind von der Krise nicht betroffen.»

Nach dem neuen Abschreiber muss niemand den Hut nehmen. Warum?
«Wir haben bereits personelle Konsequenzen gezogen. Was jetzt bekannt wurde, hat den gleichen Ursprung.»

Diesmal fordert niemand Ihren Rücktritt – gutes oder schlechtes Zeichen?
«Wahrscheinlich ein gutes. Ich gehe nicht feige zur Hintertüre hinaus, wenn ich einen Beitrag zur Lösung leisten kann.»

Aber sobald das Problem als gelöst bezeichnet werden kann – ist dann auch Ihre Zeit abgelaufen?
«Das würde ich daraus nicht ableiten.»

Wann erfährt die Öffentlichkeit die Wahrheit über den Abgang von Peter Wuffli im letzten Juli?
«Alles was wir dazu sagen konnten, haben wir gesagt.»

Die Sache wird zum Mythos wie die Ermordung Kennedys. Denn alle wissen: Irgendwo in einem UBS-Schrank liegt ein Papier, auf dem die Wahrheit zu Wuffli steht.
«Alles was wir dazu sagen konnten, haben wir gesagt.»

Wuffli ist einer der Hauptverantwortlichen, weil er in der relevanten Zeit Konzernchef war. Warum schützen Sie ihn?
«Wie gesagt: Alles was wir ...»

Lassen wir das. Ihr Lohn wird 2007 nur aus der Basisvergütung von 2 Mio. bestehen. Definitiv kein Bonus?
«Noch hat der Kompensationsausschuss nicht entschieden. Aber ich erwarte keinen Bonus, und ich will auch keinen.»

Das klingt nach symbolischem Beitrag: Selbst wenn man Ihnen einen Bonus geben würde, würden Sie
ihn zurückgeben?

«Ich habe gesagt: Ich will keinen Bonus.»

Also würden Sie ablehnen.
«Das sind Ihre Worte. Meine sind: Ich will keinen Bonus.»

Die UBS hat über 80000 Angestellte. Wie viele davon müssen einen tieferen Bonus in Kauf nehmen?
«Bonusberechtigt sind fast alle. Wir kennen keine Sippenhaftung. Das heisst, in jenen Abteilungen, die gut gearbeitet haben, wird auch ein Bonus bezahlt.»

Sie haben einen neuen Aktionär: die staatliche GIC aus Singapur. Wird die UBS teilverstaatlicht?
«Nein, das ist erspartes Geld des Staates Singapur. Singapur und die Schweiz vertreten gemeinsame Werte. Namentlich mit Blick auf ihre beiden Finanzplätze.»

Aber was ist, wenn sich ein Staatsfonds beteiligen will, den man nicht vorbehaltlos gutheissen kann?
Sagen wir aus Saudi-Arabien.

«Unsere Aktien sind weder vinkuliert noch sonstwie gesperrt. Wer will, kann sie kaufen. Aber auch uns ist selbstverständlich wichtig, wer bei uns investiert ist.»

United Bank of Singapore?

Kommentar von Bernhard Weissberg, Chefredaktor

Die Marke Schweiz steht für Sicherheit, Zuverlässigkeit, für bewahrendes Gebaren.

Beim Grounding der Swissair vor sechs Jahren wurde die Marke Schweiz fahrlässig beschädigt.

Gestern erlebten wir das zweite Grounding der Marke Schweiz. Und wieder ist Marcel
Ospel dabei.

Das «S» in der Marke UBS steht für Switzerland, steht für Swissness, für die Schweiz und ihre Tugenden.

Der gleiche Marcel Ospel, der dem Schweizer Staat die letzten Jahre Mässigung und Verschlankung verordnen wollte, hat mit der durch unseren Staat und uns Bürger symbolisierte Swissness geschäftet – und dabei offensichtlich Schindluderei betrieben. Zweit-, nein drittklassige Hypotheken-Geschäfte getätigt und so unglaubliche 16 Milliarden Franken verjubelt.

Die Ironie der Geschichte: Ospel eilte in der Not zum Staat, damit der ihm aus der Patsche helfe. Nein, es war nicht die Schweiz. Es ist Singapur. Steht das «S» von UBS bald nicht mehr für die Schweiz?

Auf Treibsand gebaut

Der Ursprung des 16-Milliarden-Abschreibers der UBS liegt in den USA. Buchstäblich. Denn abschreiben muss die UBS ihre Wertpapiere, die auf US-Hypotheken beruhen.

Sie heissen «Mortgage-based securities» (MBS) und «Collateralized debt obligations» (CDO). Finanzinstrumente, mit denen amerikanische Hypotheken zum grossen Teil refinanziert sind. Davon besitzt die UBS reichlich, für 39 Milliarden Franken. Das war eine gute Anlage, solange die Immobilienpreise stiegen und die Zinsen tief blieben.

Heute sind die Dinger nichts mehr wert. Die Zinsen sind gestiegen, die Schuldner können nicht mehr zahlen, die Hauspreise brechen zusammen. Und weil der Markt stillsteht, ist auch kein Marktpreis mehr zu ermitteln.

Ob der Abschreiber von 16 Milliarden Franken ausreicht, steht in den Sternen. Auch wenn für Marcel Ospel «noch schlimmere Auswirkungen nur sehr schwer vorstellbar» sind. Sein CEO Urs Rohner gesteht ein, dass sich der effektive Wert der Bestände «noch immer nicht genau beziffern lässt». Dabei dürften sie noch mit einem Restwert von 30 Milliarden zu Buche stehen. Fortsetzung folgt.

GERD LÖHRER
play UBS-Verwaltungsrats-Präsident Marcel Ospel: «Ich gehe nicht feige zur Hintertüre hinaus, wenn ich einen Beitrag zur Lösung leisten kann.» (Toini Lindroos)

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