Stress, Zeitdruck, Gratis-Arbeit Die Päckli-Pöstler sind gelb vor Wut

Pro Päckli hat ein Pöstler teils nur 75 Sekunden Zeit um es zuzustellen. Reicht diese Zeit nicht arbeitet der Pöstler gratis. Kein Wunder finden 70 Prozent die Arbeitsbelastung zu hoch.

PAKETVERTEILZENTRUM, PAKETE, PAKET, PAKETPOST, DIE POST, VERTEILZENTRUM MAEGENWIL, play

All diese Päckli rechtzeitig abliefern, ein harter Job.

Keystone

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Tui-Chef Martin Wittwer (55) «Höhere Preise im Reisebüro können wir uns...
2 Warme Pizzas und halbe Poulets Lidl testet Take-away-Ecken
3 Neue Studie enttarnt Weihnachtsgeschenk-Geizhälse Männer sind 27...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
211 shares
54 Kommentare
Fehler
Melden

Die 1600 Päcklipöstler in der Schweiz haben ­einen harten Job. Pro Tag stellen sie Hunderte Sendungen zu. Der Zeitplan ist eng: Die Schweizerische Post hat genau festgelegt, wie lange ein Angestellter haben darf, um ein Paket zuzustellen. BLICK weiss: In der Regel sind es 90 Sekunden. Je nach Tour hat ein Pöstler gar nur 75 Sekunden pro Päckli Zeit.

«Diese Zeit genügt aber sehr oft nicht. Wer länger braucht, der arbeitet gratis», sagt Nina Scheu (57) von der Postgewerkschaft Syndicom. «Der Stress ist für viele Paketboten enorm hoch. Und er wächst zusehends. So darf es nicht weitergehen. Die Angestellten leiden unter diesem immensen Druck.»

Diesen Zeitdruck bekommen auch die Kunden zu spüren. «Um Zeit zu sparen, stellen einige Kollegen die Pakete einfach vor die Tür», klagt H*. Der Paketzusteller ist seit 15 Jahren im Business. Aus Angst seinen Job zu verlieren, will er anonym bleiben.

Ein weiterer Trick, um Zeit zu sparen: Der Abholschein wird im Lieferwagen ausgefüllt und in den Briefkasten geworfen. So muss der Pöstler nicht warten, bis der Kunde die Sendung entgegennimmt.

Eine Umfrage der Syndicom, die BLICK exklusiv vorliegt, zeigt, wie gross die Unzufriedenheit unter den Päcklipöstlern wirklich ist. Von den 1600 angeschriebenen Mitarbeitern antworteten 579. Die Resultate:

  • 70 Prozent finden die Arbeitsbelastung zu hoch.
     
  • 49 Prozent schaffen es nicht, alle Pakete in der vorgesehenen Zeit zuzustellen.
     
  • 72 Prozent fühlen sich beim Beladen des Lieferwagens gestresst.
     
  • 54 Prozent halten die Fahrzeit ins Zustellgebiet für zu knapp bemessen.
     
  • 64 Prozent fühlen sich von ihren Chefs unter Druck gesetzt, schneller zu arbeiten.

«Wir hetzen von einem Haus zum nächsten», klagt auch M.*, der seit zehn Jahren Päckli ausliefert. «Die Kunden verstehen unsere Hektik nicht.» Sie würden gerne auch einmal einen Schwatz abhalten. Er fühlt sich betrogen. «Monat für Monat schenke ich der Post zwischen vier und sieben Stunden. Ich will nicht mehr gratis arbeiten.» M. stört es, dass für alle die gleichen Sekundenwerte gelten. «Eine 50-jährige Aushilfe müsste gleich schnell arbeiten wie ein 25-Jähriger mit Erfahrung.»

Gewerkschafterin Scheu fordert mehr Zeit pro Paket. Touren sollten so arrangiert werden, dass sie in acht Stunden machbar seien. Zudem brauche es mehr Personal. Nur so sinke der Zeitdruck. «Das wird sich positiv auf die Qualität der Arbeit auswirken», glaubt Scheu.

Deshalb will die Gewerkschaft nun mit der Post verhandeln. «Es ist entscheidend, dass die Direktbetroffenen mitreden können», sagt Scheu.

* Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 26.03.2016 | Aktualisiert am 30.05.2016

Das sagt die Post

Laut der Post widersprechen die Ergebnisse der Syndicom-Umfrage internen Personalbefragungen. «Die Mitarbeiterzufriedenheit bei den ­Paketpöstlern liegt seit Jahren zwischen 69 und 70 von 100 möglichen Punkten», sagt Sprecherin Jacqueline Bühlmann zu BLICK. Das entspreche einer «mittleren positiven Beurteilung».

Die Zeitwerte für die Touren hält die Post für «realistisch». Ein Grossteil der Pöstler erreiche diese Werte. Wie hoch diese internen Vorgaben sind, will die Post nicht offenlegen. Das System habe man mit den Sozialpartnern ausgehandelt. Sollte Überzeit anfallen, werde diese durch Freizeit kompensiert. Ist dies nicht möglich, werde sie ausbezahlt. Pöstler, die Zeitdruck verspürten, bekämen Unterstützung vom Vorgesetzten, der sie etwa auf der Tour begleite, um gemeinsam deren Anforderungen zu beurteilen, erklärt Bühlmann.

teilen
teilen
211 shares
54 Kommentare
Fehler
Melden

54 Kommentare
  • Rolf  Wysshaar 25.04.2016
    Das ist nicht nur bei den Pöstler so. Da wird ein Gerät mitgegeben, für die Zeit und Km etc. Die Daten werden dann geheim in Zürich ausgewertet. Sie stimmen überhaupt nicht mit der effektiven Zeit und Km, zudem wird so oder so einfach willkürlich gekürzt, weil das eben jemand so entscheidet. Folglich auch da Gratisarbeit zu der sowieso schon schlecht bezahlten Arbeitszeit die deutlich unter 20.-/Std ist. Grati oder Weihnachtsgeld gibts auch nicht (mehr) seit Ruoff CEO ist.
  • Daniel  Metzener , via Facebook 27.03.2016
    Nicht nur bei der Post, sondern auch bei manchen anderen DL-Firmen ist ein enormer Zeit- und Leistungsdruck vorhanden; und lediglich mit dem Ziel die Effizienz zu maximieren – dies nur zu Gunsten der Firma und zu Lasten der Arbeitnehmer. Ich möchte mal wissen, wie viele Pöstler kurz vor einem Burnout oder Depression stehen. Aber leider wird dieser gesundheitliche Faktor seitens solcher Firmen heruntergespielt. Ich sage: unsere Wirtschaft ist krank geworden.
  • Fliederotto  Silkonbort aus Rheintal
    27.03.2016
    Logisch sind die Zeitwerte realistisch. Die Post zahlt die restliche Zeit ja nicht. In 75 Sekunden schafft die Post es bei uns sicher nicht von der Strasse ins Quartier rein - nicht beide Wege! Und nach dem Klingeln haben unsere Silberfüchse wohl schon länger an die Türe. Musste schon einige Male nachrufen weil ich vom oberen Stock nicht runter schaffte bis der Zusteller am Gehen war. Wenn es für alle machbar sein soll ist es für die Post auch kein Problem die effektive Zeit zu zahlen.
  • Thomas  Lendi aus Tuggen
    26.03.2016
    Ja klar der Abteilubgschef kommt mit und hilft. Wahrscheinlich um noch mehr Druck zu machen oder gleich den blauenBrief auszustellen. Aber Typisch Bundesbetrieb,!
  • Burkhard  Vetsch 26.03.2016
    Das ist schon normal.
    Die bestellen, und wollen das Zeug gleich aus dem Bildschirm rausnehmen.
    Nicht nur bei der Post, auch Frischdienst sollte um 7 Uhr da sein, obwohl die Bestellung erst um 23 Uhr aufgegeben wurde.
    Der dumme ist immer der, der zum Kunden darf.
    Keiner stirbt, wen die Stöckelschuhe einen Tag später kommen!
    Früher bestellen ist die Alternative!
    Schon klar, die da oben haben das Sagen.
    Aber wen du stirbst, sagt keiner Danke, sie werfen dir noch Dreck auf den Sarg!
    TAKE IT EASY