Neue Billigkassen am Start... ...obwohl Ständerat Verbot will

  • Publiziert: 30.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Roman Seiler
play Gute Risiken Die ­Krankenkasse werben mit verlockenden Angeboten um attraktive Kunden. (Illustration: Igor Kravarik)

Jede dritte Krankenkasse geht mit Discountprämien auf Kundenfang. Das verstösst gegen das Solidaritätsprinzip.

Wer hats erfunden? Der Walliser Pierre-Marcel Revaz (55), Präsident der Groupe Mutuel mit 836000 Grundversicherten. Unter dem Dach dieses Vereins integ-rierte er eine Krankenkasse nach der anderen. Im nächsten Jahr kommt bereits die 15. dazu, der Kranken- und Unfallversicherungsverein St. Moritz mit 2800 Grundversicherten. Dies bestätigt Thomas Grichting (44), Generalsekretär der Groupe Mutuel.

Revaz hat der Branche vorgemacht, wie ein Billigkassensystem funktioniert: In jedem Kanton bietet eine seiner 15 Kassen eine Tiefstprämie in der Grundversicherung an. Damit lockt Revaz attraktive Kunden an. Diese «guten Risiken», wie es im Branchenjargon heisst, sind vor allem eines: gesund. Sie gehen selten zum Arzt und verursachen kaum Kosten.

Mit diesem simplen Trick hat Revaz den Branchenleadern jahrelang Kunden abgejagt. Treu blieben diesen hingegen ältere und meist kränkere Kunden. Weil sie oft hohe Kosten verursachen, steigen auch die Prämien entsprechend an. Mittlerweile drehen die Verlierer den Spiess um. Immer neue Versicherer gehen mit Discountkassen auf die Jagd nach «guten Risiken». Das will die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des Ständerats nun unterbinden. Die SGK nahm eine Motion des Schwyzer Ständerats Bruno Frick (55) an.

Dieses Rosinenpicken verstösst gegen den Solidaritätsgedanken des Krankenversicherungsgesetzes. Dieses sieht vor, dass Kassen allen Kunden einer Region dieselbe Prämie verrechnen, egal, ob sie jung oder alt, gesund oder krank sind.

Frick hingegen verlangt, dass ein Versicherer nur noch eine Prämie pro Region stellen darf. Der CVP-Politiker kritisiert, dass nur eine Minderheit von den günstigen Prämien profitiere: «70 Prozent der Versicherten zahlen zu hohe Krankenkassenprämien in der Grundversicherung.»

In der Tat gehören heute 35 von 89 Grundversicherern zu Kassenkonglomeraten:

Helsana (1340000 Grundversicherte*). Der Zürcher Konzern verfügt über sieben Anbieter, davon vier Neugründungen. Gemäss den bereits beim Internet-Vergleichsdienst comparis.ch aufgeschalteten provisorischen Prämien bieten 2009 die Avanex und die Sansan meist die günstigsten an.

• CSS (1347000 Grundversicherte). Die Luzerner Gruppe übernahm die Intras. Daneben geht sie mit der Arcosana und der Auxilia auf Kundenfang.

• Visana (441000 Grundversicherte). Die Berner gründeten die Billigkassen Sana24 und Vivacare. Ab 2009 sind sie wieder in der ganzen Schweiz tätig. Vor zehn Jahren hatten sie sich aus finanziellen Erwägungen aus acht Kantonen zurückgezogen.

• Sanitas (619000 Grundversicherte) gehört seit 2006 die Winterthurer Wincare.

• Sympany (169000 Grundversicherte). Die einstige ÖKK Basel integrierte den Gewerkschaftsversicherer KK 57 und geht nun auch mit zwei Kassen auf Kundenfang.

• Innova (43000 Grundversicherte) nahm die Krankenkasse des Saastals unter ihre Fittiche. Unter dem neuen Namen Innova Wallis bietet sie in der Deutschschweiz teilweise günstigere Prämien als ihre Muttergesellschaft.   

* Versichertenzahlen 2007

Grosse Prämienunterschiede zwischen Konzernkassen

Schweizweit schlagen die Grundversicherungsprämien 2009 um vier Prozent auf.

Versicherer müssen jeden Interessenten aufnehmen. Deshalb kann sich ein Kassenwechsel lohnen. Auch wer bei einer Kassengruppe versichert ist (siehe oben), sollte prüfen, ob er das günstigste Angebot gewählt hat. Prämienbeispiele zeigen, dass sich pro Jahr eine Menge Geld sparen lässt (siehe Internet-Vergleichsdienst www.comparis.ch).

Sympany: Der Unterschied zwischen den beiden Gruppenkassen beläuft sich in Basel auf 300 Franken pro Jahr.

Helsana: In Basel beträgt im Jahr 2009 der Unterschied zwischen der teuersten und der günstigsten Kasse 1548 Franken. In Zürich, Luzern und Chur sind es 1308, 1140 bzw. 984 Franken.

Innova: In Zürich schenkt ein Wechsel mit 996, in Bern mit 372 Franken ein.

CSS: In Bern fährt um 996 Franken günstiger, wer von der CSS zur Arcosana wechselt.

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