Reissen uns die Banken in die Krise?

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Werner Vontobel

Hypothekarkrise? Die wahre Hypothek ist das Finanzsystem selbst.

Alle reden von Merrill Lynch und UBS, von Pleiten und Milliardenverlusten. Doch die Hypokrise ist nur die Sumpfblüte. Wenden wir uns lieber dem Sumpf zu. Zwei Stichworte genügen: Globalisierung und Shareholder-Value. Die Globalisierung gab den Unternehmen Gelegenheit, die Löhne unter Druck zu setzen, die Shareholder-Philosophie gab ihnen die Rechtfertigung dazu, diese Chance zu nutzen.

Die Folgen werden täglich in den Finanzmedien bejubelt: Unternehmen erzielen Gewinne, die den Investitionsbedarf weit übersteigen. Der Rest fliesst in die Finanzmärkte, die das Geld für ihre Spekulationen brauchen. «Die hohen Erdölpreise sind zum grossen Teil das Ergebnis riskanter Spekulationsgeschäfte von Finanzinvestoren, Investmentbanken und Hedgefonds», schreibt die «Financial Times Deutschland».

Eine weitere Folge der neuen Machtverhältnisse ist die immer einseitigere Verteilung der Einkommen. In Deutschland wurden 50 Prozent der Bevölkerung seit 1992 ärmer. In den USA haben seit 2002 nur die obersten 10 Prozent ihr Einkommen erhöhen können, dafür aber umso kräftiger.

Kein Wunder, wird der aktuelle Aufschwung vor allem vom Luxuskonsum der Reichen angetrieben. Doch der gehobene Bedarf allein hätte nicht gereicht. Es brauchte auch die Nachfrage der weniger Reichen – und die konsumierten prompt auf Pump. Das nötige Geld borgten sie sich via Bank von den Reichen.

In den USA stockten die Haushalte ihre Schulden allein seit 2003 um 4800 Milliarden Dollar (!) auf. Die Banken schmissen ihnen das Geld förmlich nach. Als «Sicherheit» diente ihnen der steigende Wert der Immobilien. In der Schweiz haben die Haushalte seit 2005 am Bankschalter 61 Milliarden Franken Hypothekarkredite abgeholt und damit den Bau- und Nachfrageboom befeuert.

Damit wären wir beim Thema «Hypothek». Sie ist ein Sinnbild dafür, wie sich das Bankengeschäft in Zeiten der Globalisierung verändert hat. Einst war die Hypothek ein einfaches Geschäft: Der Kunde kommt zur Bank, leiht sich eine halbe Million, dann passiert – ausser Zinszahlungen – jahrelang nichts. Wie langweilig! Wie unprofitabel! Wie peinlich für die verschlafenen Kollegen vom Hypo-Desk.

Also wurde die Hypothek aufgepeppt.

Erster Schritt: Man bündelte die Hypothekarforderungen zu Pools von beispielsweise 100 Millionen Dollar, teilte sie in Zertifikate von 100 Dollar auf, verkaufte sie via Börse an die Anleger. So wurden langfristige Hypotheken zu jederzeit handelbaren Wertpapieren.

Zweiter Schritt: Man unterteilte die Pools in Risikogruppen, ähnlich Gläubigergruppen bei einem Konkurs. Damit die Anleger die so geschaffenen Risiken «managen» können, wurden laufend neue Optionen und Indices konstruiert, auf die man Wetten abschliessen kann. Die Hypothek war in der Moderne angelangt.

So weit, so profitabel für die Banken. Dann kamen die zu erwartenden Verluste – die mit völlig unerwarteter Heftigkeit auf die Banken zurückschlugen. Das ausgeklügelte Absicherungssystem spielte verrückt und brachte das weltweite Kreditsystem an den Rand des Kollaps, der nur dank den Notenbanken – bisher – abgewendet werden konnte.

Die globale Hypothekarkrise zeigt – wenn man sehen will –, welche Hypothek uns wirklich erdrückt: unsere Banker. Hedgefonds-Manager und Financiers kontrollieren zwar die ganze Wirtschaft und drängen ihr kurzfristiges Rendite-Denken auf. Sie haben aber sich selbst und ihr System weder intellektuell noch ethisch im Griff. Statt mathematisch verbildeter Zocker und Zauberlehrlinge brauchen wir Banker, die sich als Dienstleister an der Wirtschaft verstehen, und die vielleicht sogar noch wissen, was ein Hypothekarkredit ist.

Werner Vontobel, Wirtschaftspublizist.- SonntagsBlick

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