Nach neulicher Kritik an den SBB Meyer auf der Achter-Bahn

  • Publiziert: 22.10.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Interview: Claudia Gnehm
play Meyer: «Wir arbeiten mehr am Fundament als an Fassaden.» (Simon Tanner)

Die SBB standen vergangene Woche unter medialem Sperrfeuer. Er wolle nicht für Fehler seiner Vorgänger kritisiert werden, wehrt sich CEO Andreas Meyer.

Wie geht man als CEO und Mensch mit einer Woche unter Dauerbeschuss um?
Andreas Meyer: Zugegeben, die letzte Woche war aussergewöhnlich und schwierig. Speziell bei der Baustelle in Zürich war mir wichtig, dass wir die unwürdigen Arbeitsbedingungen schnell und konsequent verbessern konnten und die Arbeiten wiederaufgenommen wurden. Deshalb habe ich mich persönlich eingeschaltet und stand in laufendem Kontakt mit der eingesetzten Taskforce.

Doch wie ging es Ihnen?
Es ist Teil meiner Aufgabe, auch unangenehme Themen anzusprechen und heisse Eisen anzupacken – etwa die unzureichenden Mittel für unseren Netzunterhalt, die langfristige Finanzierung des Bahnsystems, die Sanierung des Güterverkehrs oder eben die nachhaltige Ausgestaltung unserer Pensionskasse aufzunehmen und anzugehen. Dabei ärgert und trifft es mich und meine Kolleginnen und Kollegen manchmal schon, wenn wir heute Kritik einstecken müssen für Arbeiten an Hypotheken aus der Vergangenheit.

Was halten Sie dem Vorwurf entgegen, die SBB bauten den Service massiv ab?
Das sehe ich anders: Wir haben den Nachholbedarf beim Unterhalt der Infrastruktur von rund zwei Milliarden Franken nicht nur aufgezeigt, sondern arbeiten auch an Lösungen zur Bewältigung dieses Rückstaus. Damit haben wir die Grundlage für Pünktlichkeit und Sicherheit gelegt.

Sie sehen keinen Grund zur Kritik?
Wir mussten jetzt einfach etwas mehr am Fundament arbeiten als an der Fassade. Keine Frage, bei den verfügbaren Sitzplätzen zu den Spitzenzeiten morgens und abends stellen sich uns Herausforderungen. Darum bestellen wir bis 2030 Fahrzeuge im Wert von 20 Milliarden.

Wo haben die SBB den Service fühlbar ausgebaut?
Ich denke da an die Zweierbegleitung im Fernverkehr, an die Sparbillette, an die Transportpolizei, an die elektronischen Echtzeit-Fahrgastinformationen zu Pünktlichkeit und Anschlüssen, an bald durchgehend klimatisierte Züge, an den zusätzlichen Platz für Kinderwagen und Velos in den neuen Regionalzügen. Und der Ausbau von Service und Angebot geht weiter, beispielsweise mit Steckdosen und WLAN in allen Fernverkehrszügen, mit der Durchmesserlinie in Zürich, deren Pendant in Genf, dem Projekt CEVA, und dem Gotthard-Basistunnel.

Was sagen Sie zum Vergleich mit Vorgänger Weibel, der in seiner Privatbahn in Österreich Billette verkauft – gerade jetzt, wo Sie diesen Verkauf einstellen?
Nun, bei einer herausgepickten, attraktiven Linie ohne Altlasten und auf der grünen Wiese errichtet – da hätte ich auch noch viele Ideen! Die SBB betreiben ein komplexes Bahnnetz mit täglich rund 9000 Zügen. Die Westbahn verkauft nach unseren Informationen keine Tickets am Schalter oder an einem Automaten. Sie kann gar nicht anders, als den Verkauf in den Zug zu verlagern. Wir betreiben über 200 Bahnhöfe und bieten diverse Kanäle für Billette an. Die Idee von einem Zugbegleiter pro Wagen, wie es die Westbahn vorsieht, finde ich spannend. Ich bin gespannt, ob sie sich rechnen wird.

Wieso mussten die SBB bestreikt werden, bis sie das Fäkalienproblem im Zürcher HB lösten?
Als die Mitarbeiter der Baufirmen auf das Problem hingewiesen haben, legten wir die Baustelle sofort für zwei Wochen still und installierten Plexiglasplatten. Die Baufirmen, die für ihre Mitarbeiter verantwortlich sind, meldeten uns zurück, diese Massnahme sei ausreichend. In der Zwischenzeit haben wir verschiedene weitere Massnahmen ergriffen. Ich bin überzeugt, die gleichen Lösungen wären vielleicht gar noch schneller umgesetzt worden ohne gewerkschaftlichen Theaterdonner. Ab Dienstag wird wieder voll gearbeitet.

Wie fühlen Sie sich bei negativen Schlagzeilen wie «SBB-Lokführer fürchten um Sicherheit»?
Die Sicherheit und die Sicherheitskultur geniessen bei der SBB und speziell bei mir oberste Priorität. Aus allen Zwischenfällen und Ereignissen wie Döttingen oder Olten ziehen wir Lehren und leiten sinnvoll Gegenmassnahmen ein. In den Gesprächen mit dem Bundesamt für Verkehr evaluieren wir sehr genau, mit welchen Investitionen und Massnahmen wir das heute bestehende, hohe Sicherheitsniveau weiter ausbauen können und setzen uns für die notwendigen Mittel ein.

Kommen die Infrastruktur und der Unterhalt zu kurz?
Das ist Unsinn. Unser Netzaudit hat die Erkenntnisse, die jetzt in Buchform erschienen, im wesentlichen schon vor zwei Jahren aufgezeigt. Danach haben wir einen jährlichen Finanzmehrbedarf beim Unterhalt in der Höhe von 500 bis 700 Millionen Franken. Die Infrastruktur genoss noch nie so viel Aufmerksamkeit wie heute. Ich bin froh, dass Frau Bundesrätin Leuthard diese schwierigen und unangenehmen Finanzierungsfragen so konsequent anpackt. Sorge bereitet mir, ob neben dem notwendigen Unterhalt unseres Netzes und dem Kauf von neuen Militärfliegern ausreichend Mittel verbleiben, um dringende Engpässe auf unserem Netz beseitigen und Angebotsausbauten vornehmen zu können. Nicht dass wir am Ende modernes Rollmaterial haben, das aber nur auf Teilen der Strecken eingesetzt werden kann.  

play Andreas Meyer: Ihn ärgert Kritik wegen Versäumnissen seiner Vorgänger. (Simon Tanner)

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