Löhne – Dosis erhöhen!

  • Publiziert: 14.02.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Werner Vontobel

Statt die Nachfrage mühsam anzukurbeln, wenn die Krise schon da ist, kann man sie auch gleich schaffen – etwa durch einen automatischen Teuerungsausgleich.

Auf die Institutionen kommt es an. Beispiel: China. Alle Ökonomen sind sich einig, dass die Arbeitslosigkeit bei uns sinkt, wenn die Chinesen endlich mehr als bloss 40 Prozent ihres Sozialprodukts konsumieren. Am WEF in Davos hat Chinas Notenbankchef Zhu Min erklärt, wie man es bewerkstelligen könnte: «Unsere Regierung weiss, dass sie viel mehr in die soziale Sicherheit investieren muss, damit sich die Bevölkerung sicher fühlt und konsumiert.»

In Deutschland ist seit dem Jahr 2000 weniger als ein Zehntel des zusätzlichen Volkseinkommens konsumiert worden. Warum? Weil die Regierung die soziale Sicherheit abbaute. Bloss hat Berlin noch nicht begriffen, wie schlecht das für den Konsum ist.

In den USA haben die Haushalte in der Ära Bush gut 70 Prozent der Konsumsteigerung auf Pump finanziert. Woran das liegt? Daran, dass seit 2000 nur noch die Einkommen des reichsten Fünftels der Haushalte gestiegen sind. Und weil die US-Banken schlecht reguliert waren.

In der Schweiz ist die (in Vollzeitstellen gemessene) Beschäftigung seit 1990 praktisch zum Stillstand gekommen, das BIP-Wachstum pro Kopf hat sich halbiert. Woran das liegt? Mutmasslich an der mangelnden Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer. Ab 1990 stiegen die Reallöhne jährlich nur noch um 0,4 Prozent im Vergleich zu 1,6 Prozent in den 20 Jahren zuvor. Dafür explodierten die Gewinne der Unternehmen. Sie konnten 1990 erst 70 Prozent ihrer Investitionen selbst finanzieren, inzwischen sind es trotz der exorbitanten Managerlöhne rund 133 Prozent – ein Plus von jährlich gut 30 Milliarden Franken bzw. eine entsprechende Lohneinbusse für die Normalverdiener.

Die Lösung? Barack Obama kennt sie: Er will die Gewerkschaften stärken. Auch die Schweiz braucht, wie es die «Financial Times» jüngst gefordert hat, «Lohnsteigerungen, die dem Produktionsfortschritt entsprechen». Sonst bleibt die Nachfrage auf der Strecke. Der automatische Teuerungsausgleich muss wieder zur Norm werden, selbst wenn es die Inflation anheizen sollte. Die Nationalbank muss das in Kauf nehmen. Die Alternative ist eine steigende Arbeitslosigkeit.

Die Schweiz kann nicht ewig darauf hoffen, sich mit Exportüberschüssen auf Kosten des Auslands zu sanieren.

Auf die Institutionen kommt es an – der Markt ist Nebensache

Noch vor einem Jahr gaben bei uns Ökonomen den Ton an, die glaubten, alles hänge vom Markt ab: je härter der Wettbewerb, desto höher der Wohlstand für alle. Jetzt setzt sich wieder die alte Weisheit durch: Wie gut die Wirtschaft funktioniert, hängt von den gesellschaftlichen Institutionen ab, von Sozialwerken, Verteilungsritualen, Finanzsystemen usw. Und die Grundregel lautet: Breit gestreuter Wohlstand setzt ein Gleichgewicht der sozialen Kräfte voraus. Die Anhänger der Markttheorie sehen es übrigens genauso. Bloss glauben sie, dass dieses Gleichgewicht nur durch eine Institution hergestellt werden kann: den totalen Wettbewerb. Jetzt setzt sich (hoffentlich) wieder das pragmatische Rezept durch: Man stelle fest, wo Machtballungen auftreten, erkunde, welche Institutionen daran schuld sind, und verändere die Institutionen so, dass der Schwache gestärkt und der Starke geschwächt wird. Darum geht es in dieser Serie. An welchen Schrauben müssen wir drehen, damit die Schweiz solidarischer und damit krisenfester wird? Endgültige Antworten gibt es nicht. Die Diskussion ist offen.

Vontobels Rezepte

Neue Serie – Folge 2 KURZARBEIT NACHFRAGE 2. SÄULE KLEINE KREISE

Firmen unter Druck setzen

In Teil 1 der Serie schlugen wir vor, Arbeitslosigkeit in Freizeit zu verwandeln. Nun hat «Die Zeit» genau diesen Vorschlag zur Titelstory gemacht (Bild). «Wie Deutschland durch die Krise kommen kann: Wir alle müssen teilen – die Arbeit und den Lohn», heisst es in Deutschlands führender Wochenzeitung. Weiter: «Es muss eine Atmosphäre entstehen, in der jedes Unternehmen unter massiven Legitimationsdruck kommt, wenn es zu Kündigungen greift, statt zu solidarischen Lösungen.» Genau so ist es.

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