Repräsentative Umfrage zeigt Schweizer gegen Couchepins Praxisgebühr

Der Gesundheitsminister will, dass Patienten 30 Franken zahlen, wenn sie zum Arzt gehen. Das Volk hält nichts von diesem Vorschlag. Es fordert einkommensabhängige Prämien in der Grundversicherung.

  • Publiziert: 18.04.2009, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Roman Seiler
play Rasender Puls: Die Gesundheitskosten steigen rasch weiter, neue Gegenmassnahmen werden diskutiert. (Sabine Wunderlin)
Bern, Inselgasse 1, Departement des Innern, Sitzungszimmer 302: Hier empfängt Bundesrat Pascal Couchepin (67) am Dienstag um 15 Uhr die Spitzen im Gesundheitswesen: die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), die Branchenverbände der Ärzte (FMH), der Krankenkassen (Santésuisse) und der Spitäler (H+). Der Prämiengipfel wird heiss: 2010 droht ein Prämienschub um bis zu 14 Prozent, wie SonntagsBlick enthüllte. Nun fordert Couchepin von den Teilnehmern Vorschläge für Kostensenkungsmassnahmen. Bereits zeichnet sich ab, dass neben Einsparungen bei den Medikamenten auf die Schnelle wenig zu erreichen ist. Daher will Couchepin die Kranken mehr belasten. Er schlägt vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von 30 Franken bezahlen sollen, wenn sie einen Arzt aufsuchen. Das lehnen 62 Prozent der Schweizer ab, wie eine repräsentative Umfrage von Isopublic im Auftrag von SonntagsBlick ergab. CVP-Ständerat Urs Schwaller (57): «Das ist eine reine Umverteilung der Kosten. Zahlen müsste das der Mittelstand. Den trifft bereits der Prämienanstieg mit voller Wucht.»Gar mit 88 Prozent versenkt wird der Vorschlag, höhere Prämien für Senioren einzuführen, wie dies CVP-Nationalrätin Ruth Humbel Näf (52) in einer Interpellation fordert. «Diese Resultate sind ein klares Bekenntnis zur Solidarität», freut sich SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr (45): «Die Leute sind nicht bereit, Junge gegen Alte oder Gesunde gegen Kranke auszuspielen.» Dafür wird ein altes Anliegen der Sozialdemokraten salonfähig: 56 Prozent der Befragten plädieren für einkommensabhängige Prämien. Das überrascht den SVP-Gesundheitsexperten Toni Bortoluzzi (62) nicht: «Als Patienten wollen wir alles – auch Komplementärmedizin. Aber bezahlen sollen die anderen.» Fehr fordert jetzt einen «schrittweisen Ausbau der Prämienverbilligung, um den unteren Mittelstand und Familien zu entlasten». Schwaller plädiert für ein «Sozialziel»: «Die Prämienbelastung sollte 8 bis 10 Prozent des Einkommens nicht übersteigen.»Obwohl eine Mehrbelastung des Mittelstands nicht mehrheitsfähig ist, gibt es dafür weitere Ideen: Santésuisse will laut Direktor Stefan Kaufmann (42) eine Verdoppelung der Kostenbeteiligung von 10 auf 20 Prozent oder eine Erhöhung des maximalen Selbstbehalts von 700 auf 1000 Franken: «Das kann der Bundesrat mittels Verordnungsanpassungen umsetzen.» Gesetzesänderungen für Kostensenkungsmassnahmen brauchen mehr Zeit.Um das Prämienvolumen zu erhöhen, fordert SP-Nationalrat Stéphane Rossini laut «Le Matin Dimanche» ein Verbot der Franchisen ab 1000 Franken. Die höchsten Franchisen will auch FMH-Präsident Jacques de Haller (57) abschaffen – ebenso wie Billigkassen. Und die GDK will die Franchisenrabatte kürzen.

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