Ohne Patente kein Geld?
WERNER VONTOBEL | Aktualisiert um 16:27 | 27.07.2005
Thomas Cueni, Generalsekretär der Interpharma stützt sich auf die klassische Theorie: Ohne Patenschutz keine Aufwendungen für Forschung und Innovation. Stimmt nicht, sagt Werner Vontobel.
Ohne Innovation kein Wirtschaftswachstum, behauptet Thomas Cueni. Doch erstens ist damit nicht gesagt, wie stark der Patentschutz sein soll. Zweitens stimmt die Theorie nur beschränkt mit der Wirklichkeit überein.
Nehmen wir das Beispiel von James Watt. Er liess 1769 eine stark verbesserte Dampfmaschine patentieren. Ein spezieller Beschluss des britischen Parlaments verlängerte Watts Patentschutz bis ins Jahr 1800. Laut Cuenis Theorie hätte nun dieser Patentschutz, bzw. die Aussicht auf hohen Gewinn zu einem Wachstumsschub führen müssen. In Wirklichkeit geschah das Gegenteil: 1769 waren in England 130 Dampfmaschinen in Betrieb. 1800 waren es rund 1000, davon aber bloss 321 vom neuen von Watt entwickelten Typ. Nach Ablauf der Patentfrist setzte dann ein wahrer Erfinderboom ein. Die Dampfmaschine wurde sehr viel effizienter gemacht. 1815 gab es in Grossbritannien 210´000 Dampfmaschinen. Der Patentschutz hatte Englands wirtschaftliche Entwicklung 30 Jahre lang verzögert.
Der Rückblick auf James Watt ist auch aus anderen Gründen aufschlussreich: Watt musste damals – um überhaupt ein Patent beantragen zu können – einen funktionierenden Prototyp bauen und vorlegen. Unter dem heutigen Patentrecht kann man auch allgemeine Ideen wie etwa das Prinzip eines Camcorders zum Patent anmelden. Das ist ein wichtiger Punkt: Gemäss Thomas Edison, dem Urvater aller Erfinder, besteht Genie zu 1 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration (Fleiss und Schweiss). Wenn nun aber das eine Prozent schon für den Patentschutz reicht, und der Patentinhaber die 99 Prozent Fleiss und Schweiss nicht aufbringen will oder kann, werden Innovationen verhindert. Wer hat schon Lust die 99 Prozent zu leisten, nur um dann am Veto des «Erfinders» zu scheitern?
Umgekehrt hat ein Hersteller, der die 99 Prozent Transpiration aufgebracht hat, allein schon dadurch einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Watt brauchte sechs Monate um nur schon einen Prototyp zu bauen und weitere neun Jahre um ein marktfähiges Produkt auf den Markt zu bringen. Thomas Alva Edison soll über 1000 verschiedenen Materialien getestet haben und den richtigen Faden für seine Glühlampe zu finden. Dieses Know-How kann von den Konkurrenten nicht sofort kopiert werden. Der Erfinder hat deshalb auch ohne Patentschutz gute Aussichten, seine Kosten wieder einzubringen, bevor genügend Konkurrenten den Preis drücken.
Ob der Patentschutz ein auch aus gesellschaftlicher Sicht ein sinnvoller «Sozialvertrag zwischen Gesellschaft und Industrie» (Zitat Cueni) sein kann, ist eine Frage, die von Fall zu Fall entschieden werden muss. Eine Studie bei über 100 Firmen mit mehreren tausende Patenten in zwölf Industrien zeigt, dass in neun Industrien der Patentschutz bei weniger als 10 Prozent der Erfindungen eine wichtige Rolle gespielt hat. Dem steht eine (wie die Geschichte der Dampfmaschine zeigt) grosse Zahl von Entwicklungen gegenüber, die durch den Patentschutz verzögert oder verhindert worden sind. In diesen Fällen könnte man wohl ohne jeden gesellschaftlichen Schaden auf den Patentschutz ganz verzichten.
Die Chemie und die Pharma-Industrie bilden die Ausnahme. Hier war der Patentschutz für gut einen Drittel aller Erfindungen von Bedeutung. Mit andern Worten: In der Pharmaindustrie besteht die Gefahr, dass die Abschaffung des Patentschutzes dazu führen würde, dass zu wenig Geld in die Forschung und Entwicklung gesteckt wird. Dean Baker vom Centre for Economic and Policy Research schlägt deshalb vor, die Pharmaforschung zu verstaatlichen. Diese Lösung ist zwar wahrscheinlich das kleinere Übel bzw. der bessere Sozialvertrag als das geltende Patentrecht, aber es gibt auch die Möglichkeit, das geltende Patentrecht zu verbessern. Darüber sollte man offen diskutieren. Die Theorie, dass der Patentschutz eine zwingende Voraussetzung für den technologischen Fortschritt sei, ist nicht haltbar.
In einem anderen Punkt hat Cueni Recht. Die Schweiz als Hauptsitz zweier wichtiger Pharmakonzerne profitiert vom geltenden Patentrecht. Es liegt deshalb wohl im nationalen Interesse, den Patentschutz zu verteidigen und auszubauen. Das zwingt uns aber nicht, die ganze, letzte wettbewerbsfeindliche Ideologie, die um den Patentschutz gewoben wird, auch noch zu glauben.
Nehmen wir das Beispiel von James Watt. Er liess 1769 eine stark verbesserte Dampfmaschine patentieren. Ein spezieller Beschluss des britischen Parlaments verlängerte Watts Patentschutz bis ins Jahr 1800. Laut Cuenis Theorie hätte nun dieser Patentschutz, bzw. die Aussicht auf hohen Gewinn zu einem Wachstumsschub führen müssen. In Wirklichkeit geschah das Gegenteil: 1769 waren in England 130 Dampfmaschinen in Betrieb. 1800 waren es rund 1000, davon aber bloss 321 vom neuen von Watt entwickelten Typ. Nach Ablauf der Patentfrist setzte dann ein wahrer Erfinderboom ein. Die Dampfmaschine wurde sehr viel effizienter gemacht. 1815 gab es in Grossbritannien 210´000 Dampfmaschinen. Der Patentschutz hatte Englands wirtschaftliche Entwicklung 30 Jahre lang verzögert.
Der Rückblick auf James Watt ist auch aus anderen Gründen aufschlussreich: Watt musste damals – um überhaupt ein Patent beantragen zu können – einen funktionierenden Prototyp bauen und vorlegen. Unter dem heutigen Patentrecht kann man auch allgemeine Ideen wie etwa das Prinzip eines Camcorders zum Patent anmelden. Das ist ein wichtiger Punkt: Gemäss Thomas Edison, dem Urvater aller Erfinder, besteht Genie zu 1 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration (Fleiss und Schweiss). Wenn nun aber das eine Prozent schon für den Patentschutz reicht, und der Patentinhaber die 99 Prozent Fleiss und Schweiss nicht aufbringen will oder kann, werden Innovationen verhindert. Wer hat schon Lust die 99 Prozent zu leisten, nur um dann am Veto des «Erfinders» zu scheitern?
Umgekehrt hat ein Hersteller, der die 99 Prozent Transpiration aufgebracht hat, allein schon dadurch einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Watt brauchte sechs Monate um nur schon einen Prototyp zu bauen und weitere neun Jahre um ein marktfähiges Produkt auf den Markt zu bringen. Thomas Alva Edison soll über 1000 verschiedenen Materialien getestet haben und den richtigen Faden für seine Glühlampe zu finden. Dieses Know-How kann von den Konkurrenten nicht sofort kopiert werden. Der Erfinder hat deshalb auch ohne Patentschutz gute Aussichten, seine Kosten wieder einzubringen, bevor genügend Konkurrenten den Preis drücken.
Ob der Patentschutz ein auch aus gesellschaftlicher Sicht ein sinnvoller «Sozialvertrag zwischen Gesellschaft und Industrie» (Zitat Cueni) sein kann, ist eine Frage, die von Fall zu Fall entschieden werden muss. Eine Studie bei über 100 Firmen mit mehreren tausende Patenten in zwölf Industrien zeigt, dass in neun Industrien der Patentschutz bei weniger als 10 Prozent der Erfindungen eine wichtige Rolle gespielt hat. Dem steht eine (wie die Geschichte der Dampfmaschine zeigt) grosse Zahl von Entwicklungen gegenüber, die durch den Patentschutz verzögert oder verhindert worden sind. In diesen Fällen könnte man wohl ohne jeden gesellschaftlichen Schaden auf den Patentschutz ganz verzichten.
Die Chemie und die Pharma-Industrie bilden die Ausnahme. Hier war der Patentschutz für gut einen Drittel aller Erfindungen von Bedeutung. Mit andern Worten: In der Pharmaindustrie besteht die Gefahr, dass die Abschaffung des Patentschutzes dazu führen würde, dass zu wenig Geld in die Forschung und Entwicklung gesteckt wird. Dean Baker vom Centre for Economic and Policy Research schlägt deshalb vor, die Pharmaforschung zu verstaatlichen. Diese Lösung ist zwar wahrscheinlich das kleinere Übel bzw. der bessere Sozialvertrag als das geltende Patentrecht, aber es gibt auch die Möglichkeit, das geltende Patentrecht zu verbessern. Darüber sollte man offen diskutieren. Die Theorie, dass der Patentschutz eine zwingende Voraussetzung für den technologischen Fortschritt sei, ist nicht haltbar.
In einem anderen Punkt hat Cueni Recht. Die Schweiz als Hauptsitz zweier wichtiger Pharmakonzerne profitiert vom geltenden Patentrecht. Es liegt deshalb wohl im nationalen Interesse, den Patentschutz zu verteidigen und auszubauen. Das zwingt uns aber nicht, die ganze, letzte wettbewerbsfeindliche Ideologie, die um den Patentschutz gewoben wird, auch noch zu glauben.
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