Ab morgen haben wir offiziell Rezession Rechnet er uns die Lohnerhöhung weg?

  • Publiziert: 30.09.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Marcel Speiser

Mitten in den Lohnverhandlungen lässt Ökonom Jan-Egbert Sturm eine Bombe platzen: Rezession! Müssen wir jetzt unsere verdienten Lohnerhöhungen vergessen?

Geniessen Sie den heutigen Tag! Denn ab morgen ist Rezession. Und der Wirtschaftsabschwung dauert bis Ende März.

So jedenfalls lautet die Prognose der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF): In den kommenden zwei Quartalen wächst die Wirtschaft nicht. Im Gegenteil: Sie schrumpft.

Glaubt man ihrem Chef Jan-Egbert Sturm, wächst die Schweizer Wirtschaft im ganzen nächsten Jahr nur um lumpige 0,3 Prozent. Also sechs Mal langsamer als 2008. Oder elf Mal schwächer als 2007.

Ein Horrorszenario. Aber zum Glück nur ein Szenario. Eines unter vielen. Und eines, das völlig quer in der Landschaft steht.

Denn alle anderen aktuellen Voraussagen sind viel optimistischer als jene der KOF. Im Schnitt sind die Schweizer Ökonomen für 2009 rund fünf Mal optimistischer als Sturm. Konkret rechnen sie also damit, dass die Wirtschaft nächstes Jahr 1,5 Prozent zulegen wird.

Kann man Sturms Prognose also einfach als unnötig pessimistische Einschätzung gleich wieder vergessen? Leider nein. Denn solche Voraussagen spielen eine zentrale Rolle beim alljährlichen Feilschen um unsere Lohnerhöhungen. Und genau deshalb ist Sturms Horrorszenario Wasser auf die Mühlen der Arbeitgeber. Für Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart ist klar: «Die Arbeitgeber werden den Steilpass der KOF sicher aufnehmen.»

Den Arbeitgebern ist es seit 2004 gelungen, die Büezer vom Aufschwung praktisch auszuschliessen. Während die Wirtschaft im Schnitt um 3 Prozent zulegte, stiegen die Löhne nur um 0,5 Prozent. Das heisst: Die Gewinnmargen der Firmen wurden immer fetter. Doch die Portemonnaies ihrer Angestellten blieben fast so schlank wie eh und je.

Diesen Herbst soll das ganz anders werden. Die Gewerkschaften fordern nicht nur den vollen Teuerungsausgleich. Sondern auch eine saftige Prämie obendrauf. Insgesamt soll es für alle zwischen vier und fünf Prozent geben.

Für die Schweizer Wirtschaft wäre das ideal, argumentiert Lampart: «Die Lohnerhöhung wird im kommenden Jahr eine wichtige konjunkturelle Stütze sein, wenn die Nachfrage aus dem Ausland nach Schweizer Produkten aufgrund der Konjunkturschwäche in den USA und in Teilen Europas nachlassen sollte.

«Prognosen taugen nichts»

Die negative Stimmung hat jetzt auch die Wirtschafts-Prognostiker angesteckt, sagt Professor Matthias Binswanger.

BLICK: Die KOF hat heute die Wachstumsprognose für 2009 von 1,8 auf 0,3 Prozent gesenkt! Können Sie sich das erklären?
Matthias Binswanger: Die KOF hat sich wohl von der allgemeinen negativen Stimmmung im Moment anstecken lassen. Man will jetzt nicht als einsamer Rufer in der Wüste dastehen. Eine Prognose von 1,8 Prozent wirkt im Moment einfach deplaziert.

Haben sich die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft denn wirklich so verdüstert?
Tatsächlich werden die Exporte 2009 wohl zurückgehen. Ob es aber tatsächlich zu einem solchen Einbruch der Wirtschaft kommt, steht in den Sternen. Man weiss im Moment einfach noch zu wenig, um das zu beurteilen. Wenn die staatlichen Sanierungsprogramme und Hilfspakete für den Finanzsektor aber erfolgreich sind, dann könnten wir mit einem blauen Auge davon kommen.

Ganz generell: Was taugen Wachstums-Prognosen?
Gar nichts. Zumindest wenn sie mehr als ein Jahr in die Zukunft weisen. Die Schweizerische Nationalbank hat das vor Jahren einmal in einer Studie untersucht. Längerfristige Prognosen von Experten waren im Schnitt nicht besser, als wenn man einfach die gegenwärtie Wachstumsrate als Prognose genommen hat.

Wie kommt es, dass die Prognosen immer so weit auseinander liegen?
Das ist normal, weil die Voraussagen so ungenau sind. Ausserdem spielen auch taktische Überlegungen eine Rolle. Es gibt Institute, die sich mit eher ungewöhnlichen Prognosesn einen Namen zu machen versuchen. Für die KOF gilt das aber nicht.

Prognosen sind eine wichtige Basis für Lohnverhandlungen. Ist den Ökonomen diese Verantwortung bewusst?
Es geht eher darum, dass die Konsumenten der Prognosen – also vor allem die Firmen – Verantwortung abwälzen können. Wenn man sich bei einem Entscheid auf eine Prognose stützt, dann kann einem danach niemand einen Vorwurf machen. Selbst wenn die Prognose falsch ist. Schliesslich hat man sich an der Expertenmeinung orientiert.

Sollen sich Arbeitnehmer und Konsumenten von schwachen Wachstumsprognosen überhaupt beeinflussen lassen?
Nein. Selbst wenn sie eintreffen, haben sie keine grossen Konsequenzen. Die Bedeutung von Prognosen wird überschätzt.

Keine Rezession laut Credit Suisse

Die Schweiz wird von einer Rezession verschont, sagen die Volkswirte der Credit Suisse. Für 2009 rechnen die Experten mit einem verlangsamten Wachstum von 1 Prozent bei einer sich abschwächenden Inflation von 1,4 Prozent.

Positiv werten die CS-Ökonomen in einem heute veröffentlichten Papier, dass die Schweizer Wirtschaft 2009 zum sechsten Mal in Folge mindestens 1 Prozent wachsen werde. Zuletzt sei dies Ende der Achtziger Jahre der Fall gewesen.

Die Schweizer Finanzindustrie sei trotz der weltweiten Krise an den Märkten relativ robust, so das Papier der Credit Suisse. Der Schweizer Kreditmarkt sei in einer soliden Verfassung. Der Privatkonsum werde das Gesamtwachstum weiter stützen, allerdings mit nachlassender Tragkraft. (SDA)

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