Verfalldaten gefälscht, Herkunft vertuscht, Pferde- als Rindfleisch verkauft Der grosse Fleisch-Betrug!

Wetten, dass Sie auch schon falsch deklariertes Fleisch gegessen haben? Die Bündner Firma Carna Grischa hat Beizen, Hotels und Kantinen jahrelang hinters Licht geführt.

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Tag für Tag essen in der Mensa der Obersee Bilingual School in Pfäffikon SZ 400 Kinder gemeinsam zu Mittag. Vom Kleinkind bis zum Gymna­siasten. Poulet schmeckt den meisten Schülern. Entsprechend oft steht es auf dem Menüplan. «Die gesunde Ernährung ist uns sehr wichtig», sagt die Schulleitung. Deshalb bestellt die Küche seit Jahren bewusst nur Schweizer Pouletfleisch. Im Monat 20 bis 25 Kilo. Immer bei der Carna Grischa in Landquart GR.

Die Privatschule bezahlt den höheren Preis für Schweizer Poulet. Gut sieben Franken mehr pro Kilo. Was sie nicht weiss: Geliefert wird ihr aber häufig billiges Fleisch aus Ungarn. Das belegen Dokumente, die SonntagsBlick exklusiv vorliegen.

«Ungaren schnetzeln!», steht zum Beispiel auf der internen Bestellung vom 8. November 2012. «Fleisch einbürgern», nennen die Angestellten von Carna Grischa den Vorgang. Die Schule reagiert schnell. «Als uns die Unregelmässigkeiten bei Carna Grischa bekannt wurden, haben wir die Zusammenarbeit sofort beendet.»

Unregelmässigkeiten reichen bis 2004 zurück

Mit 60 Angestellten und 30 Mil­lionen Franken Jahresumsatz gehört Carna Grischa zu den fünf grössten Schweizer Fleischhändlern. Pro Woche verkauft die Firma 20'000 Kilo Fleisch – an Hotels, Restaurants, Kantinen, Altersheime, Spitäler und Kinderkrippen.

Der heutige Verwaltungsratspräsident Ettore Weilenmann (55) kaufte die Firma vor vier Jahren den Gründern ab. Sein Ziel: Carna Grischa hinter den Giganten Bell, Micarna und Fenaco zur starken Nummer vier im Land zu machen. Nach dem Bündnerland wollte Weilenmann auch das Mittelland erobern. Preislich sei Carna Grischa sehr attraktiv, sagt ein Küchenchef, der jahrelang bei der Firma Fleisch bestellte. «Grosskunden erhalten grosszügige Rabatte.»

Allein den tiefen Preisen verdankt Carna Grischa den Erfolg aber nicht. Schon unter der alten Leitung geschäftete die Firma mit gezinkten Karten, wie die Dokumente zeigen. Die Unregelmässigkeiten reichen bis ins Jahr 2004 zurück.

Nicht nur kleine Abnehmer zog Carna Grischa über den Tisch. Auch Grosskunden wie der Kantinenbetreiber ZFV, der in der Schweiz 60 Mensen und mehr als 50 Personalrestaurants betreibt, werden immer wieder mit falschem Fleisch beliefert. Etwa die Kantine der Ems-Chemie der Blocher-Töchter in Domat/Ems GR. Zehn Kilo frischen Schweinshals hatte der Küchenchef im Sommer 2012 bei Carna Grischa bestellt – aber nicht bekommen. «Bitte Aufgetaute geben», lautet der interne Vermerk des Verkäufers.

Ähnlich der Fall im Restaurant Giardino der Helsana in Dübendorf ZH, das ebenfalls der ZFV betreibt. Statt der bestellten 7,5 Kilo Schweizer Pouletbrüstli mariniert landet am 30. September 2014 ungarisches Poulet auf den Tellern der Angestellten. Die unmissverständliche interne Anweisung für den Etikettenschwindel: «UNG nehmen mariniert neutral CH auszeichnen.»

Der ZFV handelt sofort, als er vom SonntagsBlick vom Beschiss erfährt. «Bis die Vorwürfe der Deklarationsfälschung auf deren Richtigkeit geprüft sind, werden wir keine Bestellungen mehr beim Unternehmen Carna Grischa AG tätigen», sagt Gilbert Philipona, Leiter Einkauf. Er klärt ab, ob weitere ZFV-Restaurants betroffen sind.

Die Carna Grischa «bürgert» aber nicht nur Fleisch «ein». Oder verkauft aufgetautes Fleisch als frisches. Sie hat noch ganz andere Tricks auf Lager, wie die internen Unterlagen zeigen. Das Hotel Streiff in Arosa GR etwa hat acht Kilo Rindsentrecôte geliefert bekommen, das mit einem falschen Ablaufdatum versehen war. «... bitte Datum 4 Wochen zurück» steht auf der Bestellung.

Streiff-Geschäftsführer Lars Horal ist über die Nachricht schockiert und betont: «Wir werden bei Carna Grischa bis auf Weiteres kein Fleisch mehr bestellen.»

Beschissen wurde auch der Küchenchef des Personalrestaurants der Dow Chemical AG in Horgen ZH. Er bestellte am 20. Januar 2014 bei der Carna Grischa 22 Kilo Rindssaftplätzli. Statt dem teuren Rindfleisch hat er aber billiges Pferdefleisch erhalten, wie der interne Eintrag «Pferdehuft nehmen» beweist.

Gericht erkennt grosses öffentliches Interesse

Diese Beispiele sind nur eine kleine Auswahl aus den Dokumenten, die SonntagsBlick vorliegen. Carna Grischa hat über Jahre hinweg so manchen Lieferschein gefälscht. Dutzende von Fällen sind dokumentiert. Hinzu kommt ein Mehrfaches von Verdachtsfällen. Die Anweisung «neutral verpacken» findet sich sehr häufig im Bestellsystem. Das sei der interne Code für eine Falschdeklaration, sagt ein Insider. Die Firma bestreitet dies.

SonntagsBlick konfrontierte Weilenmann und Geschäftsführer Xaver Dietrich (53) schon vorletzte Woche mit den Vorwürfen. Mit einer Klage beim Handelsgericht Aargau versuchte die Firma, den Artikel zu verhindern. Das Gericht erliess eine superprovisorische Verfügung – Publikationsverbot für eine Woche.

SonntagsBlick legte dem Gericht Dokumente vor. Daraus geht klar und deutlich hervor, dass bei Carna Grischa nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Das anerkannte das Gericht: Seit gestern ist das Publikations­verbot in den zentralen Punkten aufgehoben (siehe Ausriss).

Es bestehe «offensichtlich ein öffentliches Interesse» an der Verbreitung der Fakten, befand Gerichtspräsident Markus Dubs. «Die Öffentlichkeit legt aus guten Gründen grossen Wert da­rauf, bei der Deklaration von Lebensmitteln nicht getäuscht zu werden. Sofern sich einzelne Akteure entsprechender Machenschaften bedienen, besteht ein grosses Interesse daran, dass dies publik wird, weil gerade die Befürchtung eines solchen Reputationsverlustes wesentlich zur Prävention solcher Praktiken beitragen dürfte.»

Carna Grischa hatte zunächst alle Vorwürfe abgestritten. Im Laufe der Woche krebste Weilenmann immer mehr zurück. In der letzten Eingabe an das Gericht gab Carna Grischa zu, eine interne Untersuchung habe Unregelmässigkeiten zutage gefördert. «Es handelt sich aber um Einzelfälle», sagt Weilenmann. «Mindestens 98 Prozent der Kunden haben richtig deklariertes Fleisch erhalten. Über alle Bestellungen hinweg beträgt die Fehlerquote zwei Promille.» Trotzdem feuerte Carna Grischa am Donnerstag zwei langjährige Angestellte.

Weilenmann beschuldigt Konkurrenten

Dass die Sache aufgeflogen ist, erklärt Weilenmann mit einer kruden Verschwörungstheorie: Die Konkurrenz habe einen Mitarbeiter in die Firma eingeschleust, um Carna Grischa auszuhorchen und zu schaden. Im Gespräch mit SonntagBlick behauptet er zudem, Falschdeklarationen seien in der Fleischbranche weit verbreitet. Die Konkurrenz sei noch schlimmer.

Das bringt Branchenvertreter auf die Palme. «Wir verurteilen solche Praktiken aufs Schärfste», sagt Ruedi Hadorn (50), Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbands (SFF). «Sie ziehen den gesamten Fleischsektor unverschuldet in den Schmutz.» Weilenmanns Vorwurf, Praktiken wie jene von Carna Grischa seien in der Fleischbranche gang und gäbe, weist er zurück: «Das ist reiner Selbstschutz und rufschädigend für unsere ­Branche.»

Publiziert am 22.11.2014 | Aktualisiert am 23.11.2014
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134 Kommentare
  • Silvia  Sümer , via Facebook 24.11.2014
    An eine Grossmetzgerei wurden im Herbst Ladungen von Antilopen angeliefert, diese wurden verarbeitet und als Rehpfeffer usw. verkauft. Beliefert wurden Restaurants, Kantinen, Hotels und Metzgereien. Zu erwähnen, dies geschah vor 30 Jahren.
  • Peter  Kaufmann aus Oftringen
    24.11.2014
    Wenn sich der Fall über die Schuldzuweisung erhärtet, so wäre das wohl das Aus dieser Firma. Aber wie schnell ist ein neuer Name des Fleischhandels auf dem Markt? Und die Kunden werden nochmals beschissen.
  • Michael  Meienhofer aus Ostermundigen
    23.11.2014
    Schon wieder einige, die etwas gescheiter geworden sind - ist die Warheit so schwierig darzustellen ? Das sollten auch die Chefs wissen: mit Fleisch kann man ohne Trickli kein grosses Geld verdienen - mit Betrügereien aber einige Jahre Knast - verpflegt mit Schweizerfleisch aus der Knastkantine !?
  • Roger  Schweizer , via Facebook 23.11.2014
    auf der ganzen Welt geht es so zu und her, ihr armen Schweizer, müsst einmal einsehen das wir auch dazu gehören. überall werden solche Vorfälle mit Leichtigkeit hergenommen. Aber hier immer ein riesen Drama. Im Verkehr sind alles kriminelle, aber sonst ist doch alles im Butter.
  • Ruedi  Wermuth aus Reinach
    23.11.2014
    An dem Beispiel sieht man, dass die Schweizer, die ja angeblich sofort merken, ob Schweizerfleisch auf den Tisch kommt, es schmeckt ja viel besser, die Dummen sind. Natürlich darf so etwas weder gesagt noch geschrieben werden, trotzdem wir die SchweizerbürgerInnen werden immer wieder verarscht und das alles damit die Hochpreisinsel Schweiz einigen wenigen die Taschen füllt. Die Nachbarländer mit ihrem miesen Fleisch, doch wir in der Schweiz sind Deppen. Hohe Preise, lausige Qualität! Ä Guetä!