Rezession? Nicht bei uns. Die Schweiz werde noch einmal davonkommen, meinen die Experten. Im schlimmsten Fall komme es zu einem kurzfristigen Taucher.
Professor Edgar Sturm (39), Chef der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, hat diese Woche Geschichte geschrieben: Als erster Konjunkturforscher der Schweiz sagte er eine Rezession voraus. Das war am Montag. Dann allerdings kam die Retourkutsche. Am Dienstag schloss die Credit Suisse eine Rezession ausdrücklich aus. Sie tippt für 2009 auf ein Wirtschaftswachstum von immerhin 1,0 Prozent. Am Donnerstag doppelte Professor Aymo Brunetti (45) nach, Chefökonom im Staatssekretariat für Wirtschaft (
Seco). Er tippt auf 1,3 Prozent Wachstum, was ungefähr dem Durchschnitt aller vorliegenden Prognosen entspricht – KOF ausgenommen.Im Gespräch mit SonntagsBlick ruderte dann auch Sturm zurück. «Ich verstehe die Aufregung über unsere Prognose nicht. Wir sehen zwei Quartale mit leicht negativem Wachstum. Dann geht es wieder bergauf.» Und ausserdem: «Die Arbeitslosigkeit wird nächstes Jahr nur minim von heute 2,4 auf 2,8 Prozent steigen. Das sind normale konjunkturelle Schwankungen – kein Grund zur Panik.» Die aktuelle Wirtschaftslage wirkt tatsächlich keineswegs alarmierend: Der Konsum läuft weiterhin, die Auftragsbücher der Industrie sind voll, die Arbeitslosigkeit tief. Was soll da schiefgehen? Warum spricht Sturm von einer, wenn auch kurzen, Rezession? Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: die schlechter werdende Konsumentenstimmung und die Gefahr, dass unsere Exporte einbrechen und Entlassungen weiter auf die Stimmung schlagen. Das könnte zu einem Teufelskreis führen.Genau so erfolgte 1991 in der Schweiz die letzte grosse Stagnation, welche fünf Jahre dauern sollte. Noch im Dezember 1990 tippten die Seco-Ökonomen auf ein Wachstum von 1,25 Prozent, genau wie heute. Es kam anders: Das BIP schrumpfte um 0,9 Prozent. Die Experten hatten vor allem zwei Positionen viel zu optimistisch eingeschätzt: die Exporte und die Investitionen. Und hier weicht Sturm heute von seinen Kollegen ab. Er rechnet mit einem deutlichen Rückgang der Investitionen in Produktionsanlagen, praktisch mit einem Stillstand der Exporte. Namentlich das Seco ist in diesen Punkten viel optimistischer wie damals.Die Erfahrung der Neunzigerjahre zeigt, wie eine Rezession in der Schweiz typischerweise abläuft – wenn sie denn kommt: Zuerst gehen die Exporte zurück, dann fährt die Exportindustrie ihre Investitionen runter; Stellen werden abgebaut und die verunsicherten Konsumenten geben weniger aus. Das ist keine gute Nachricht. 1991 sind die Schweizer Exporte eingebrochen, obwohl sich die Wirtschaft in unseren wichtigen Exportländern damals erst abschwächte. Japan lief sogar noch auf Hochtouren. Heute stehen unter anderen Deutschland, Frankreich, Spanien, Irland, Japan und die USA bereits am Rande einer Rezession oder mittendrin. So gesehen ist auch die KOF, die mit 0,9 Prozent Exportwachstum rechnet, wahrscheinlich zu optimistisch. Dennoch muss sich 1991 nicht wiederholen. Dafür sprechen zumindest drei Gründe:In den Neunzigerjahren hat die Nationalbank die Zinsen viel zu lange hoch gehalten und damit einen raschen Wiederaufschwung erschwert. Heute haben wir eine undogmatische Nationalbank, die nicht nur die Inflation bekämpft, sondern auch für die Konjunktur Sorge trägt. 1991 war ein Immobilienboom mit einem Crash zu Ende gegangen. Als Folge davon haben die
Banken ihre Ausleihungen an die teilweise hoch verschuldeten
Unternehmen stark gekürzt und verteuert. Auch das hat die Krise unnötig verschärft und verlängert. Heute sind die Schweizer Unternehmer im Durchschnitt viel solider finanziert.Seit damals hat sich die Umwelt- und Energiekrise massiv verschärft. Auf diesen Gebieten gibt es allein in der Schweiz einen Investitionsbedarf von weit über 50 Milliarden Franken, welche die Vollbeschäftigung über Jahrzehnte sichern können.Falls sich die Krise entgegen den Erwartungen der Experten weiter verschärft, müsste man über diese Option ernsthaft nachdenken.