Seit Trump und Brexit reissen sich alle um ihn Büezer 2.0

Alle wollen ihn, den Büezer. Doch wer ist er? Und wo findet man ihn?

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Seit Trump und Brexit reissen sich alle um den Büezer. Doch wer ist er? Und: Wo findet man ihn?

Sie sind die neue Macht. In den USA sollen sie, wie es heisst, Donald Trump zur Wahl verholfen haben. In England waren sie für den Brexit.

In der Schweiz üben die Sozialdemokraten Selbstkritik, sich zu wenig um sie gekümmert zu haben. Und die Bürgerlichen nehmen in Anspruch, sie zu vertreten: die Mittel- und Niedrigverdiener. Oder auch: die klassischen Büezer.

Jeder will ein bisschen Büezer sein

Die stolzen Chrampfer, denen Gölä schon vor fast 20 Jahren eine Hymne schrieb: «Si luege mi a i dr Beiz, wöu i dräckigi Hudle ha. U kene seit: Sälü, wie geits? U kene fragt, was i äch hüt gmacht ha.» Doch das ist vorbei. Sie sind wieder wer. Donald Trump, Brexit und Masseneinwanderungs-Initiative sei Dank. Plötzlich fragen alle: Wie geht es euch? Und jeder will ein bisschen Büezer sein.

Doch wer sind sie – im Jahr 2016? Gibt es sie noch, die Büezer? Wo findet man sie?

Handwerker sind heute gut ausgebildet

Schon die Definition ist unklar. «Büez» heisst Arbeit. Folglich sind «Büezer» Arbeiter. Noch vor 40 Jahren war der Fall klar: Der Büezer arbeitete in der Fabrik, stellte irgendein Produkt her, wählte hauptsächlich links und brachte es auch mit einer schlechten Ausbildung zu bescheidenem Wohlstand.

«In der Industrie konnte er gut verdienen. Er war wegen der hohen Automatisierung produktiv», sagt Arbeitsmarkt-Experte George Sheldon (66) von der Uni Basel. Doch in der Industrie haben vor allem spezialisierte Hightech-Buden überlebt. «Auch Handwerker mit einer Lehre sind in der Schweiz heute gut ausgebildet und arbeiten hoch präzise», so Sheldon.

George Sheldon ist Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Universität Basel. play

George Sheldon ist Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Universität Basel.

Keystone/Martin Rütschi

 

Wer über eine geringe oder gar keine Bildung verfüge, maloche nicht mehr in der Fabrik, sondern eher im Dienstleistungssektor: Detailhandel, Gastro, Pflege. Klassische «Tieflohnbranchen», wie der Bundesrat in einem Bericht von 2015 festgestellt hat.

Arbeitet der Büezer bei der Spitex?

Das Problem: Laut Sheldon liegt in diesen Branchen die Produktivität deutlich niedriger. Der Büezer: ein Verkäufer? Ein Kellner? Ein Spitex-Mitarbeiter?

Sicher ist: In diesen Branchen ist der Ausländeranteil besonders hoch. Laut dem Bundesrat werden «Tieflohnjobs» zu 42 Prozent von Nichtschweizern ausgeführt. In einigen Branchen wie etwa der Hotellerie geht der Ausländeranteil sogar gegen 50 Prozent. Ein Problem für Schweizer ohne Berufsabschluss.

Der Büezer 2.0 ist die neue Macht. play

Der Büezer 2.0 ist die neue Macht.

Igor Kravarik

 

Professor Sheldon: «Fünf Prozent der Jugendlichen kommen ohne Ausbildung aus der Schule. Die konkurrenzieren dann mit der Masse an unqualifizierten Arbeitern aus dem Ausland.» Ist der Büezer von heute also gar kein Schweizer mehr?

Geht es nach Gölä, ist der Fall klar: «Dräck uf dr Zunge u Stoub uf dr Lunge.» Ein Büezer arbeitet also draussen. Auf dem Bau. Oder in der Landwirtschaft. Jedenfalls strengt er sich körperlich an. Doch auch diese Definition greift zu kurz.

Ist der Büezer ein Phantom?

Historisch hatten Arbeiterschaft und Bauern das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Und heute, wo sie sich politisch angenähert haben, wäre es auch nicht fair, wenn sie das Label «Büezer» für sich allein beanspruchen dürften.

Gerade auf dem Bau werden heute durchaus solide Mittelklasselöhne bezahlt. Und die Landwirtschaft ist als Branche zu klein, um für eine ganze Gesellschaftsschicht zu stehen. Ein Bauer macht zwar harte Büez, doch in erster Linie ist er Bauer, nicht Büezer.

Ist der Büezer also ein Phantom? Sind seine Sorgen bloss Phantomschmerzen? Fakt ist: Den Büezer von einst gibt es nicht mehr. Der Begriff hat sich überlebt. Deshalb kann man ihn formen. Und weil es um ein sympathisches Konzept geht, kann man sich dadurch mit ihm identifizieren. Das heisst aber nicht, dass der Büezer tatsächlich ausgestorben ist.

Der Chrampfer muss flexibler werden

Wahrscheinlich muss man ihn sich nur ein wenig anders denken. Der ehrliche Chrampfer macht heute viele verschiedene Jobs. Und spürt, dass die Ansprüche an ihn ständig steigen. Er muss flexibler werden.

Erreichbar für den Chef, wann immer der ihn braucht. Er weiss, dass er, wenn er weiterkommen will, zum Lehrabschluss noch zig Qualifikationen braucht. Und dass sein Lohn stagniert, während die Ausgaben steigen.

«Obwohl wir eines der reichsten Länder sind, gibt es relativ viele Menschen, die nicht zu Rank kommen. Das liegt auch am Wohnungsmarkt oder den Krankenkassenprämien, welche die kleinen Budgets zunehmend belasten», sagt Robert Fluder (65), Dozent für soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule.

Ehrliche Arbeit reicht oft nicht mehr

Im Oktober stellte das Bundesamt für Statistik in einem Bericht fest: Es gibt grosse Unterschiede in der Lebensqualität, je nachdem, ob man zur oberen oder unteren Mittelklasse gehört.

Die Grenze liegt für 100-Prozent-Jobs bei 6200 Franken Einkommen pro Monat und Person. In der unteren Hälfte haben 25 Prozent Mühe, wenn eine unvorhergesehene Rechnung ins Haus flattert. Dieselben Menschen leben häufiger in überbelegten Wohnungen. Und auch das Vertrauen in Justiz und Politik ist im unteren Mittelstand spürbar tiefer (74 Prozent) als im oberen (78 Prozent).

Und schon klopft die nächste Ungewissheit an die Tür. Die Digitalisierung hat begonnen, die Arbeitswelt auf den Kopf zu stellen. Bald steuern sich Züge von selbst, können Bagger programmiert werden, tragen Roboter die Post aus.

Der Büezer 2.0 hat gemerkt, dass harte, ehrliche Arbeit heute oft einfach nicht mehr reicht. Dass er ersetzbar ist. Dass er irgendwie stehen geblieben ist. Das will er nicht einfach so hinnehmen. Und das macht ihn zur neuen Macht.

Publiziert am 28.11.2016 | Aktualisiert am 29.11.2016
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4 Kommentare
  • Adrian  Gerber aus Aarberg
    28.11.2016
    Ehrliche Arbeit wird sich immer auszahlen. Und sollte dies einmal anders werden, wird es an der Politik liegen, Lösungen zu finden. Ansonsten wird es auch in der Schweiz Unruhen geben.
  • Markus  Herger aus Root
    28.11.2016
    Naja, alles was so cool tönt an der Digitalisierung und den sogn. neuen Geschäftsmodellen wie Uber und Airbnb ist in Wahrheit der maximierte Kapitalismus. Keine eigene Infrastruktur, im Fall von Uber den Fahrern nicht die geringste Versicherung, Sozialabgaben etc. einzahlen und auch nirgends steuerpflichtig. Die 30K die sie in der CH bezahlen sind ja lächerlich. Kein Wunder wehren sich Büezer -, die Spiesse sind nicht gleich lang. Robotersteuer für Wahrung des sozialen Frieden wird wohl Realität
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    28.11.2016
    Zitat: "Büezer stellte irgendein Produkt her, wählte links und mit einer schlechten Ausbildung " Falsch. Die Arbeiter in der Schweiz waren schon vor über 200 Jahren gut ausgebildet, weit über 90 Prozent konnten lesen und schreiben. Und nochmals falsch: In meiner Verwandtschaft gibt es eine grosse Zahl von Handwerkern, aber kein einziger von denen hat je SP gewählt. Und zum Schluss erst recht falsch: Keiner stellte "irgendein" Produkt her, sondern wussten genau Bescheid, was sie machten.
    • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
      28.11.2016
      Ok, ich gebe zu, mein Grossvater las in den 30er Jahren den "Vorwärts" und er schwärmte vom Arbeiterparadies in der Sowjetunion. Dennoch hätte er sich zur Wehr gesetzt, wenn man ihn als ungebildet bezeichnet hätte oder wenn jemand behauptet hätte, er mache "irgendetwas" als Beruf. Er war stolz auf seine Arbeit und wusste, wem er nützte. Und für die Daumen nach unten: Ungebildete Arbeiter gab es in der Schweiz nur unter den bildungsfernen Einwandern, seit je.