So will der Preisüberwacher die Kostenexplosion stoppen: «Wir sind die Champions bei halbbatzigen Lösungen»

Die Gesundheitskosten seien eine soziale Zeitbombe, warnt Stefan Meierhans. Im Interview sagt der Preisüberwacher, wie er die Kostenexplosion stoppen will.

Adrett im Kampf gegen Sonntags-Liberale: Preisüberwacher Stefan Meierhans hat seinen Anzug im Online-Shop gekauft. play

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Marco Zanoni

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Herr Meierhans, machen uns die hohen Preise im Gesundheitswesen krank?
Stefan Meierhans: Mit knapp 70 Milliarden Franken leisten wir uns eines der teuersten Gesundheitssysteme der ganzen Welt. Seit im Jahr 1996 die Krankenversicherung hierzulande obligatorisch wurde, sind die Kosten zulasten der Grundversicherung fünfmal schneller gestiegen als die Löhne und doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung. Diese Entwicklung ist tatsächlich krank. Für mich ist das eine tickende Zeitbombe.

Santésuisse-Direktorin Verena Nold rief vor kurzem zum Medikamenten-Kauf im billigeren Ausland auf. Ein gutes Rezept?
Obwohl einige Kassen die Augen zudrücken, bekommen Patienten längst nicht überall das Geld zurück. Solange unser Gesetz eine Vergütung im Ausland gekaufter Arzneien verbietet, kann für Patienten der Einkaufstourismus zum Bumerang werden – leider!

Sie rufen für andere Waren zum Einkaufstourismus auf. Gehen Sie selbst im Ausland posten?
Vorab: Ich habe nie zum Einkaufstourismus aufgerufen – und tue es auch jetzt nicht. Aber ich mache niemandem einen Vorwurf, der den Wettbewerb nutzt – sei dies im Inland oder im Ausland. Denn Otto’s, Migros oder Coop – sie alle kaufen ebenfalls im günstigeren Ausland Produkte oder Leistungen ein. Warum sollen für die Kleinen andere Massstäbe als für die Grossen gelten? Ich selbst poste gelegentlich in ausländischen Online-Shops.

Was haben Sie zuletzt gekauft?
Das waren Weihnachtsgeschenke für meine Töchter, Tiptoi-Bücher, die bei uns dreimal teurer sind als jenseits der Grenze.

Sie sind Bundesangestellter mit einem schönen Schweizer Lohn und kaufen im Ausland. Machen Sie sich da nicht lächerlich?
Stimmt, ich bin gut bezahlt und habe einen sicheren Arbeitsplatz. Ich bin aber auch Konsument. In einer liberalen Welt darf ich mir auch die Freiheit nehmen – wie jeder andere – am freien Wettbewerb zu partizipieren.

Apropos freier Wettbewerb: Der Nationalrat hat den Zulassungsstopp für Ärzte gekappt. Gute Idee?
Leider nicht. Jetzt werden sich wieder mehr Ärzte bei uns niederlassen. Das führt zu einem Kostenanstieg und höheren Prämien.

Santésuisse-Direktorin Nold sagt aber, der Ärztestopp schaffe die Voraussetzung dafür, den Vertragszwang zu lockern.
Das mag irgendwann mal so sein. Aber so weit sind wir heute nicht. Die Schweiz ist Champion in halbbatzigen Regulierungslösungen.

Sie propagieren bei den Medikamenten die Einführung eines Festbetragssystems. Die Kassen würden nur noch das billigste Medikament vergüten. Ist dies tatsächlich das beste Rezept?
Davon bin ich überzeugt. Wir als Kunden – beziehungsweise das Bundesamt für Gesundheit als unser Vertreter – sollten festschreiben können, wie viel wir bereit sind, für ein Medikament zu bezahlen. So hätten nicht die Pharmafirmen das Ruder in der Hand, sondern indirekt wir Konsumenten selber.

Das Festbetragssystem funktioniert marktwirtschaftlich: Der günstigste Preis für ein qualitativ gutes Produkt setzt sich durch. In einer ersten Phase könnte man 388 Millionen Franken sparen. Das entspricht 1,5 Prozent des Prämienvolumens. Haben Sie das schon Gesundheitsminister Alain Berset gesagt?
(Lacht) Das Festbetragssystem ist nur ein Element. Ebenso wichtig ist die Anerkennung im Ausland zugelassener Medikamente. Sparen kann der Bundesrat auch, indem er die Preisbildung den Krankenkassen und Herstellern übergibt und endlich Schluss mit dem Heimatschutz beim Auslandpreisvergleich macht. Die Pharma darf noch drei Jahre lang mit einem Wechselkurs von Fr. 1.20 rechnen. Da kann ich nur den Kopf schütteln.

Sie fordern viel und das oft laut. Dennoch laufen die Gesundheitskosten aus dem Ruder: Sie machen Ihren Job nicht richtig!
Ich habe letztes Jahr über 60 Empfehlungen zu Spitaltarifen gemacht. Dafür habe ich nur zwei Mitarbeiter. Ein weiterer Mitarbeiter kümmert sich in Teilzeit um Medikamentenpreise – der Lobby-Verband Interpharma hat etwa gleich viel Personal wie die ganze Preisüberwachung. Wir können jetzt schon nicht mehr allen Meldungen vertieft nachgehen. Das macht mir grosse Sorgen!

Kritiker bezweifeln, dass Sie mit mehr Personal mehr ausrichten können. Man könne Monsieur Prix einfach abschaffen, um wenigstens  ein bisschen zu sparen ...
... und wer soll dann die Diskussionen immer wieder anstossen? Das gesamte Büro des Preisüberwachers verursacht Kosten von rund drei Millionen Franken jährlich. Demgegenüber stehen Einsparungen von durchschnittlich über 300 Millionen jährlich, an denen wir beteiligt sind. Letztes Jahr waren es zum Beispiel 70 Millionen bei der Post, 48 Millionen bei der Bahn und weitere Millionen in vielen anderen Bereichen.

Wo sparen Sie selbst bei Ihren Gesundheitsausgaben?
Wenn mir oder unseren Kindern etwas fehlt, gehen wir prinzipiell zuerst zum Apotheker im Quartier. Und nicht in die Notfallaufnahme, wie es heute Mode ist. In den meisten Fällen kann der Apotheker das Problem lösen.

Halten Sie es wie die Mehrheit der Schweizer und wechseln Ihre Krankenkassen nicht?
Ich wechsle ziemlich oft die obligatorische Krankenkasse, zuletzt war das im Jahr 2014 zur Groupe Mutuel. 2015 hat es sich nicht gelohnt. 

Bundesrat Berset will die Rabatte für hohe Franchisen kürzen. Das richtige Rezept, um Kosten zu sparen?
Nein, daran glaube ich nicht. Der Ansatz ist der falsche. Hier würde man zudem ein verheerendes politisches Signal geben: Eigenverantwortung und Sparen lohnen sich nicht mehr.

Eben hat das Parlament den Komatrinker-Vorstoss versenkt. Rauschtrinker müssen eine Spitalbehandlung doch nicht aus eigenem Sack bezahlen. Das dürfte Sie nicht freuen.
Falsch! Ich halte den Parlaments-Entscheid für richtig. Wenn die Komatrinker ihre Behandlung aus eigenem Sack bezahlen müssen, was machen Sie dann mit Übergewichtigen oder Rauchern? Aber das ist eine andere Diskussion. Massiv sparen könnte man woanders.

Und zwar?
Die Spitalkosten sind die wahren Kostentreiber. Wir haben zwar ein neues System, mit dem wir Spitäler zu mehr Kosteneffizienz zwingen können. Allerdings wendet man dieses nicht wirklich an. Zudem haben wir mit 150 Akutspitälern zu viele in der Schweiz.

Auf wie viele Spitäler könnten wir verzichten?
Ich komme in Teufels Küche, wenn ich Ihnen eine Zahl nenne. Aber es gibt zahllose Beispiele von Verschwendung: Wir leisten uns eine der grössten Dichten von Magnetresonanz-Tomografen in der ganzen Welt. Warum? Weil sich das für die Spitäler lohnt. Noch ein Beispiel: Freiburg will Millionen in eine eigene Herzchirurgie investieren, obwohl in zwanzig Minuten Entfernung, hier in Bern, eines der besten Herzzentren existiert – und auch Lausanne ist nicht wirklich weit weg. Eine Konzentration hätte bessere Auslastung, höhere Fallzahlen und damit mehr Patienten-Sicherheit zur Folge. Und die Kosten wären auch geringer.

Wie lange kann sich die Schweiz dieses System noch leisten?
Heute erhält jeder Dritte Subventionen für seine Krankenkassenprämie. Allein das muss ein Anlass sein, die Kosten zu überdenken. Hinzu kommt, dass viele Kantone und Städte ihre Budgets reduzieren müssen. Es ist offenkundig, dass wir uns dieses System nicht länger leisten können. Persönlich finde ich, dass wir uns zwar weiterhin eines der teuersten Gesundheitswesen der Welt leisten können und sollen. Aber die Kosten sollen nicht mehr stärker wachsen als die gesamte Wirtschaft. Für die Reichen wird die aktuelle Kostenexplosion zwar nie ein Problem sein. Wir riskieren aber das Ausbluten des Mittelstands.

Stefan Meierhans (47) ist seit sieben Jahren Preisüberwacher. Zuvor war er Cheflobbyist von Microsoft Schweiz. Meierhans ist mit CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter und lebt in Bern.

Publiziert am 03.01.2016 | Aktualisiert am 03.01.2016
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18 Kommentare
  • alois  Leimgruber aus Villmergen
    04.01.2016
    Das Problem sind die Kopfprämien, darum blutet der Mittelstand aus. Die Lösung wäre KRK-Prämien nach Einkommen, dann würde der Wohlhabende und Gutverdienende mehr bezahlen, wie das im Ausland der Fall ist. Leider wurde das vom Volk abgelehnt.
  • Markus  von Gunten aus Bern
    04.01.2016
    Wie wäre es mit gerechten Prämien anhand des Einkommens? Ach ja, geht ja nicht, weil die Reichen in Bundesbern sitzen.
  • Tobi  Mory aus Basel
    04.01.2016
    Die Krankenkassen sollten dem Volk das gestohlene Geld zurück geben,das man aus ihm heraus gepresst hat.Der Zwang der Krankenkasse und deren schwindelerregenden Prämienerhöhungen jahrlich,bringt das ganze zum Fall. Die Schweizer sind viel zu vielen Zwängen ausgesetzt,ändert das gefälligst,wir sind keine Geldkühe!
  • Rolf  Hess 04.01.2016
    Das hat Herr Meierhans, der zahnlose Tiger der Verwaltung, anscheinend erst gemerkt, als es ihm der Kassensturz unter die Nase gerieben hat. Machen tut er nichts dagegen, weil er eben zahnlos ist und von der Verwaltung nur als Alibistelle gehalten wird.

  • Markus  Immer aus Anse aux Pins
    04.01.2016
    Die Ärzteschaft und die Pharmabranche haben sich, wie die Geldaristokratie, zu Gangster entwickelt! Kräftig unterstützt durch die politische Lobby gekaufte Politiker. Wenn die medizinische Versorgung in einem modernen Staat für den Durchschnittsbrüger nicht mehr bezahlbar wird, dann läuft etwas sehr schief! Ich kann ihnen sagen was: Wir haben es hier mit systematischer "Raubökonomie" zu tun! Diese wird unter anderen auch an St. Gallen gelehrt!