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In Mexiko kam es diese Woche zu Massenprotesten. Als Folge davon setzte Staatspräsident Felipe Calderon den Preis für ein Kilo Tortilla auf maximal 60 Cents herab, nachdem er zuvor in sechs Wochen von 40 auf 75 Cents gestiegen war.
Doch das Problem betrifft nicht nur Mexiko, und es lässt sich nicht mit einem staatlichen Preisdekret lösen. Das grundlegende Dilemma ist darin zu suchen, dass bald sieben Milliarden Menschen die biologische Kapazität unseres Planeten erschöpft haben. Nach Berechnungen des «Global Footprint Network» ist Mutter Erde inzwischen schon zu rund 25 Prozent übernutzt.
Das bedeutet Raubbau, verbunden mit schleichendem Abbau der Biokapazität durch gerodete Wälder, kranke Gewässer, Erosion, Versteppung. Und wenn es nicht mehr für alle reicht, bedeutet das auch Verteilungskämpfe. Für Lester C. Brown, den Präsidenten des «Earth Policy Institute» ist es vor allem eine Auseinandersetzung zwischen weltweit 800 Millionen Automobilisten und 2 Milliarden Ärmsten, die täglich um ihre Nahrung bangen.
Der Aufstand der Mais-Konsumenten in Mexiko ist dafür ein erstes Fanal. Mais wird vor allem deshalb knapp, teuer und für viele unerschwinglich, weil immer mehr davon für die Erzeugung von Brennsprit verwendet wird. 2006 etwa gingen 11 Prozent der Maisernte der USA (dem mit Abstand grössten Maisproduzenten der Welt) für Bio-Sprit drauf. Dieses Jahr sollen es schon 20 Prozent und nächstes Jahr gar 31 Prozent sein. Zurzeit sind weltweit 70 Biomasse-Raffinerien im Bau.
Essen oder rasen? Zur Verdeutlichung: Mit der Menge Mais, die es braucht, um einen Mittelklassewagen 100 Kilometer weit zu bewegen, kann sich ein durchschnittlicher Mensch einen Monat lang ernähren. Brutal gesagt: Wer sich einen Off-Roader statt einen Mittelklasse-Wagen leistet, entzieht damit etwa 10 Menschen die Lebensgrundlage. Er dreht ihnen den Kalorienhahn zu.
Von Mord zu reden, wäre allerdings falsch. Dazu fehlt sowohl die Absicht als auch die Einsicht in die komplexen Zusammenhänge. Die Kontroverse um die Treibstoffe aus Biomasse, wie Mais oder Zuckerrohr, ist dafür ein Beispiel. Noch vor kurzer Zeit wurden Bio-Treibstoffe als Beitrag zur Lösung des Klima-Problems gelobt. Energie aus nachwachsender Biomasse setzt im Prinzip kein Kohledioxid frei. Deshalb wurde etwa noch 2003 eine EU-Direktive verabschiedet, wonach alle EU-Staaten bis 2010 mindestens 5,75 Prozent ihres Treibstoffbedarfs aus Biomasse decken müssen.
Inzwischen hat der praktische Anschauungsunterricht in Brasilien, Indonesien oder Malaysia allerdings demonstriert, dass der Umbau auf Bio-Energie zunächst einmal den CO2-Ausstoss erhöht und zwar gewaltig: Wo heute Zuckerrohr- und Palmölplantagen stehen, sind zuvor ganze Regenwälder brandgerodet worden. Weitere üble Folgen sind Überschwemmungen und Bodenvergiftungen durch Pestizide und Kunstdünger.
Bisher schadet der Raubbau vor allem den Armen in den Entwicklungsländern. Längerfristig jedoch sind vor allem die Länder betroffen, die im Verhältnis zur eigenen Biokapazität auf zu grossem Fuss leben. Dazu gehören die USA, wo im Schnitt jeder Einwohner die Biokapazität von 9,6 Hektaren Land beansprucht, obwohl nur 4,8 Hektaren im Land selbst zur Verfügung stehen. Dazu gehört aber auch die Schweiz, wo das Missverhältnis 5,1 zu 1,5 Hektaren pro Kopf beträgt.
Solche Bio-Deals sind nur möglich, solange wir unsere energiearmen Güter und Dienstleistungen (etwa Vermögensverwaltung) günstig gegen energiereiche Importe tauschen können. Doch das ist immer seltener der Fall: Seit 2003 sind die Importe der Schweiz im Vergleich zu den Exporten um gut 6 Prozent teurer geworden. Das kostet uns pro Jahr inzwischen immerhin gut 10 Milliarden Franken.
Die Tortilla wird auch bei uns allmählich teuer.