Landwirte leiden unter Bussenwucher Beamte knechten unsere Bauern

ROTTENSCHWIL AG - Weil eine Kuh einen Metallbügel um einen Zentimeter verbiegt, muss ihr Besitzer 5600 Franken Strafe zahlen. Die Bauern ächzen unter den Gesetzen.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Doris Leuthard im grossen Interview «Trump kann der Schweiz schaden»
2 Grossbank macht Jagd auf Studentinnen UBS gibt Schminkkurse
3 SmartShuttle-CEO Daniel Landolf (57) «Chauffeure braucht es noch...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
100 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

Nur wenige Bauern würden in der Schweiz ohne die Hilfe des Staates überleben. Sie erhalten gesamthaft 2,8 Milliarden Franken pro Jahr an Direktzahlungen. Dafür erbringen sie Leistungen für die Allgemeinheit: Sie pflegen die Landschaft und fördern die Artenvielfalt.

Trotz des Milliardensegens werden die meisten Bauern nicht reich. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt 44'000 Franken pro Vollzeitstelle.  

Umso bitterer für die Landwirte, wenn ihnen auch noch die Direktzahlungen gekürzt werden. Das kann schnell passieren. Die Kantone kontrollieren genau, ob die Bauern die vorgeschriebenen Leistungen für die Direktzahlungen erbringen. Bis zu 1300 Vorgaben müssen sie beachten.

2300 Franken Strafe wegen fünf Tagen

Wer die Spielregeln nicht einhält, dem werden die Bundesgelder zusammengestrichen. 2015 verweigerten die Behörden den Bauern deshalb 6,2 Millionen Franken an Direktzahlungen. 

So auch Franz Hagenbuch (55), Landwirt in Rottenschwil AG. Ihm wurden 2300 Franken abgezogen, weil er auf einem Feld ein paar Tage zu früh erntete.

Hagenbuchs Mais war eher reif als sonst. Darum erntete er schon am 27. August und nicht wie sonst erst im September. Nun schreibt aber eine der 1300 Regeln vor, dass auf einem Feld, das vor Anfang September abgeerntet wird, etwas Neues angesät werden muss. Hagenbuch aber liess das Feld brach – und kassierte eine Busse von 2300 Franken. Ein halber Monatslohn war weg. 

«Ich habe Verständnis für die Kontrollen», sagt Hagenbuch. Aber er kritisiert die Härte der Strafen: «Die Abzüge sollten angemessen sein. Wie brutal wir für geringe Vergehen bestraft werden, ist manchmal ungerechtfertigt.» Er habe einen vielseitigen Hof. Da könne ihm schon mal etwas durch die Lappen gehen. 

Werner Locher (62) aus Bonstetten ZH musste wegen einer anderen Sache Geldbussen hinnehmen. Zwei Tage vor der Inspektion löschte ein Computervirus seine Dokumente vom Vorjahr. Folge: ein Direktzahlungsabzug von 4000 Franken für seine Betriebsgemeinschaft. Locher: «Die Höhe der Busse ist übertrieben, zumal ich ja alle ökologischen Vorgaben eingehalten habe.»

Noch drastischer erwischte es einen anderen Zürcher Bauern: Er hält in seinem Stall 28 Kühe in Liegeboxen, für die eine Mindestbreite von 1,10 Meter gilt. Weil sich eine Kuh etwas stark gegen einen Metallbügel stemmte, der die Boxen voneinander trennt, verschoben sich die Abstände um einige Zentimeter. Die Strafe betrug 5600 Franken.

Bauernpräsident: «Die Abzüge sind nicht angemessen.»

Bauernpräsident Markus Ritter (49) versteht den Frust: «Die Abzüge sind in diesen Fällen nicht angemessen. Wir verlangen, dass die Konsequenzen verhältnismässig ausfallen.»

Das Bundesamt für Landwirtschaft kontert: «Regeln sind da, um eingehalten zu werden. Die Tarife für die Kürzungen wurden 2014 in eine breite Vernehmlassung an alle betroffenen Organisationen und Kantone verschickt. Die Rückmeldungen wurden beachtet.» 

Die Einwände der Bauern seien damals übergangen worden, so Ritter: «Wir haben mit Nachdruck auf die Probleme aufmerksam gemacht. Trotzdem konnten wir auf die Ausgestaltung der Abzüge kaum Einfluss nehmen.»

Publiziert am 27.12.2016 | Aktualisiert am 27.12.2016
teilen
teilen
100 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

29 Kommentare
  • Marion  Jost aus Schönenwerd
    28.12.2016
    Andererseits gibt es viele Bauern die durchaus kostendeckend und ohne grosse Nörgelei wirtschaften. Wer sich an die Regeln hält hat nichts zu befürchten, bei dem Beispiel hier hält sich mein Mitleid in Grenzen. Einige gute Beispiele für innovative Bauern die Tier- und Umweltgerechte Landwirtschaft betreiben die auch rentiert zeigen dass es geht, die ständige Nörgelei nervt, man versucht krampfhaft nichts zu ändern, sorry, wenn man Geld vom Staat will muss man sich an die Regeln halten!!
  • Marcel  Peyer aus Zürich
    28.12.2016
    Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen: Der Bauer nebenan lässt seine Kühe den ganzen Sommer auf verschissenem Betonboden stehen - statt auf die Weide zu lassen. Daneben baut er sich auf Nicht-Bauland eine neue Mega-Hütte. Die Felder bewirtschaftet er ausschliesslich am Abend und Wochenende, Mittags- und Sonntagsruhe gelten bekanntlich nicht für Bauern. So dass die Nachbaren, deren er das Land verkauft hat, auch sicher jeden seiner lauten Arbeitsschritte in ihrer Freizeit mitbekommen.
  • Christoph  Neuhaus , via Facebook 27.12.2016
    Die Regeln sind klar und bekannt. Wer nachts um 2 Uhr einsam auf der Autobahn fährt und mit 127 km/h geblitzt wird, muss auch Busse zahlen.
  • Peter  Balu J , via Facebook 27.12.2016
    Also, wenn ich das richtig gelesen habe im Artikel, geht es gar nicht darum, dass er zu früh geerntet hat, sondern dass er hinterher alles brach liegen liess. Exgüsi, jetzt hört bei mir das Verständnis für die Bauern auf, und zwar auf der Stelle!
  • Remo  Albrecht aus Höri
    27.12.2016
    Jeder von den Daumen ach unten Drücker geht am Wochenende in die Berge, schaut die glockenbehangenen Simmentaler Kühe an, lobt den Bergkäse, wandert durch alte Siedlungen, findet alles erholsam. Und geniesset in der Alphütte den Schüblig und Käse aus eigener Produktion Wie geheuchelt!
    und gleichzeitig wird verlangt, dass der Bauer rational wirtschaftet (sorry, dann mach es selber besser, wirst kein 1/2 Jahr durchstehen ohne Freitag und Ausgang). Also vorher denken anstelle zu mosern.