Sarkozy: Schweiz auf grauer Liste

  • Publiziert: 02.04.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
play Macht der Schweiz Druck: der französische Präsident Sarkozy. Rückendeckung bekommt er vom deutschen Finanzminister Steinbrück und vom britischen Premier Brown. (AP)

LONDON – Dieser Beschluss der G-20 betrifft die Schweiz ganz direkt: Sie kommt auf eine graue Liste von Steueroasen. Das ist eine Schlappe für die Schweiz.

Die Schweiz kann aufatmen – aber nur, wenn sie ihre Hausaufgaben macht. Am Abend gab Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy den aus Sicht der Schweiz mit Spannung erwarteten Entscheid der G-20 bekannt.

Demnach wird die Schweiz vorerst nicht auf der schwarzen Liste der Steueroasen auftauchen – dafür aber auf einer grauen Liste. Das sagte Sarkozy zum Abschluss des G-20-Gipfels in London.

Diese Liste benennt die Länder, die bereits angekündigt haben, die Richtlinien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) künftig zu berücksichtigen, diesen Schritt aber noch nicht in die Tat umgesetzt haben.

«Sobald die Schweiz dies getan hat, wird sie in die weisse Liste transferiert, ansonsten in die schwarze», sagte Sarkozy vor der Presse. Schwarze Liste bedeutet: Sanktionen gegen die Länder, die in Sachen Steuergeheimnis Auskünfte verweigern. Auf die Ankündigungen aus Bern müssten nun Taten folgen, gab Sarkozy zu verstehen.

Neben der Schweiz befindet sich sieben Staaten auf dieser Liste: Österreich, Luxemburg, Belgien sowie weitere vier Staaten, sagte der Sprecher der OECD in Berlin.

Pikant: Gemäss «Tagesschau» von SF1 fehlen drei prominente Steueroasen auf der grauen Liste: die britischen Inseln Jersey, Guernsey und die Isle of Man. Offenbar war es diesen in letzter Sekunde gelungen, die G-20 davon zu überzeugen, sie milder als die Schweiz zu behandeln. Diplomaten werteten dies als Schlappe für das Nicht-EU-Mitglied Schweiz.

Die drei britischen Inseln profitierten offenbar vom EU-Status Grossbritanniens. Sie stehen jetzt auf der «weissen Liste» jener Länder, welche die OECD- Standards bereits umgesetzt haben.

Steinbrück und Brown mit der Peitsche

Die verschiedenen Listen sollen noch am Donnerstag veröffentlicht werden. Mit dieser Forderung hatten sich Frankreich und Deutschland am G2-0-Gipfel in London durchsetzen können. Auch die deutsche Delegation nahm nach Abschluss des Treffens erneut die Schweiz ins Visier.

So betonte der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück, Bern müsse die Massnahmen zur Lockerung des Bankgeheimnisses so rasch wie möglich umsetzen. Sollten die Massnahmen erst in vier oder fünf Jahren greifen, reiche das nicht aus. Mit Ungeduld erwarte er das Angebot der Schweizer Seite, gab er zu verstehen.

Für den britischen Premier Gordown Brown ist eines klar: «Das Bankgeheimnis muss ein Ende haben», sagte Brown als Gipfel-Gastgeber vor der Presse.

Merkel besänftigt

Kanzlerin Angela Merkel schlug einen konzilianteren Ton an. Die Schweiz habe einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, bekräftigte sie. Deutschland sei bereit zur Zusammenarbeit ohne Zeitverzögerung – und die Schweiz ebenso.
(SDA/snx)

Und auf der schwarzen Liste stehen...

– Costa Rica
– die Philippinen
– Malysia
– Uruguay.

Das wurde am Abend bekannt. (snx)

Merz «enttäuscht», Widmer-Schlumpf «erstaunt»

Bundespräsident Hans-Rudolf Merz begrüsst in einer ersten Stellungnahme die Schritte, die die G-20-Staaten in London gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise beschlossen haben. Der Schweiz, und damit sich selbst, attestierte er in Sachen Steuergeheimnis weitsichtiges Vorgehen: Die Debatte am G-20-Gipfel habe gezeigt, dass der Frage von Bankgeheimnis und Amtshilfe in Steuerfragen höchste Bedeutung zukomme: «Der Bundesrat hat diese Entwicklung vorausgesehen und mit seinem Entscheid vom 13. März 2009, den OECD-Standard bei der Amtshilfe in Steuersachen gemäss Art. 26 des OECD-Musterabkommens zu übernehmen, die entsprechenden Massnahmen getroffen.»
Dabei geht es darum, dass die Schweiz in Zukunft nicht nur bei Steuerbetrug, sondern auch bei Steuerhinterziehung Amtshilfe gegenüber dem Ausland leisten will. «Auf gewisse Weise» sei er allerdings doch enttäuscht über Sarkozys Ankündigung, denn die Schweiz habe, obwohl OECD-Mitglied, keine Möglichkeit gehabt, auf die Liste Einfluss zu nehmen. «Das ist unschön und zu bemängeln.»
Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf reagierte «sehr erstaunt und sehr enttäuscht». Es gebe «keinen Anlass, die Schweiz irgendwie abzustrafen», sagte sie. Bern habe sich kooperativ gezeigt und sei bereit, die Doppelbesteuerungsabkommen neu zu verhandeln. «Ich weiss nicht, was man uns konkret noch vorwerfen kann.»
. (snx)

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