Wall Street nach Kollaps: 30'000 Jobs weg?

  • Publiziert: 16.09.2008, Aktualisiert: 02.01.2012

NEW YORK – Die Krise in der Banken- und Versicherungs-Branche hat die Kurse weltweit in die Tiefe gerissen. Eine ganze Legion von Bankern bangt um ihre Jobs. Der Dow Jones erlitt die schlimmsten Verluste seit den Terrorattacken 2001.

Der Gouverneur des Bundesstaates New York sieht nach dem Kollaps der Bank Lehman Brothers bis zu 30000 Stellen an der Wall Street in Gefahr. Die vollen Auswirkungen der Krise dürften erst in Monaten oder gar Jahren klarwerden, sagte David Paterson.

Nach Angaben des New Yorker Arbeitsamts arbeiteten im Juli 181000 Personen an der Wall Street, 11000 weniger als im Vorjahr. Jede Stelle im Finanzsektor schafft Experten zufolge bis zu vier weitere Arbeitsplätze.

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf des Rivalen Merrill Lynch verunsicherten die Anleger an der Wall Street tief. Lehman Brothers ist zahlungsunfähig und musste Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts beantragen (Blick.ch berichtete). Die angeschlagene Bank Merrill Lynch wurde von der Bank of America gekauft.

Sorgenkind AIG

Auch der ehemals grösste Versicherungskonzern der Welt, American Industrial Group (AIG) kam in Schwierigkeiten: Der Titel brach um mehr als 60 Prozent auf 4,76 Dollar ein. AIG sucht weiter unter Hochdruck Kapital. Laut Medienberichten benötigt der Konzern rasch zwischen 40 und 75 Milliarden Dollar an Kapitalspritzen und Krediten.

Dazu folgte heute eine weitere Hiobsbotschaft: Die drei wichtigsten Rating-Agenturen der Welt haben in der Nacht den Versicherungsriesen AIG herabgestuft: Moodys senkte ihre Bewertung auf A2 von Aa3, Standard & Poors auf A-Minus von AA-Minus und Fitch auf A von AA-Minus. Alle drei Institute erklärten, weitere Herabstufungen könnten folgen.

Schockwellen rund um den Globus

Die Schockwellen der Bankenpleite in den USA haben die Aktienmärkte weltweit nach unten gerissen. Der New Yorker Börsenindex Dow Jones erlitt zum Börsenschluss gestern Abend den stärksten Einbruch seit der Wiederaufnahme des Handels nach den Terrorattacken vom 11. September 2001.

Die Börse von São Paulo als grösster Handelsplatz in Südamerika gab daraufhin um 7,59 Prozent nach. Der japanische Nikkei-Index stürzte heute in den ersten Handelstunden um 5,06 Prozent. Die Börse in Hong Kong eröffnete 6,1 Prozent im Minus.

Auch die Börsen in Australien und Südkorea fielen Richtung Südpol. Der S&P/ASX-Index in Sydney verlor mehr als 2,5 Prozent, der Kospi in Südkorea mehr als 5,3 Prozent. Der ST Index in Singapur eröffnete gut 3 Prozent schwächer.

Notenbanken greifen ein

Politiker und Notenbank-Vertreter in aller Welt bemühten sich, die Sorgen vor noch schwereren Folgen der Krise zu dämpfen.

Zahlreiche Zentralbanken – darunter auch die Schweizer Nationalbank – pumpten zur Sicherung der Liquidität Milliarden in den Geldmarkt. Die japanische Zentralbank gab 1500 Milliarden Yen (fast 16 Milliarden Franken)!

Zinsentscheid der Fed

Gespannt erwarten die Anleger heute die Quartalszahlen der führenden Investmentbank Goldman Sachs. Analysten erwarten zwar einen deutlichen Gewinneinbruch, aber keine roten Zahlen.

Überdies entscheidet die US-Notenbank über ihre weitere Zinspolitik nach dem neuen Höhepunkt der Finanzmarktprobleme. (SDA/gux)

Obama/McCain: Reform des Finanzsystems

MIAMI –Der gestrige Börsensturz hat auch seine Auswirkungen auf den US-Wahlkampf: Die beiden US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain haben angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs das Finanzsystem im Land reformieren zu wollen. «Ich glaube, wir müssen schnell handeln, denn ich vermute, dass das schwindende Vertrauen in die Kreditmärkte, in die Finanzmärkte nicht sofort zurückkehren wird», sagte der Demokrat Obama gestern. Das Regelwerk für die Wall Street müsse umfassend überarbeitet werden. Zur Hypothekenkrise sagte Obama, möglicherweise müsse die Regierung kurzfristig weitere Schritte unternehmen. Obama hatte schon vor einem Jahr eine Modernisierung des amerikanischen Finanzsystems gefordert. Die Wirtschaftsberaterin des Republikaners McCain, Carly Fiorina, sagte, die Reformen würden innerhalb der ersten 100 Tage seiner Präsidentschaft angegangen. Gegenwärtig gebe es einen Flickenteppich verschiedener Agenturen, die zusammengeführt und mit mehr Vollmachten ausgestattet werden müssten, erklärte die ehemalige Chefin von HP. «Die Regulierungsstrukturen in Washington für die Wall Street sind inzwischen etwa 70 Jahre alt.» Fiorina warf der US-Börsenaufsicht SEC vor, auf die jüngsten Turbulenzen nicht richtig reagiert zu haben.

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