«Europa braucht den Euro nicht» Diese Fakten sprechen für Sarrazins These

Europa brauche den Euro nicht, behauptet der deutsche SPD-Politiker Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch. Am Beispiel Deutschland zeigt sich: er hat recht.

  • Publiziert: 28.05.2012
  • Von Werner Vontobel

Der Autor

Werner Vontobel Werner Vontobel
Der Volkswirtschafts-Experte der BLICK-Gruppe.

Autor und SPD-Politiker Thilo Sarrazin provoziert wieder. Nach der These «Deutschland schafft sich ab» über Zuwanderung, wachsende Unterschicht und Geburtenrückgang die Einwanderung legt er das nächste Buch nach. «Europa braucht den Euro nicht»,  sagt er darin. Und trifft damit den Nerv der Euro-Krise.

Wirtschafts-Autor Werner Vontobel hat Sarrazins These unter die Lupe genommen.

Wie hätte sich Deutschland ohne den Euro entwickelt?

Die Frage lässt sich natürlich nicht direkt beantworten. Aber man kann die Zeiten vor und nach dem Euro vergleichen und dieser Vergleich gibt Thilo Sarrazin recht: Den Deutschen ginge es ohne den Euro vermutlich deutlich besser.

Weniger Wachstum

Der  Einfachheit halber haben wir die 22 Jahre seit dem Mauerfall in zwei gleiche Perioden aufgeteilt – 1989 bis 2000 und die Zeit danach. Der Euro wurde zwischen 1999 (Fixierung der Wechselkurse) und anfangs 2002 (Ausgabe der Euronoten) eingeführt. Hier sind die Ergebnisse:

Vor dem Euro (1989 bis 2000) betrug das Wirtschaftswachstum 25.2 Prozent, in den elf Jahren danach nur noch 12.9 Prozent.

Pro Kopf gerechnet ist der Unterschied noch grösser: 23,8 Prozent vor dem Euro, 9.7 Prozent danach.

Auch der Vergleich mit Nicht-Euroländern fällt zuungunsten des Euro aus. In Schweden etwa stieg das BIP pro Kopf seit 2000 um 25 Prozent in der Schweiz um 14 Prozent und selbst das krisengeschüttelte Island brachte es auf 15 Prozent.

Interessant ist auch ein Vergleich der Lohn- und Zinseinkommen des typischen deutschen Haushalts: Von 1991 bis 1999 nahm er noch jährlich um immerhin 0,5 Prozent zu, seither ist er jährlich um 0.7 Prozent gesunken.

Deutsche suchen Jobs im Ausland

Dass Deutschland unter dem Euro-Regime eher leidet als aufblüht, zeigt auch die Bevölkerungsentwicklung. Bis 2000 nahm sie noch um 4 Millionen zu, seither ist sie um 700‘000 geschrumpft.

Die Deutschen suchen die Jobs dort, wo es sie noch gibt und wo sie gut bezahlt sind – nämlich ausserhalb des Euro-Raumes. Zum Beispiel in der Schweiz.

Die Kehrseite der Abwanderung zeigt sich bei der Entwicklung der Zahl der Arbeitslosen. Sie ist seit der Einführung des Euro um etwa 700‘000 zurückgegangen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die Zahl der Arbeitsstunden pro Beschäftigten um etwa 5 Prozent gesunken ist.

Bleibt der Export. Sarrazins Gegner sehen die positive Veränderung der deutschen  Leistungsbilanz (zwischen 2000 und 2011) von minus 36 auf plus 135 Milliarden Euro als Erfolgsausweis für den Euro.

Das Gegenteil ist wahr. Die chronischen Überschüsse von Deutschland, Holland, Österreich und Belgien von fast 200 Milliarden Euro allein 2011 sind der Hauptgrund für die aktuelle Krise des Euro.

Dass auch Sarrazin selbst diesen Zusammenhang von deutschen Überschüssen und Finanzkrise partout nicht sehen will, gibt ihm doppelt recht: Der Euro hat Deutschland nicht nur materiell, sondern auch intellektuell  ärmer gemacht.

Beliebteste Kommentare

  • Dominik  Wermuth
    Ich würde liebend gerne Herr Sarrazin gegen Frau Sommaruga und Widmer-Schlumpf austauschen! Weitdenker wie er fehlen bei uns in der Schweiz!
    • 28.05.2012
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  • Roberto  Gloor , Zürich , via Facebook
    Jämmerlich ist auch, wie in Deutschland mit Herrn Sarrazin umgegangen wird. Wenn er auftritt, stehen vor den Sälen Demonstranten mit "Halt die Fresse" oder "Hau ab"-Parolen. Noch schlimmer finde ich, dass man sich über seine krankheitsbedingte Gesichtslähmung/Sprachfehler lustig macht.
    • 28.05.2012
    • 12
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Alle Kommentare (29)

  • Erich  Stadler , Hallbergmoos
    Den Euro habe ich nie gemocht als BRD Bürger.
    Was der Herr aber übersieht ist, dass diese unseelige rotgrüne Regierung ab 1998 viele Investitionen und jobs vernichtete.
    • 29.05.2012
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  • Walter  Vetter
    Es ist eigentlich ganz einfach fest zustellen, wie positiv die Einfuhrung des Euros oder sogar die ganze EU war.
    Wenn man die Schulden der jeweiligen Länder vor dem Eintritt in die EU respektive vor Einführung des Euros mit der heutigen Verschuldung der betreffenden Länder vergleicht.
    Für mich ist die ganze EU moderner Postkommunismus.
    • 28.05.2012
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  • Roland  Rutishauser , via Facebook
    Die Wahrheit tut weh ... Eigentlich unglaublich, dass Herr Sarazin bei der SPD war. Unsere SP hat keine Ahnung von der Wirtschaft und würden nie sich so für ihr eigenes Land einsetzten. Da könnte unsere SP mal was lerenen! Aufdecken nicht zudecken!!!
    • 28.05.2012
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    • Daniel  Rebmann , via Facebook
      Der Unterschied ist doch, dass unsere SP von der Ideologie her zu einem grossen Teil mit den deutschen "Linken" gleichzusetzen ist. Die SPD ist deren unchristliche Variante unserer CVP. Die SP Schweiz ist linker als die SPD - zu links. Und die Meisten merken nicht, wer die Totengräber der Schweiz sind...
      • 29.05.2012
      • als Kommentar auf Roland  Rutishauser
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  • Hans >Peter  Läuchli , Vellerat
    Sarrazin lesen, dann motzen aber mit Fakten. Auch wenn er etwas statistikverliebt ist, siene kernaussagen sin leider richtig.
    • 28.05.2012
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  • Mike  Studer
    Hm... Das Problem in Europa wiederspiegelt sich in genau solchen Aussagen. Ein vereintes Europa mit einer einheitlichen Währung war eigentlich mal das Ziel. Weshalb aber spricht man immer noch von Deutschland, Frankreich, Spanien, Griechenland, England usw? "Für uns Deutsche wäre es besser"... "Und die Griechen sollten"... Hallo? Vereint heisst etwas anderes...
    • 28.05.2012
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