Arbeitsinspektoren-Präsident Peter Meier will jetzt schweizweit durchgreifen Schluss mit den Überstunden!

Viele Schweizer arbeiten länger, als sie müssten. Vertreter von Bund, Kantonen und Gewerkschaften fordern schärfere Kontrollen der Arbeitszeiten.

  • Publiziert: 02.09.2012
  • Von Walter Hauser und Marcel Odermatt (Text), Philippe Rossier und Thomas Lüthi (Fotos)
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«Der ‹Präsentismus› – das Wetteifern, wer am längsten im Büro sitzt – nimmt überhand» – Arbeitsinspektor Peter Meier.

(Philippe Rossier)

Jeder Schweizer Arbeitnehmer unterliegt dem Arbeitsgesetz. Es schreibt Höchstarbeitszeiten, Pausen und Ruhezeiten vor. Und es verpflichtet alle Unternehmen, die Arbeitszeit ihrer Angestellten zu ­dokumentieren (siehe Box). Die Behörden müssen kontrollieren, ob die Bestimmungen eingehalten werden.

Doch für Hunderttausende ist das reine Theorie. Viele Angestellte ­arbeiten zu viel – «manche bis zum Umfallen», sagt der Zürcher Arbeitsinspektor Peter Meier (56), Präsident der Vereinigung schweizerischer Arbeitsinspektoren.

Arno Kerst, Vizepräsident der Allbranchengewerkschaft Syna, konkretisiert: «Banken und Versicherungen – und zunehmend andere Branchen – missachten die gesetzlichen Vorschriften im gros­sen Stil.»

Auch bei den Angestellten im Gesundheitswesen und in der Gastronomie häufen sich die Missstände. «Die Lage bei Arbeitszeiterfassung und -kontrolle gerät aus dem Ruder», sagt Hans Hartmann, Co-Leiter Kommunikation der Dienstleistungsgewerkschaft Unia.

Im Bankensektor betrage die Überzeit im Schnitt bereits 2,2 Wochenstunden, so Denise Chervet, Generalsekretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbands.

Wo ohne Ende geschuftet wird, nehmen Stress und Folge-Phänomene wie Mobbing und Burn-out zu. Resultat sind Langzeitaus­fälle, die unsere Volkswirtschaft Jahr für Jahr Milliarden kosten.

Würden die Arbeitszeiten eingehalten, wie das Gesetz es befiehlt, «könnten Staat und Krankenkassen viel Geld für die Behandlung von Langzeitkranken sparen», sagt Arbeitsinspektor Meier.

Ziel ist ein besserer Schutz der Arbeitnehmer

Heftiger Streit entbrannte  nun zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern darüber, wie Arbeitszeiten künftig besser erfasst und kontrolliert werden sollen. Nächsten Donnerstag tagt in Bern die Eidgenössische Arbeitskommission. Unter Leitung von Serge Gaillard, Chef der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), diskutiert das Gremium eine schärfere Regelung.

Klar ist: Das Staatssekretariat sieht Handlungsbedarf – und fordert eine Lösung des Problems. Laut Seco-Untersuchungen dokumentieren 15 Prozent der Angestellten in der Schweiz ihre Arbeitszeit überhaupt nicht mehr. Es sind die, die am meisten Überstunden schieben.

«Das Ziel ist, die Arbeitnehmer künftig besser zu schützen. Das heisst, dass die Angestellten in allen Branchen ihre Arbeitszeit erfassen», sagt Gaillard. «Gleichzeitig braucht es eine flexible Lösung für Kadermitarbeiter, die nicht zu restriktiv ist.»

So ist laut Gaillard auch denkbar, dass Angestellte, die mehr als 175000 Franken im Jahr verdienen, ihre Arbeitszeit nicht mehr erfassen müssen. Die neue Regelung, welche Schweizer Unternehmen wieder härter an die Kandare nehmen soll, würde in einer Verordnung zum Arbeitsgesetz verankert. Das Seco will dem Bundesrat möglichst noch dieses Jahr einen entsprechenden Vorschlag unter­breiten.

Doch die Fronten sind verhärtet – und ein Kompromiss ist schwierig. Gewerkschaften fordern mehr Kontrollen. Nach gültigem schweizerischen Arbeitsgesetz müssen Arbeitnehmer in allen Branchen ihre Arbeitszeiten täglich aufzeichnen, damit die kantonalen Arbeitsinspektorate diese überprüfen können.

«Das Gesetz ist klar – und die Anwendung eine einfache Ange­legenheit», sagt Arbeitsinspektor Peter Meier. «Es braucht pro Tag in der Regel vier Ein­träge», so Meier. «nämlich beim Arbeitsbeginn am Morgen, beim Beginn der Mittagspause, am Ende der Mittagspause und zum Feierabend». Diese vier Einträge pro Tag könnten auf «unterschiedliche technische Weise vorgenommen werden», so Meier weiter.

Die 175000-Franken-Grenze beim Salär als Knackpunkt

Möglich sind Excel-Tabellen, Proto­kolle mit Handeinträgen, Zeit­erfassungsprogramme – oder die gute alte Stempeluhr. Auf jeden Fall sei die Arbeitszeiterfassung überall «ohne Wei­te­­­­res möglich und zumutbar», sagt Meier. Aber erst mit ihr könnten die Arbeitsinspektoren feststellen, ob die gesetzlichen Arbeitszeiten – wöchentliche Höchstarbeitszeit, Pausen und Ruhezeiten – eingehalten werden.

Gegen schärfere Kontrollen wehren sich vor allem die Banken. Sie drängen sogar auf Flexibilisierung und würden am liebsten auf eine strenge Zeiterfassung verzichten, wie Balz Stückelberger bestätigt, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Banken in der Schweiz.

Im Rahmen eines Pilotprojekts erprobten die Kreditinstitute in den vergangenen zwei Jahren ein neues Modell der Arbeitszeiterfassung. Stichwort: Vertrauensarbeitszeit. Wer Ende der Woche keine Überzeit meldet, für den gilt die Vermutung, dass er nach Vorschrift gearbeitet hat. Gerade Angestellte mit geringen Löhnen wagen jedoch kaum, ihre Überzeit zu melden: Zu gross sind der Druck und die Angst vor dem Jobverlust. «Der Präsentismus – das Wetteifern, wer am längsten im Büro sitzt – nimmt überhand», sagt Arbeitsinspektor Meier.

Sowohl das Seco als auch die Arbeitsinspektoren halten das Pilotprojekt deshalb für gescheitert. «Wir brauchen verlässliche Daten, damit wir die Arbeitszeit kontrollieren können. Das Modell liefert sie nicht», sagt Peter Meier.

Ein Knackpunkt ist die 175000-Franken-Grenze beim Salär, bei deren Überschreitung die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit nicht mehr erfassen müssen. Die Arbeitgeber-Vertreter halten diese Bemessungsgrenze für zu hoch. In vielen Branchen – zum Beispiel auf dem Bau – verdiene nicht einmal der Chef so viel, heisst es.

Das sagt das Gesetz zu Pausen und Überstunden

Die Verordnung 1 zum schweizerischen Arbeitsgesetz hält glasklar fest, dass «die geleistete (täg­liche und wöchentliche) Arbeitszeit inkl. Ausgleichs- und Überzeitarbeit» jedes Arbeitnehmers dokumentiert werden muss. Doch viele Schweizer Unternehmen foutieren sich darum. Das Gleiche gilt für die gesetzliche Vorschrift, nach der sie angeben müssen, wann und wie lange ihre Angestellten Pause machen – und wie sie für Überstunden entschädigt werden. Der Zürcher Arbeitsinspektor Peter Meier meint, in der Regel genügten vier Einträge pro Tag, um die geleistete Arbeitszeit festzuhalten. Elektronische Systeme zur automatischen Zeiterfassung machen dies noch einfacher. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit für die meisten Angestellten beträgt laut Arbeitsgesetz 45 Stunden. Es schreibt auch Einschränkungen für Nacht- und Sonntagsarbeit vor: Arbeitnehmer sind in dieser Zeit besser geschützt und haben Anrecht auf Lohnzuschläge.

Arbeiten Sie auch zu viel?»

Beliebteste Kommentare

  • Paul  Weder , Zürich
    Das SECO handelt immer nur im Auftrag der Wirtschaft, und hat deshalb längst die Glaubwürdigkeit verloren. Die wissen ganz genau, dass sich die Wirtschaft einen Dreck um etwas schert und 2 Stunden täglicher Überzeit längst schon Standard sind. "Das SECO lässt verlauten!". Da kann man nurnoch lachen. Die Wirtschaft diktiert längst der SECO, was Sache ist. Und das seit Jahrzehnten.
  • Max  Niederberger , Zürich
    In der Bude in der ich arbeite hat es sich eingebürgert, dass man 1-2 Stunden pro Tag mehr arbeitet ohne dass man dafür bezahlt wird. Man nennt dies Firmeninteresse. Macht man nicht mit, gehört man nicht dazu.In der Woche ist dies ein Tag + den man ohne Bezahlung leistet.
    Die Stempeluhr wurde abgeschafft, somit ist eine Dokumentation der Präsenzeit nicht möglich, sonst muss aber alles mögliche und unmögliche dokumentiert werden.
    Ganz schlimm mit dem kostenlosen Arbeiten treiben es die Jungen teilweise 5 h pro Tag unbezahlte Ueberzeit und setzen damit die älteren Mitarbeiter unter Druck die es noch gewohnt waren, für geleistete Ueberzeit bezahlt zu werden. Der Arbeitgeber nimmt diese Situation bewusst in Kauf und nützt die Konkurrenzsituation zwischen Jung und Alt zu seinen Gunsten aus.
    • 02.09.2012
    • 83
    • 7

Alle Kommentare (53)

  • D.  de Jong , Luzern
    Schweizer arbeiten zu viel
    Die Überstunden und hart arbeitende Arbeiter haben zur Wohlstand beigetragen! Ja ja, das mag wohl stimmen aber wenn die Arbeiter nachher krank und ausgebrannt sind kostet dies ebenfalls Milliarden an Gesundheitskosten, Wiedereingliederungskosten, Arbeitslosenkosten usw. Wenn wir nur die hohen Löhne der Topmanager kürzen würden, hätten wir Einiges an Geld um mehr Arbeiter einzustellen und hätten weniger Arbeitslosen und weniger Überstunden.

    Ich selber musste wegen Wegzugs meines langjährigen Arbeitgebers im Jahre 2010 die Stelle wechseln und kam in eine Firma wo erstens Ferien auf ein Minimum reduziert wurde Ostermontag, Pfingstmontag, 2. Weihnachtstag und Berthelitag wurden von den Ferien abgezogen und die Arbeitszeiten waren nicht normal. Ich trat diese Stelle am 1. August 2010 an und im Oktober arbeitete ich 28 Tage ohne je einen Tag frei zu haben. Da habe ich dem Arbeitgeber drohen müssen und bekam dann jeweils einen Montag frei. Also wöchentlich 6 Tage zwischen 9 und 10 Stunden und montags frei. Zum Glück habe ich die Kurve noch gekriegt und habe Januar 2011 gekündigt.

    Da ich über 50 Jahre bin ist es nicht so einfach mehr eine Stelle zu erhalten doch ich hatte Glück und ab Mai hatte ich wieder eine Anstellung. Am Anfang war es echt toll, doch ab August wurde verlangt zwischen 10 und 12 Stunden täglich zu arbeiten. Die Krise begann und Arbeiter wurden entlassen, die Arbeit wurde auf den Anderen aufgeteilt. Ich wollte hier aber nicht schon wieder kündigen. Früher mit 40 Jahren ging es auch. Doch leider erlitt ich dann im November einen Burn-Out. Und 3 Monate später hatte ich die Kündigung.

    Meine Vorschläge sind vielleicht radikal aber etwas muss passieren:
    • Wiedereinführung der Stempelpflicht für alle auch Kader
    • Überstunden mit 150 Prozent auszahlen oder 150 Prozent Freizeit vergüten
    • Überstunden für den Arbeitgeber mit 33 Prozent Strafsteuern zu Gunsten der ALV oder AHV zusätzlich besteuern

    Mal sehen, ob wir dann immer noch Tag und Nacht arbeiten müssen.

    Freundliche Grüsse
    Dick de Jong
    • 03.09.2012
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  • michael  przewrocki , basel
    Weil die uneinsichtig Ueberarbeiteten in der IV oder im Grab gelandet sind. Leute, wacht endlich auf. Viel arbeiten ja, aber ohne zu übertreiben. Effizienz-Steigerung durch Arbeitszeitreduktion und Verbesserung der Arbeits-und Lebensbedingungen. Wer dies noch nicht geschnallt hat dem ist nicht mehr zu helfen. Ich weiss wovon ich spreche. War lange Selbständigerwebend mit wenig Geld. Hatte vor langer Zeit Nervenzusammenbruch. Kann mir vorstellen, eine Kombi von Beidem und man schafft es nicht mehr. Wir müssen die Bedingungen ändern und mehr zusammenarbeiten. Schluss mit der Eigenbrödlerei und Realitätsverweigerung!
    • 03.09.2012
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  • Hansjörg  Cartier , via Facebook
    Die Kommentare geben allen Anlass darüber nach zu denken wie wir in Zukunft dieses Problem in den Grif bekommen wollen. Aber dies wird nicht so einfach gehen, ich sehe da nur eine Lösung . Das Arbeitsversicherungsrecht so abzuendern das die Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Verantwortung und Haftung ihres handelns selber tragen müssen und es nicht mehr den staatlichen Versicherungen aufhalsen können. Diese Generation wird noch viel mehr Burn oust produzieren als alle zuvor.
    • 02.09.2012
    • 12
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  • Rolf  Wichtermann , Ettingen , via Facebook
    Solange das SEKO nicht ernsthaft Kontrollen macht wird sich nichts ändern.
    Es gibt Betriebe wo der Personalverantwortiche täglich die elektronischen Stempel ändert und damit Mitagspausen "erfindet". Überzeit, bis weit über 10 Std./Tag sind keine Seltenheit.
    Aber wer dies bemängelt wird als nicht loyal gestempelt und bei nächster Gelegenheit durch einen wllligen oftmals Ausländer mit Existenzangt ersetzt
  • Karl  Liniger , Cham
    Wo ist hier das Problem? Die Schweizer haben gegen sechs Wochen Ferien für alle gestimmt. Also viel Spass bei der Arbeit.
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