Swisscom-Chef Urs Schaeppi über Digitalisierung, Daten und Damenfrisuren Wann funktioniert endlich das Handy-Netz im Zug?

Urs Schaeppi (56) erklärt, dass er kaum eine neue Mobilfunk-Antenne ohne Einsprache bauen kann. Und wie seine fast 80-jährige Mutter fernsieht.

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BLICK: Ihre Verkaufsleute haben meiner über 90 Jahre alten Nachbarin einen neuen Telefon-Anschluss angedreht. Die Qualität war lausig. Nach einem halben Jahr hat Swisscom das Abo abgeschafft und den Preis erhöht. Geht man so mit Kunden um?
Urs Schaeppi: Nein, natürlich nicht. Wir wollen nicht aggressiv verkaufen, sondern den Kunden zeigen, was der Nutzen unserer Produkte ist.

Meine Nachbarin will nur SRF, ARD und ZDF schauen und telefonieren.
Ein Grossteil unserer Kunden, auch die älteren, wollen die neuen Funktionen von Swisscom-TV. Meine Mutter geht auch gegen 80 und schaut auf ihrem iPad Swisscom-TV zeitversetzt.

Was wird in Zukunft das wichtigste Gerät sein, das die Verbindung zwischen Mensch und Netz herstellt – das Smartphone, die Brille oder ein Chip?
Es wird nicht eines geben, sondern verschiedene, je nach Anwendungsbereich. Ich habe zwei: mein Smartphone und den PC. Wenn man joggen geht, ist das Smartphone nicht praktisch. Da ist eine Uhr besser, die Strecke und Puls misst. Es wird Interfaces im Auto geben. Und Brillen, vor allem im Entertainmentbereich oder wenn man beispielsweise in einer fremden Stadt ist.

Würden Sie sich einen Chip implantieren lassen?
Wenn mir das einen Nutzen bringt und die Gesundheit nicht gefährdet, würde ich das machen. Ein Chip könnte als Schlüssel hervorragende Dienste leisten.

Sie haben mit Coop den Online-Markt Siroop gegründet. Wie läuft der Start?
Wir liegen über den Erwartungen. Aber es ist ein langer Weg, bis sich die Investitionen auszahlen. Bilanz ziehen wir in zwei Jahren.

Der Detailhandel fürchtet, dass durch die Digitalisierung 250'000 Jobs ver­loren gehen. Was halten Sie von dieser Prognose?
Mit Angstmacherei und der Behauptung, dass die Digitalisierung nur Arbeitsplätze vernichte, kann ich nichts anfangen. Historisch gesehen haben wirtschaftliche Veränderungen langfristig immer zu mehr Wohlstand und mehr Arbeitsplätzen geführt. Wenn wir profitieren wollen, müssen wir die Chancen packen. Die Schweiz hat den Start in die Digitalisierung verschlafen. Nun haben wir aufgeholt. Die zweite Halbzeit müssen wir gewinnen.

Viele Menschen fürchten die Veränderung.
Dafür habe ich Verständnis. Aber die neue Welt kommt ohnehin. Wir müssen offen sein und der Veränderung in die Augen schauen. Sie wird eine Vielzahl neuer Jobs bringen. Menschliche Fähigkeiten wie Kreativität und Empathie kann keine Maschine ersetzen. Es wird ein Revival von Handwerks- und Dienstleistungsjobs geben. Einen Coiffeur kann man nicht automatisieren. Gut, bei meinem Haarschnitt, wo es nicht mehr so viel zu machen gibt, vielleicht schon. Aber bei einem schönen ­Damenhaarschnitt geht das nicht.

Die Swisscom sammelt Verkehrsdaten. Was bringt das für Ihre Kunden?
Mit Bewegungsdaten können wir zeigen, wie gross die Verkehrsaufkommen auf den Strassen sind, wie man Ampeln effizient steuern kann oder wo gerade ein Stau entsteht. Die Kunden profitieren also vom besseren Verkehrsfluss. Wir können Vorhersagen in Echtzeit machen, damit man nicht erst vom Stau hört, wenn man bereits darin steckt. Wenn ich von zu Hause losfahre, weiss mein Handy schon heute, wie lange ich zum Ziel habe. Es holt sich die Informationen aus meinem Kalender.

Vielen Menschen macht genau das Angst: Dass jeder Schritt nachvollzogen werden kann.
Wenn Kunden mit dem Smartphone telefonieren, verbinden Sie sich mit einer bestimmten Antenne. Nur so ist Mobiltelefonie möglich – und diese Daten sind in unseren Systemen natürlich sichtbar. Wir nutzen sie in anonymisierter und aggregierter Form für ausgewählte Projekte, beispielsweise für die Verkehrsplanung der Gemeinde Pully. Unsere Kunden können uns die Verwendung dieser Daten für externe Projekte jederzeit untersagen.

Verkaufen Sie die Daten weiter?
Nein. Wir gewinnen Informationen aus Analyseverfahren, die wir für wenige externe Projekte weitergeben. Diese Informationen sind anonym und lassen keine Rückverfolgung auf Frau X zu. Der Begriff «Daten» ist immer mit Angst verbunden. Aber in der digitalen Welt bestehen Produkte fast immer aus Daten, die mit Software verbunden werden. Mit einem Update für Ihr Handy bekommen Sie ein neues Produkt.

Aber wenn Frau X in den Fokus der Behörden kommt, ist das anders.
Nein. Wir halten uns an das Fernmeldegeheimnis und machen gegenüber den zuständigen Behörden nur Angaben, wenn wir gesetzlich dazu verpflichtet sind.

Stichwort iPhone: Das Herunterladen des letzten Updates dauerte sehr lange. Steckt dahinter der Konflikt, welche Bandbreite Swisscom grossen Playern zur Verfügung stellt?
Nein. Wenn ein neues Software-Update da ist, dann lädt es jeder runter. Der Engpass ist in der Regel nicht im Netz, sondern bei Servern.

Auch Netflix wackelte am Anfang. Ist die Swisscom eingeknickt und hat dem Online-Filmportal mehr Bandbreite eingeräumt?
Der Vorwurf, wir würden Netflix extra bremsen, ist Blödsinn. Das Problem lag nicht bei der Swisscom, sondern bei der Netzzusammenschaltung. Aber wir haben eine Lösung gefunden, jetzt funktioniert es sehr gut.

Wer mit dem Zug fährt, ärgert sich oft über das schlechte Handy-Netz. Wann können wir in der Bahn ruckelfrei Videos streamen?
Auf der Strecke Zürich–Bern gibt es überall Verstärker in den Zügen. Aber es kann Engpässe geben, wenn alle im Zug Filme schauen. Meine Erfahrung ist eine andere: Ich kann problemlos meine E-Mails herunterladen. Auch TV-Schauen funktioniert gut.

Und auf Nebenstrecken?
Dort sind die Probleme grösser. Der Ausbau braucht Zeit und ist teuer. Wir haben sehr grosse Summen investiert, um die Bahnstrecken besser zu versorgen und werden weiter investieren. Technologisch ist das anspruchsvoll. Zudem gibt es viele Beschwerden. Wir bauen fast keine Antenne ohne Einsprache.

Was heisst das?
Dies kann zu Qualitäts­problemen führen. Wir ­machen alles, um diese zu lösen. Aber die Einsprachen behindern uns. Zuletzt erhalten wir zwar meist recht, aber es dauert lange.

Wie lange müssen Kunden auf das neue iPhone7 warten?
Das hängt davon ab, wie viele Geräte wir von Apple erhalten. In den ersten ­Wochen haben wir immer zu wenige. Wenn wir die ­bestellten Mengen nicht ­erhalten, können auch wir nicht liefern. Man muss Geduld haben. Der Hype um ein neues iPhone ist manchmal schwer verständlich.

Wie bitte? Sie müssen doch das grösste Interesse haben, den Leuten ständig neue Handys zu verkaufen.
Am Verkauf von Handys verdienen wir kein Geld. Die Geräte sind subventioniert.

Aber der Kunde bezahlt mit seinem Abo weitaus mehr, als Sie beim Handyverkauf drauflegen.
Mit den Abos verdienen wir, das stimmt.

Fachfremd

Urs Schaeppi zu Themen, die nichts mit Telekommunikation zu tun haben

Blick: In welchem Film hätten Sie gerne mitgespielt?
Urs Schaeppi:
In einem James Bond. Ich wäre den Aston Martin gefahren.

Gewinnt Federer nochmals einen Grand Slam?
Ich glaube schon. Er ist mental und technisch unglaublich stark.

Was ist für Sie Schweiz pur?
Schöne Landschaften. Berge, Seen, Wälder.

Wann kommt die erste Frau an die Swisscom-Spitze?
Als ich mein Maschinen-Ingenieur-Studium abschloss, war keine einzige Frau dabei. Heute sind es 40 Prozent. Es ist also eine Frage der Zeit, bis wir im Top-Management Frauen haben.

Publiziert am 01.10.2016 | Aktualisiert am 13.12.2016
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3 Kommentare
  • Marcos  Garcia aus Bubikon
    02.10.2016
    Es ist nie gut wenn bei einem Interview die Antwort auf die erste Frage schon mit einer Lüge beginnt, natürlich wird bei Swisscom agressiv verkauft und natürlich steht nicht der Nutzen der Produkte im Vordergrund sondern die Gewinnmaximierung dabei spielt es keine Rolle ob der Kunde jung oder alt ist, ob er die Produkte braucht oder nicht, es zählen die Verkäufe, spätestens beim Besuch im Swisscom Shop wird einem das schnell klar.
  • René  Müller 02.10.2016
    Ich hoffe die nächsten hundert Jahre nicht! Sind wir schon so bekloppt, dass wir ohne dieses Scheissding nicht einmal mehr ein bis drei Stunden leben können? Arme Menscheit.
  • Waldemar  Hugentobler aus Dietikon
    01.10.2016
    Sinnlos, dass das blöde Handynetz im Zug so lebenswichtig sein soll. Wir haben Probleme, das ist nicht normal.