Der Niedergang des deutschen Mittelstandes

  • Publiziert: 07.03.2008, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Werner Vontobel

Deutschlands Journalisten haben eine Schere im Kopf. Um nicht als Globalisierungsgegner zu gelten, nehmen sie den Niedergang des Mittelstandes als unabänderliche Folge der Globalisierung hin. Das gefährdet auch unseren Wohlstand.

Seit bald zehn Jahren gegen die Einkommen des deutschen Mitteltands zurück. Seit 2002 hat sich dieser Trend noch deutlich verschärft. Das hat die Gesellschaft tiefgreifend verändert und die politische Landschaft umgepflügt. Doch in den deutschen Medien ist diese fatale Entwicklung noch immer nicht richtig angekommen. Man weiss es zwar, aber man schreibt und redet nicht Klartext. Das jüngste Beispiel dieser schon fast pathologischen Zurückhaltung liefert diese Woche «Der Spiegel":

Zuerst kommt der Aufmacher. 12 Seiten lang werden wir darüber informiert, wie die SPD mit dem Linkrutsch umgeht, der n den Landtagswahlen sichtbar geworden ist. Zwölf Seiten lang Parteitaktik. Auf diesem Klavier spielen die deutschen Kollegen seit Jahrzehnten virtuos. Das Problem, für das die Erfolge der Linken nur eines von vielen Symptomen sind, interessiert sie weniger. Es wird nur in Zitaten kurz angetippt: «Die Arbeitsmarktreformen», so darf ein SP-Politiker sagen, «haben nicht zu hochqualifizierten und hoch flexibilisiertem Humankapital geführt, sondern zu gebrochenen Menschen.»

Dann endlich, auf Seite 39 kommt der Spiegel zur Sache: «Wo ist die Mitte? Jahrzehnte lang prägte sie das Land. Nun zeigen neueste Zahlen: Die deutsche Mittelschicht leidet an akuter Auszehrung. Millionen rutschen ab. Das hat auch Folgen für die Politik.» Das ganze wird illustriert mit einer Graphik, die zeigt, dass die Mittelschicht (definiert als Anteil der Haushalte, die zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verdienen) zwischen 2000 und 2006 von 62,3 auf 54,1 Prozent gesunken und gleichzeitig die armutsgefährdete Schicht (weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens) von 18,9 auf 25,4 Prozent angewachsen ist. Zudem erfahren wir, dass es schwieriger geworden ist, von der Unter- in die Mitteschicht aufzusteigen.

Die Zahlen zu diesem Bericht stammen aus dem Sozial-ökonomischen Panel SOEP, das vom Deutschen Institut für Wirtschaft « DIW seit 1991 erhoben wird. Sind nur insofern neu, als jetzt auch noch die Daten für 2006 dazu gekommen sind. Doch schon die alten Zahlen waren erschreckend genug: Danach gehen die realen Arbeits- und Kapitaleinkommen des durchschnittlichen Deutschen Haushalts (das «mittlere» Einkommen) gegen seit 1999 zurück. Bis 2005 belief sich der Rückgang auf 14 Prozent. Die Einkommen der unteren Hälfte sind sogar um mehr als 20 Prozent abgestürzt. Das hätte man unter anderem in einem Spezialkapitel im Jahresbericht des Sachverständigenrates nachlesen können – was aber offenbar niemand tat. Insofern ist Anspruch des «Spiegels», neue Zahlen zu bieten, nicht ganz falsch.

Was der «Spiegel» aus den SOEP-Zahlen macht, wird zwar als «erschreckende Zustandsbeschreibung der deutschen Gesellschaft» angekündigt, ist aber eher eine schamlose Beschönigung der Realität. Zunächst einmal definiert der «Spiegel» den Mittelstand und armutsgefährdete Schicht anhand der mittleren und nicht der durchschnittlichen Einkommen. Da jedoch das mittlere Einkommen (je die Hälfte verdient mehr oder weniger) im Gegensatz zum Durchschnittseinkommen (alles geteilt durch alle) zurückgegangen ist, sinkt das Einkommen, das nötig ist, um vom unteren ins mittlere Segment zu gelangen. Würde man das armutsgefährdete Segment anhand der Durchschnittseinkommen definieren, so könnte man sogar rund ein Drittel der deutschen Haushalte als «armutsgefährdet» definieren.

Zweitens verwendet die «Spiegel», bzw. die von ihm zitierte Spezialauswertung, nicht die Markt- sondern die Nettoeinkommen. Er schaut also nicht, was der Markt bzw. die Globalisierung mit den deutschen Einkommen gemacht hat, sondern das, was nach den staatlichen Zuwendungen bei den Haushalten ankommt. Das ist natürlich erlaubt, blendet aber einen wichtigen Aspekt aus.

Drittens erwähnt der «Spiegel» mit keinem Wort, dass auch die Nettoeinkommen des Mittelstandes (das mittlere Nettoeinkommen) seit 2002 zurückgehen. Schlimmer noch: Mit Sätzen wie «die Einkünfte der Topverdiener wachsen schneller als im Rest der Bevölkerung» suggeriert er, dass auch die Einkünfte des Rests der Bevölkerung noch wachsen.

Bei soviel Weichspülerei erstaunt es nicht, dass die in der Einleitung angetönten «Folgen für die Politik» ausbleiben. «Verteilungsforscher machen auch der Politik wenig Hoffnung», schreibt der «Spiegel». Dazu seien die Kräfte, die das Sozialgefüge auseinandertreiben «zu fundamental». Und «vermeintliche Gerechtigkeitsprogramme» könnten sich nur zu leicht als kontraproduktiv erweisen. Am Ende bleibe wohl nur die «Einsicht, dass die Erosion der Mittelschicht ein irreversibler Prozess sei.»

Vielleicht hat der «Spiegel» ja sogar recht. Prozesse sind dann irreversibel, wenn niemand daran glaubt, dass man etwas ändern könnte. Deutschlands Medien haben diesen Glauben offenbar nie gehabt. Wahrscheinlich hängt das mit der Angst zusammen, als politisch unkorrekt zu gelten. Wer den Einkommenszerfall des deutschen Mittelstands wirklich zur Kenntnis nimmt, kommt nicht um die Frage herum, ob dieser mit der Globalisierung und/oder mit der Agenda 2010 zusammenhängt. Und wer diese Fragen offen stellt, gerät unweigerlich in den Verdacht, ein Anhänger der «Linken» oder ein Gegner des Freihandels zu sein. Dieses Stigma kann eine Karriere in den deutschen Medien gefährden.

Für die Schweiz verspricht das nichts Gutes: Wenn Deutschland den Zerfall seines Mittelstandes kampflos hinnimmt, seine Löhne weiter sinken lässt und sich noch mehr zum Billiglohnland entwickelt, dann fällt auch bei uns der Widerstand schwer.

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Werner Vontobel, Wirtschaftspublizist.

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