Die Dotcom-Blase und deren Platzen im März 2000 hat der Börsenkapitalismus noch knapp überlebt. Die Hypokrise und den Immobiliencrash des Jahres 2008 dagegen kann dieses Wirtschaftssystem nicht mehr auffangen. Und der Hauptgrund für sein Scheitern liegt im System selbst.Die Börse kann jederzeit fiktive Wertsteigerungen produzieren und versilbern: Ein gut gestreutes Gerücht genügt, und schon ist eine Aktie drei Prozent mehr wert. Weil alle auf solche Signale gleich reagieren, werden aus den drei bald zehn, 30 oder 100 Prozent – bis die Blase platzt, wie damals die groteske Überbewertung von allem und jedem, was mit dem Internet zu tun hatte.Der Börsenkapitalismus, auch Finanzkapitalismus genannt, bietet der Wirtschaft einen Rückkoppelungsmechanismus, der statt auf reale Bedürfnisse nur auf nominelle Wertsteigerungen reagiert, die er selber provoziert: ein Leerlauf, der enorme Profite oder Saläre generiert und einen immer grösseren Teil des Bruttosozialprodukts verschlingt. In der Schweiz betrug der Anteil der Finanzdienstleistungen 2007 mehr als zwölf Prozent. Rund anderthalb Monate Arbeit einer kompletten Volkswirtschaft gehen allein für die Verwaltung bereits gemachter Vermögen drauf. 1980 waren es erst fünf Prozent, obwohl damals alle
Bücher von Hand geführt wurden.Der Börsenkapitalismus hat aber nicht nur die Bedürfnisse aus seiner Software entfernt, sondern auch den Begriff Verantwortung: Sparer treten ihre Verantwortung an Pensionskassen ab, diese wiederum an die Bank und an Vermögensverwalter, die auf maximaler Rendite beharren. Wer andere Kriterien geltend macht (Umwelt, Arbeitsplätze, Nachhaltigkeit), wird vom Markt gefegt, bevor er oder sie vielleicht doch noch recht behält.Beim gegenwärtigen globalen Finanzabsturz haben wir die Chance, das System neu zu programmieren. Denn im Augenblick sind die
Banken in aller Welt faktisch verstaatlicht. Allerdings ist das nur eine Übergangsphase. Niemand will dem
Staat auf Dauer so viel Macht einräumen. Gefragt ist vielmehr ein gemischtwirtschaftliches System. Aber auch das muss nicht neu erfunden werden. Die nötigen Institutionen existieren schon, sie brauchen nur gestärkt zu werden.Pensionskassen: Sie müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und ihr
Geld so anlegen, wie es den langfristigen Interessen ihrer Mitglieder entspricht – auch dem Interesse an einem sicheren Arbeitsplatz und einer intakten Umwelt. Dazu braucht es einen Entscheid aller Versicherten.Anlagefonds: Sie müssen gegenüber den Anlegern klar deklarieren, nach welchen Kriterien sie ihr Geld investieren. Anders als Pensionskassen können sie sich auch für die Variante «Rendite um jeden Preis» entscheiden. Das muss aber offen deklariert werden («Achtung, Ihr Anlageentscheid kann Arbeitslosigkeit provozieren!»). Ethische
Geldanlage: Pensionskassen und Anlagefonds brauchen die Hilfe von Spezialisten. In jüngster Zeit entstand ein Wirtschaftszweig, der sich mit ethischer Anlagepolitik befasst. Er braucht in Anbetracht seiner Bedeutung eine staatliche Oberaufsicht.Kantonalbanken: Sie müssen ihren volkswirtschaftlichen Auftrag wieder ernst nehmen und sich aktiv um die wirtschaftliche Entwicklung ihres Kantons oder ihrer Region kümmern. Ferner sollten sie mit den Mitteln der Preispolitik dafür sorgen, dass der Service public der Finanzdienstleistungen kostengünstig sichergestellt wird.
PostFinance: Sie muss zu einer nationalen Bank ausgebaut werden. Wir brauchen einen harten Preiswettbewerb; und sei es nur, um zu verhindern, dass die Grossbanken Renditen nur zu dem Zweck erzielen, ihre Manager mit zweistelligen Millionengehältern zu vergolden.Mittelstandsbank: Die produzierende Wirtschaft sollte einen Teil ihrer finanziellen Reserven in eine genossenschaftliche Bank einbringen, um dadurch krisenfester zu werden.All diese Massnahmen folgen demselben Ziel: einen politischen Dialog über die Bedürfnisse von morgen zu führen, bevor die Investitionen von heute getätigt werden. Die Kapitalmärkte allein sind dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das haben sie endgültig bewiesen. Zudem kann es nichts schaden, wenn der Markt seine verlorene Seele wiederfindet.