Naturschützer laufen Sturm gegen den grünen Strom Windenergie im Gegenwind

Nur 37 Windturbinen produzieren Strom für die Schweiz. Nun will der Bund den Ausbau fördern – auf bis zu 800 Anlagen.

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Wer mit dem Auto über den Nufenen fährt, kann sie nicht übersehen: Über hundert Meter hoch sind die zwei Windräder. Zwei weitere sollen bis zum Wintereinbruch aufgerichtet sein. Ist das höchstgelegene Windkraftwerk Europas Ende Jahr fertig, soll es im Schnitt Strom für rund 2800 Haushalte liefern.

Der Windpark Nufenen ist die einzige Windanlage, die dieses Jahr in der Schweiz entsteht. Ende Jahr wird es damit Schweizweit erst 37 Windturbinen geben. Sie liefern Strom für etwa 30'000 Schweizer Haushalte, wie eine Übersicht von Suisse Eole, der Schweizerischen Windenergie-Vereinigung, zeigt. «Im europäischen Vergleich ist die Schweiz ein Entwicklungsland in Sachen erneuerbare Energien», sagt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung. «Insbesondere bei der Windenergie nutzt die Schweiz ihr Potenzial nicht.»

Zum Vergleich: Österreich produzierte im letzten Jahr mit seinen über 1000 Windenergieanlagen Strom für 1,5 Millionen Haushalte. Nipkow sagt: «400 Windkraftanlagen könnten in der Schweiz problemlos ausserhalb von Schutzgebieten gebaut werden.»

Ein Grund, warum die Schweiz in Sachen Windkraft noch immer hinterherhinkt, ist laut Nipkow eine «verfehlte Förderpolitik». «Das Fördermodell ist gedeckelt, weshalb in der Schweiz nicht genügend finanzielle Mittel zur Förderung der Windenergieanlagen zur Verfügung stehen.»

Hohe Siedlungsdichte

Ein Problem bei der Windkraft sei aber auch die hohe Siedlungsdichte in der Schweiz: «Viele Anwohner wehren sich gegen ein Windrad vor der eigenen Haustür.»

Tatsächlich bekämpfen Bürgerkomitees überall in der Schweiz neue Windparks. Eines davon heisst «Gegenwind Chroobach». Edi Schwegler (64) und André Götti (50) aus Stein am Rhein SH haben die Gruppe gegründet – die Zahl ihrer Mitstreiter wird immer grösser.

Geht es nach den Plänen der Elektrizitätswerke von Stadt und Kanton Schaffhausen, soll auf der rund 600 Meter hohen Erhebung zwischen Stein am Rhein SH und der Grenze zu Deutschland ein Windpark entstehen mit vier 200 Meter hohen Windrädern. Im Sommer 2015 bekamen Schwegler und Götti, Wind vom Chroobach-Projekt: «Die Leute hier hat man nie gefragt. Die negativen Seiten der Windräder waren nie ein Thema», beklagt sich Schwegler.

Die beiden Initianten der Bürgerbewegung stört vor allem der drohende Eingriff in die Landschaft: «Stein am Rhein ist eine denkmalgeschützte Stadt. Der Hohenklingen, der mit seiner Burg über dem historischen Städtchen thront, wird mit diesen riesigen Windrädern verschandelt.»

Dominique Schürch (54) befürchtet negative Auswirkungen der Windräder auf ihre Tiere. Sie betreibt auf dem Chroobach eine Pferdepension, die Koppel befindet sich nur rund 100 Meter vom Standort einer der geplanten Turbinen entfernt. Sie macht sich Sorgen, wie die Tiere auf den Infraschall reagieren, den die Turbinen verursachen. «Doch die Promotoren des Windparks schieben meine Bedenken einfach beiseite», sagt Schürch.

Praktisch unbekannte Energieproduktionsform

«Windenergie ist in der Schweiz eine praktisch unbekannte Energieproduktionsform und ruft oft Ängste und Bedenken hervor», räumt Daniel Clauss, Leiter Vertrieb und Energiedienstleistungen EKS AG, ein. Ein Begleitprozess solle nun zur Versachlichung der Diskussion beitragen.

Man nehme die teils kritischen und emotionalen Stimmen aus der Bevölkerung sehr ernst, versichert Clauss. Eine Begleitgruppe, eingesetzt von den Windkraftpromotoren mit Vertretern aus der Bevölkerung, soll «Fragen und Anliegen aus der Bevölkerung aufnehmen und nach Möglichkeit in die Projektplanung einfliessen lassen.»

Windanlagen stehen überall in der Schweiz im heftigen Gegenwind. Auflagen bremsten auch das Projekt am Nufenen. Das Bewilligungsverfahren verlangte ein Fledermaus-Monitoring. Resultat: Die Windräder müssen jeweils im Frühling und Herbst während der Dämmerung angehalten werden, damit die seltene Bulldoggenfledermaus gefahrlos fliegen kann.

Sieben bis zehn Prozent des Stromverbrauchs in der Schweiz will der Bund bis 2050 mit Windturbinen abdecken. Das ist das Ziel der Energiestrategie 2050 des Bundes. Das entspricht etwa 800 Anlagen in 120 Windparks. Bis dahin bleibt noch viel zu tun.

 

Windräder sind «von nationalem Interesse»

Nicht mehr als 37 Windturbinen stehen derzeit in der Schweiz. Das Bundesamt für Energie (BFE) will nun den Ausbau der Windkraft fördern. Frank Rutschmann, BFE-Fachbereichsleiter Erneuerbare Energien: «Mit der Energiestrategie 2050 sind Windkraftanlagen neu von nationalem Interesse und bei einem Bewilligungsverfahren dann zum Beispiel Landschaften von nationaler Bedeutung gleichgestellt.»

Publiziert am 28.08.2016 | Aktualisiert am 08.09.2016
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Braucht es mehr Windräder in der Schweiz?

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  • irene  Karrer aus Diegten
    28.08.2016
    Aber wenn ein Meiler hochgeht ist das dann besser für das Naturbild??? Naja kann jeder glauben was er will aber ich finde Wind ,Wasser und Sonne absolut genial... und man sollte mit dem Strom etwas besonnen umgehen!!!
  • Peter  Joachim , via Facebook 28.08.2016
    Nunja, es gäbe ja alternativ auch die Möglichkeit, vertikale Windturbinen zu errichten. Die sind nämlich effizienter, da sie Richtungsunabhängig drehen, kleiner, weil sie nicht so riesige Flügel brauchen und leiser, wenn sie magnetisch gelagert sind. Solche könnte man in Klein problemlos auch auf Hausdächer stellen wo sie nur unwesentlich grösser wären, als ein Kamin. Nur stellt man statt dessen solche Riesenventilatoren in die Gegend, die einen Riesenkrach machen und stören!
  • David  Brunner aus Wetzikon
    28.08.2016
    Wo ist die Gesamt(!)-Ökobilanz von Windkraftanlagen ? Offshore mit konstantem Wind mag die besser ausfallen. Hierzulande müssen ein grosser Verlust durch Zwischenspeicherung und Wiedergewinnung und die Ökobelastung der dazu nötigen technischen Einrichtungen berücksichtigt werden.
    Mit Windenergie werden voraussichtlich insgesamt sehr wenige Prozente des Energiebedarfs gedeckt werden können, zum Preis von ausrottendem Vogelschlag und 100 Prozent Landschaftsverschandelung. Bin kein Teletubby.
  • Herbert  Huber aus Münchwilen TG
    28.08.2016
    Stellt doch endlich den Gegnern den Strom ab.
    • Martin  Maletinsky aus Kilchberg
      28.08.2016
      Herr Huber, Ich lasse mir gerne während 0.2 Prozent der Zeit (d.h. ca. 20 Sekunden täglich) den Strom abstellen (dies entspricht nämlich dem Anteil der Windenergie an der Schweizer Stromproduktion), wenn sich die Kernkraftgegner im Gegenzug während 33.5 Prozent der Zeit (d.h. ca. 8 Stunden täglich) den Strom ebenso abstellen lassen, was dem Anteil der Kernenergie an der Schweizer Stromproduktion entspricht. Als netter Nebeneffekt würde dadurch auch der gesamthafte Energieverbraucht gesenkt.
    • Marco  B 29.08.2016
      Wenn Sie, Herr Huber, im Gegenzug dazu bereit sind, NUR noch Strom zu beziehen, wenn weder Flaute noch Sturm herrscht (denn dann produzieren die Windrädli nix), bin ich einverstanden.
      Das ist selten genug in unserem Land.
    • Muster  Thomas 29.08.2016
      Herr Huber hat doch recht. Alle wollen den Atomausstieg, aber niemand traut sich für was neues. Windräder nein, Stauseen nein, Solarparks nein. Bei soviel nein sollte man den Leuten echt den Strom abstellen. Entweder man lässt die Alternativen zu, oder man baut ein neues AKW.
  • Burkhard  Vetsch 28.08.2016
    Wir sind vom Strom abhängig.
    Die Grünen und Umweltschützer sollen mal eine Alternative auf den Tisch legen, statt nur gegen alles zu sein. Mit welcher Energie schreiben DIE jetzt die Kommentare?
    Ich wüsste was, aber sage es nicht hier.