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Gewinne hui, Löhne pfui - so drückt Europa die Löhne

Werner Vontobel | Aktualisiert um 02:15 | 04.12.2005

In Europa sinken die Reallöhne. Schuld daran ist nicht zuletzt die Europäische Zentralbank. Sie bekämpft die Inflation indem sie Lohnerhöhungen im Keim erstickt. Deshalb hat sie diese Woche die Zinsen heraufgesetzt.



Wenn immer die Europäische Zentralbank die Zinsen, senkt, erhöht oder unverändert lässt, wird der Entscheid mit der befürchteten Entwicklung der Löhne begründet. Steigende Löhne sind für die EZB der wichtigste Grund für mögliche Preissteigerungen. Wenn z.B. die Ölpreise steigen, sieht es die EZB als ihre Aufgabe, den entsprechenden Teuerungsausgleich bei den Löhnen zu verhindern. Im Fachjargon heisst das «Zweitrunden-Effekt» oder auch Lohnspirale («spiralling of wages and salaries»).

In der Tat haben die Löhne in den Euro-Ländern in den letzten Jahren nur noch knapp mit der Teuerung Schritt gehalten. Gemäss den EZB-Statistiken betrug der Lohnanstieg pro Beschäftigten im Mittel der Jahre 2001 bis 2004 nur noch 0,15 Prozent. Im ersten Halbjahr 2005 gingen sie sogar um 0,4 Prozent zurück. Offensichtlich ist es der EZB gelungen, die «Zweitrunden-Effekte» zu vermeiden.

In einigen Euro-Ländern, insbesondere in Deutschland gehen die Reallöhne inzwischen seit Jahren deutlich zurück. Kürzlich wollte deshalb ein deutscher Journalist von EZB-Chef Jean-Claude Trichet wissen, ob diese Lohnentwicklung nicht vielleicht aus volkswirtschaftlicher Sicht schädlich sein könnte. Doch der Notenbankchef blieb hart. Was in Deutschland geschehe, sei genau das, was es brauche («fully in line with what is necessary»).

Seit 2001 hinken die Löhne im Euro-Raum insgesamt um rund 2 Prozentpunkte hinter der Produktivität her. Das heisst im Klartext, dass die Unternehmen ihre Kostenvorteile nicht an die Kunden weitergeben. Die wirklichen Preistreiber sind also seit etlichen Jahren die Gewinne, nicht die Löhne. Die EZB sieht das jedoch anders. Gewinne sind immer «robust» oder «gesund». Der neueste Monatsbericht etwa zeigt eine Graphik, dass die jährliche Zunahme der Unternehmensgewinne 2004 und 2005 zwischen 20 und 40 Prozent schwankt. Stiegen die Löhne auch nur um 3 Prozent, würde das EZB-Direktorium wohl den Ausnahmezustand ausrufen. Doch weil Profite immer gut sind, steht die Graphik unter dem Titel «günstige Gewinnentwicklung». Und ein paar Seiten weiter sorgt sich die EZB schon wieder über die «künftige Entwicklung der Profitabilität.»

Einige Kritiker werden der EZB deshalb Sturheit oder gar ideologische Blindheit vor. Der Vorwurf ist nicht berechtigt. Das EZB-Direktorium ist durchaus in der Lage, Einzelfälle pragmatisch zu beurteilen. Das zeigt ein Blick auf die Seite 211 des letzten Jahresberichtes, wo es um die Löhne des EZB-Direktoriums geht. Sie sind 2004 von 2 auf 2,1 Millionen Franken gestiegen. Die Zuwachsrate von 5 Prozent ist schon mal um ein Mehrfaches höher als das, was die EZB den normalen Lohnempfängern zugesteht. Doch es kommt noch dicker: Die EZB verwöhnt ihr Direktorium offenbar mit einer grosszügigen Pensionskasse, die sehr feinfühlig auf jede Lohnerhöhung reagiert. Deshalb mussten 2004 allein für die Pensionskasse des Direktorium 1,8 Millionen Euro zurückgestellt werden. 2003 waren es 1,9 Millionen.

Offenbar drücken die Herren in Frankfurt bei gewissen «Zweitrundeneffekten» durchaus mal ganz pragmatisch ein Auge zu. Von Sturheit kann keine Rede sein.
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Werner Vontobel ist Wirtschaftsredaktor beim SonntagsBlick. Für Blick Online schreibt er regelmässig Artikel zu ausgewählten Wirtschaftsthemen. (RDB)
Werner Vontobel ist Wirtschaftsredaktor beim SonntagsBlick. Für Blick Online schreibt er regelmässig Artikel zu ausgewählten Wirtschaftsthemen. (RDB)
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