Uhren-Manager Jean-Claude Biver (67) über Schönwetter-Manager «In Krisen fühle ich mich zuhause»

Was immer Jean-Claude Biver (67) anfasst, wird ein Erfolg. Sein Rezept: Dorthin gehen, wo die Kunden sind. Dieses Wissen will er weitergeben. Er plant dafür eine eigene Schule.

Jean-Claude Biver feierte Erfolge mit Hublot und Tag Heuer. play

Jean-Claude Biver feierte Erfolge mit Hublot und Tag Heuer.

Gian Marco Castelberg/13 Photo

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Herr Biver, wovor fürchten Sie sich?

Dass meine Kinder und meine Frau krank werden oder ihnen etwas zustossen könnte.

Was waren die schönsten Momente in Ihrem Leben?

Die Hochzeit. Und dann die Geburt meiner Kinder. Ich kann mir keine schöneren Momente vorstellen. Das sind Ereignisse, bei denen man die Zeit anhalten möchte.

Apropos Zeiten: Ihre Branche hat schon bessere erlebt. Seit 15 Monaten sinken die Exporte. Haben wir eine neue Uhrenkrise?

Die Industrie verkauft tatsächlich weniger Uhren. Eine Krise, wie damals in den 70-er Jahren, sehe ich dennoch nicht. Es ist wie mit einem Schweizer Alpenpass: Auch da beträgt die Steigung nicht immer 10 Prozent. Es flacht irgendwann mal ab und geht auch wieder runter. So verhält es sich jetzt mit der Uhrenindustrie: Es ging sehr lange sehr steil aufwärts. Dass es jetzt etwas runtergeht, ist noch nicht tragisch.

Macht Ihnen das gar keine Sorgen?

Eigentlich nicht. Wir haben in unserer Branche sehr viele Schönwetter-Manager. Die Phase, in der wir jetzt stecken, bereitet vielen Angst und Sorge. Ich hingegen bleibe zuversichtlich: Wir nutzen die Situation, um uns vorwärts zu bringen.

Das müssen Sie erklären.

Wenn die ganze Branche 10 Prozent verliert und es bei unseren Marken nur 5 Prozent sind, dann liegen wir im Vergleich trotzdem mit 15 Prozent im Plus. Konkret: Wir gewinnen Marktanteile. Und weil ich kein Schönwetterkapitän bin, bedeuten Krisen für mich immer auch neue Gelegenheiten.

Also doch eine Krise?

Nennen wir es lieber Konsolidierung. Meine Spezialität ist es seit jeher, kriselnde Marken auf Hochglanz zu polieren. Wohin ich auch kam: Ich musste immer zuerst alles neu strukturieren – und wurde sozusagen ein Spezialist für diese Art von Arbeit. Bei Blancpain, Hublot sowie bei Zenith und auch Tag Heuer habe ich gezeigt: In Krisen fühle ich mich zu Hause.

Sie haben die Marke Tag Heuer aus der mechanischen Ecke in die digitale Welt katapultiert. Wohin geht die Reise der Smartwatch?

Die Smartwatch steckt noch in den Kinderschuhen. Wie einst das Telefon mit Wählscheibe. Doch die Entwicklung schreitet rasant voran. Die Miniaturisierung steht dabei erst am Anfang: Chip-Hersteller werden die Prozessoren noch winziger machen; SIM-Karten wird es bald auch nicht mehr geben; smarte Uhren werden schon sehr bald ohne Telefon auskommen.

Welche Chancen sehen Sie für die Smartwatch im Luxussegment?

Wenn es stimmt, dass Apple etwa 20 Millionen Apple-Watches verkauft hat und dabei rund 50 Prozent Marktanteil hält, dann ist das Potenzial enorm. Ein Markt für Luxus entsteht, sobald sich Leute von der Masse unterscheiden wollen. Das ist auch hier der Fall. Wir haben mit unserem Knowhow, der Schweizer Qualität und dem Prestige die besten Voraussetzungen, auch dieses Segment zu beherrschen.

Nicht alle in der Industrie sind da Ihrer Meinung.

Was ich hier sage, entspricht dem Schulbuch und ist nur logisch. Deshalb ist auch die Connected von Tag Heuer ein Erfolg. Dass dies Personen aus der Branche anders sehen, erstaunt mich. Aber ich sage mir dann jeweils: Geduld, Biver! Du warst schon öfter der Erste. Andere werden dir folgen.

Ist das nicht etwas überheblich?

Überhaupt nicht. Es ist wie bei einem Marathon: Ich brauche Leute, die mit mir ins Ziel rennen. Aber ich will der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein.

Der Einstieg von Hublot in die Welt des Fussballs war ein Coup. Jetzt wollen Sie ihn mit Tag Heuer im Radsport wiederholen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein solches Engagement wagen?

Ganz einfach: Ich gehe überallhin, wo sich die Kunden befinden. Egal ob das Fussball, Formel 1, Coachella, Zermatt, St. Moritz, Rio de Janeiro oder Saint Barth in der Karibik ist. Der Kunde muss wissen: Ich gehöre zu seinem Lifestyle. Im Radsport sind wir, weil sich immer mehr Leute aufs Velo setzen.

Also ist das auch der Grund für die Partnerschaft mit dem BMC-Team von Andy Rhis?

Natürlich! Aber die Zusammenarbeit mit Herrn Rhis ist nur ein Teil des Engagements. Diesem bleiben wir auch treu, aber ich kann mir auch vorstellen, einmal eine ganze Tour zu sponsern. Warum zum Beispiel nicht eine Tour de Tag Heuer?

Wie betrifft Sie selbst die Digitalisierung?

Auch wir müssen uns nach neuen Vertriebskanälen umsehen. E-Commerce wird für die Luxus-Industrie immer wichtiger. Die Kunden möchten nicht Tage oder Wochen auf ihre Uhr warten. Sie möchten sie am liebsten wenige Stunden nach dem Kauf nach Hause geliefert bekommen. Ich werde in den kommenden Jahren E-Boutiquen von Hublot, Tag Heuer und Zenith eröffnen. Dieser Trend lässt sich nicht aufhalten. Das bedeutet aber nicht, dass ich die Anzahl unserer Boutiquen in den Städten reduziere. Ich sehe dies nur als Ergänzung. Eigentlich wie beim Essen: Im Restaurant speisen ist schöner und bequemer als zu Hause. Was nicht heisst, dass es daheim nicht genau so gut ist.

Woher schöpfen Sie eigentlich Ihre Kraft?

Ich habe keinen Beruf. Meine Tätigkeit ist pure Leidenschaft und umgekehrt. Deshalb kann ich auch ein solches Leben führen. Wenn Sie für Ihre Tätigkeit Leidenschaft aufbringen, können Sie unglaublich viel leisten. Und auch sehr tief ins Metier abtauchen. Das Team profitiert davon, denn Leidenschaft steckt an. Ausserdem bin ich meiner Branche treu geblieben. Mein Spektrum ist deshalb grösser als bei jemandem, der oft die Industrie wechselt.

Der Schlaf kommt bei Ihnen häufig zu kurz.

In der Regel reichen mir vier bis sechs Stunden Schlaf. Die Leidenschaft ermüdet nie. Deshalb will ich auch nicht in den Ruhestand treten.

Also auf ewig weitermachen?

Sagen wir es so: Ich will nicht sterben, ohne etwas weiterzugeben.

Woran denken Sie konkret?

Ich könnte mir vorstellen, eine Managerschule für die Uhrenindustrie zu gründen. Wenn ich in zehn Jahren dann doch mal im Ruhestand bin.

Eine Jean-Claude-Biver-Schule?

Warum nicht? Wir haben sehr viele gute Uhrmacher. Was uns fehlt, sind ebenso gute Führungskräfte. Unsere Industrie tickt anders als zum Beispiel die Automobil- oder die Pharmaindustrie. Ich glaube an zwei Aussagen: Ohne Tradition keine Zukunft. Ohne Innovation keine Zukunft. Tradition haben wir in der Schweiz bereits. Was wir noch benötigen, sind innovative Produkte und leidenschaftliche Manager. Hätte ich unbeschränkte Mittel, ich würde sie dafür einsetzen.

Zur Person

Jean-Claude Biver (67) wurde in Luxemburg geboren, kam als Kind in die Schweiz. Den Schweizer Pass besitzt er erst seit 2011. Er leitet das Uhrengeschäft des französischen Luxuskonzerns LVMH. Biver ist unter anderem verantwortlich für die Marken Hublot, Tag Heuer und Zenith. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder.

Publiziert am 02.01.2017 | Aktualisiert am 02.01.2017
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2 Kommentare
  • W.  Friedli aus KTM
    03.01.2017
    So eine Uhr wie Herr J.C. Biver um den Kopf traegt wuerde ich nie kaufen. Von modernem Design keine Spur.
    Beim Velo wuerde man sagen das ist ein alter Goeppel.
  • Christian  Duerig , via Facebook 03.01.2017
    Dank dem Markenschutz können diese CH-Ticktacks noch verkauft werden.
    Die Chinesen haben einen so grossen Inlandmarkt, dass sie mit Billigkopien viel bessere Resultate erbringen als die Schweizer.
    Sogar in Japan boomt die Uhrenbranche. Niemand erwähnt "Krise" !