Philipp Gaydoul: «Das ist bitter für mich»

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Marcel Odermatt

Einen Tag nach dem grossen Coup spricht Denner-Chef Philippe Gaydoul (35) Klartext. Der Verkauf an Migros war ein Befreiungsschlag. Können Denner und Migros gemeinsam den Ansturm der deutschen Discounter abwehren?

Diese Woche wird Philippe Gaydoul nie mehr vergessen: Ausgerechnet am Donnerstag, seinem 35. Geburtstag, musste der Denner-Chef zur Notoperation. Beim Öffnen einer Schachtel hatte er sich eine Fingerkuppe an der linken Hand abgeschnitten. Tags darauf, mit bandagiertem Finger, wenig Schlaf und starken Schmerzen dann der grosse Auftritt: Verkauf seines Discounters an die Migros. Wirklich glücklich über den Coup wirkte der junge Manager aber nicht.

Der Eindruck täuschte nicht. «Der Verkauf ist bitter für mich», bekannte Gaydoul gestern mit entwaffnender Offenheit im Gespräch mit SonntagsBlick. Er habe aber keine andere Möglichkeit mehr gesehen, das Überleben des Familienunternehmens langfristig zu sichern.

Vorbereitungen für Verkauf dauerten ein ganzes Jahr

Aldi und Lidl haben Gaydoul in die Defensive gedrängt. Brancheninsider schätzen, dass die beiden deutschen Discounter zusammen schon in drei Jahren 3,375 Milliarden Franken Umsatz erwirtschaften werden. 35 Prozent dieser Einnahmen werden die beiden Billiganbieter von Migros holen, 9 Prozent von Denner – das wären pro Jahr 300 Millionen Franken weniger Umsatz. Dieses Szenario ist realistisch. Schliesslich haben sich die beiden Discount-Riesen in den Nachbarländern längst durchgesetzt. In Österreich kommen sie bereits auf 25 Prozent Marktanteil, im Herkunftsland Deutschland gar auf 40 Prozent.

Weil Gaydoul wusste, dass sein Unternehmen in den nächsten Jahren Umsatz, Marktanteile und damit auch an Wert verlieren würde, arbeitete er seit mehr als einem Jahr am grossen Befreiungsschlag. Systematisch streckte er seine Fühler nach allen Seiten aus. Dabei schaffte er das Kunststück, dass über seine Verkaufsabsicht und auch über die Verhandlungen mit der Migros bis zuletzt nichts nach aussen drang. Gaydoul weihte nur den Verwaltungsrat und sechs Vertrauensleute ein.

Ein Zusammengehen mit Coop wäre schwer gewesen

Ein Verkauf an Coop hatte ein grosses Handicap: Im Bereich Alkohol und Zigaretten hätte Coop/Denner über eine marktbeherrschende Stellung verfügt. Ein Zusammengehen hätte die Wettbewerbskommission deshalb kaum akzeptiert. «Ein Deal mit Coop wäre kartellrechtlich noch schwieriger gewesen als mit der Migros», räumt Gaydoul ein.

Spekuliert werden kann über den Preis. Denner operiert mit einer Gewinnmarge von 1,5 bis 2 Prozent. Bei einem Umsatz von 2,6 Milliarden Franken entspricht das einem Gewinn von rund 50 Millionen Franken im vergangenen Jahr. Aufgrund dieser Zahlen dürfte die Migros für Denner kaum mehr als eine halbe Milliarde Franken hinblättern.
Jetzt liegt der Ball bei der Migros. Sie muss beweisen, dass sie den Ansturm der deutschen Billiganbieter auf Denner abwehren kann. Gaydoul: «Migros muss sich mit aller Kraft auf die neue Konkurrenz vorbereiten. Sonst hat sie ein Problem.»

In der Printausgabe:

Grosses Interview mit Denner-Chef Philippe Gaydoul

Auszüge aus dem Interview der Printausgabe

SonntagsBlick: Herr Gaydoul, opponierte Ihre Familie gegen den Verkauf von Denner?

Die erste Reaktion war schon: Das kannst du doch nicht machen! Ich verstand das auch. Die Kinder meiner Grossmutter und meines Grossvaters halfen eigenhändig mit, den ersten Discounter in Altstetten einzurichten. Da fiel es ihnen natürlich schwer, vierzig Jahre später zum Schluss zu kommen, dass dieses Unternehmen nicht mehr selbständig sein soll.

Noch vor kurzem haben Sie keine Angst vor den ausländischen Discountern gezeigt. Sind Sie auf einmal in Torschlusspanik geraten?

Vielleicht mag das so aussehen, es ist aber überhaupt nicht der Fall. Wir haben uns mit der Migros aus einer Position der Stärke heraus geeinigt. Wir haben ein hervorragendes Geschäftsjahr hinter uns, mit einem Rekordumsatz und einer geglückten Integration von Pick Pay.

Aber letztlich wurden Sie von Aldi und Lidl in die Knie gezwungen.

Es geht nicht nur um die deutschen Discounter. Schauen Sie: Der Detailhandel in der Schweiz wird mit aller Konsequenz internationalisiert. Unsere Konkurrenten sind Giganten wie Carrefour mit 140 Milliarden Franken Umsatz oder Aldi mit 70 Milliarden. Das sind andere Kaliber als wir mit 2,6 Milliarden. Wenn die letzten Grenzen und Zölle fallen und der freie Warenverkehr kommt, wird es noch schwieriger.
Philipp Gaydoul (35) mit Verband: Ausgerechnet an seinem Geburtstag verletzte er sich am linken Zeigefinger.- Foto: Sabine Wunderlin

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