Kweku Adoboli kostete den UBS-Boss den Job Grübels treuester Soldat

LONDON - Kweku Adoboli lebte weit über dem Limit. In der Londoner City verbrannte er mehr als zwei Milliarden Dollar der UBS und kam dafür ins Gefängnis. Jetzt will er, dass die Welt aus diesem Systemfehler lernt.

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Der Mann, der sich um 2,25 Milliarden US-Dollar verspekulierte, atmet langsam aus, cremt Hände und Gesicht ein, zupft sich ein paar Fusseln vom Pullover. Die teuren Anzüge, die er sich als Trader bei der UBS leistete, trägt er nicht mehr.

Kweku Adoboli (36) will die Chance nutzen, dem Bild, das die Welt von ihm hat, ein paar Pinselstriche hinzuzufügen. Dem Bild des skrupellosen Bankers, der alle Risiken ignorierte, der die UBS Milliarden kostete, im Gefängnis landete und nun nach Afrika ausgeschafft werden soll.

Er sitzt irgendwo in London auf einem staubigen Sofa, in der Zweizimmerwohnung eines Freundes. Auf den und andere ist er angewiesen, weil er als Ausländer nach mehr als vier Jahren Gefängnis nicht alleine leben darf. Seit Mitte Oktober darf er wieder arbeiten.

«Ich habe nichts für meinen persönlichen Gewinn getan.» – Kweku Adoboli play
«Ich habe nichts für meinen persönlichen Gewinn getan.» – Kweku Adoboli Joseph Khakshouri

Als Brian Keith den Diplomatensohn aus Ghana im November 2012 des Betrugs in zwei Fällen schuldig sprach und zu sieben Jahren Haft verurteilte, sprach der Richter von einem «spektakulären Absturz». Wie kam es dazu?

Mit 27 Jahren verwaltet er Milliarden

Der Niedergang Adobolis beginnt 2002. Er wird Praktikant bei der UBS, die Bank, wie er sagt, zu seiner «Familie». Der damals 22-Jährige fühlt sich ernst genommen: Er bekommt Termine in den Teppichetagen. Dort, so erzählt Adoboli, verspricht man ihm, er werde mithelfen können, «Wohlstand und Gleichheit in alle Ecken der Welt zu tragen».

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Mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, verschreibt sich Adoboli der UBS. Er wird nach Stockholm und Hongkong, dann nach Genf geschickt. «Man verlangt von dir, Probleme zu lösen. Tust du das, gibt man dir neue Probleme», erklärt Adoboli seinen Aufstieg. Mit 27 Jahren wird er Trader am Desk. Sein Supervisor ist zwei Jahre jünger. Als Adobolis Grossmutter in Ghana stirbt, bleibt er im Büro – er kann die Kollegen nicht allein lassen. Zu viert verwalten sie 50 Milliarden Dollar.

Aufträge: ausführen. Probleme: beseitigen. Adoboli spricht wie ein Soldat, der bereit ist, sich zu opfern. Als Trader sitzt er um 6.30 Uhr am Desk, kauft Öl, verkauft Gold, steckt Geld von UBS-Kunden in neue Märkte. Abends: ein Drink mit Kunden, am Handy die Kollegen in den USA. Vom Bett aus verfolgt er die Börsen in Asien und die Kommentare der Analysten auf dem Smartphone. Seine damalige Freundin sagt zu ihm: «Du bist nur noch eine Hülle.»

Als loyaler Soldat marschiert Adoboli weiter – weiter, als er darf. Er überschreitet seine tägliche Handelslimite von 100 Millionen. Die Risiken seiner Trades und das wahre Ausmass seiner Handelsposi­tionen vertuscht er.

Hatten Sie keine moralischen Bedenken, so zu handeln?
Äh ... (Adoboli stockt, als würde er die Frage nicht verstehen) Wir mussten ein Ziel erreichen. Wenn es dich zu einem guten Trader macht, Risiken zu akzeptieren, fällt die moralische Frage weg. Die Kultur in der Bank trieb dieses Verhalten an.

Da machen Sie es sich einfach!
Ich habe nichts davon für meinen persönlichen Gewinn getan. Ich arbeitete immer für die Bedürfnisse meiner Kollegen und der Institution.

Es ist die Verteidigungslinie des Soldaten Adoboli. Er hat sich munitioniert, etwa mit einem Artikel des «Economist». Das Magazin widmet Oswald Grübel 2009 die Story «Ossie's Casino». Zentraler Vorwurf: Der neue UBS-CEO fahre eine Strategie des «Zockens zur Wiedergutmachung».

«Wir mussten Ziele erreichen» – Kweku Adoboli über den Druck als Trader. play
«Wir mussten Ziele erreichen» – Kweku Adoboli über den Druck als Trader. Joseph Khakshouri

Nachdem die UBS 2008 mit Milliarden Steuergeldern gerettet worden war, habe in der Bank das Gefühl geherrscht, zum Wiederaufbau verpflichtet zu sein, so Adoboli. «Wir vermochten das nur, indem wir taten, was wir konnten: mehr Risiko eingehen!»

Adoboli verliert 2,25 Milliarden Dollar - und niemand merkts

Im Sommer 2011 riskiert er zu viel. Sein Desk setzt auf Hausse. Das Gegenteil tritt ein. Schliesslich hat Adoboli 2,25 Milliarden Dollar verloren. Niemand merkt es.

Fünf Wochen später, am Mittwoch, 14. September, setzt sich Adoboli mittags in den Bus nach Hause. Unterwegs schreibt er ein E-Mail. Betreff: «Eine Erklärung meiner Trades». Zu Hause schickt er sie ab, starrt auf sein Handy. Als es klingelt, muss er zurück ins Büro. Tags darauf wird Ado­boli verhaftet. Britische Me­dien beginnen, ihn «Rogue Trader» zu nennen, «schurkenhafter Händler». Adobolis Wahrheit: «Wir taten nur, was wir tun sollten.»

Neun Tage nach der Verhaftung tritt CEO Grübel zurück.

Bedauern Sie Herrn Grübel?
Für mich geht es nicht darum, Individuen zu bedauern, Ossie Grübel eingeschlossen. Er wollte, dass wir mehr Risiko eingehen.

Nach Grübel kam Sergio Ermotti. Er hat das Investment-Banking reduziert. Ein Kulturwandel?
Das Investment-Banking der UBS ist noch immer hoch profitabel. Wir sollten eher fragen, ob die gesamte Finanzindustrie unserer globalen Gesellschaft nützt.

Adoboli hat seinen Glauben an das Bankensystem verloren. Vor zwei Wochen sprach er in Oxford über die «Zukunft des Kapitalismus», bald will er an der Uni Edinburgh sein Promotions-Studium der Finanzgeschichte beginnen, Ende 2017 wird er eine Vorlesung in Lausanne halten.

Bis dahin wird er weiter gegen seine Ausschaffung nach Ghana kämpfen. Wenn man es ihm verwehrt, dagegen Einspruch zu erheben, «werden wir beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Berufung einlegen müssen», so Adoboli. Denn seine britischen Freunde seien heute seine Familie. Ausserdem fühle er sich britisch, auch mit ghanaischem Pass. Schliesslich sei er mit zwölf Jahren nach England gekommen und habe seither dort gelebt.

Diese Argumentationskette reicht bis zum Revers seines Mantels. Dort trägt er eine Mohnblumenbrosche, die an die gefallenen britischen Soldaten in den Weltkriegen erinnert.

Adoboli streift den Mantel über. Er möchte die Tochter eines Freundes von der Schule abholen. Morgen wird er wieder um kurz vor sieben aufstehen, das Gästezimmer eines anderen Freundes verlassen, dessen Kinder zur Schule bringen. Von seinem Trader-Leben ist Adoboli nicht mehr viel geblieben. Ausser Fotos von jenem Schreibtisch, an dem sein Absturz begann.

Read here the whole interview with Kweku Adoboli in English.

Publiziert am 04.12.2016 | Aktualisiert am 04.12.2016
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13 Kommentare
  • Hans  Müller aus Bern
    05.12.2016
    100 Millionen Limit die er zur Verfügung hatte sind nicht 2,5 Milliarden. Da hat niemand anderes Schuld daran, nur er. Den Entscheid viel mehr zu investieren hat er selber für sich getroffen und dies sicher auch nicht nur für die UBS. Da hat er sicher auch noch sehr viel Kohle für sich mit eingerechnet.
  • Dan  Werker 04.12.2016
    Dies sind die Argumente eines Kindes, welches die Fehler überall sieht, nur nicht bei sich selbst. Wer solchen Leuten zu viel Verantwortung überträgt, sollte sich nicht über die Konsequenzen wundern.
  • Susanne  Reich 04.12.2016
    Frage mich, wieweit Adoboli sich selbst glaubt. Wer, um Himmels Willen, macht denn heutzutage noch wirklich etwas selbstlos. Ich denke, dieser Anteil an der Weltbevölkerung befindet sich nicht mal mehr im Prozentbereich. Ein solch selbstloser Mensch, wie er zu sein glaubt, könnte doch auch in der Entwicklungshilfe/in der Kirche f. Gottes Lohn arbeiten. Ich persönlich habe nie an d. Bankensystem geglaubt, sond. nachgedacht, gelesen, mich immer mehr geärgert über die Einseitigkeit der Finanzpolit.
  • Willy  Bald 04.12.2016
    Also jetzt mal ganz ehrlich, es glaubt ja hoffentlich nicht jemand ernsthaft, dass dieser "Finanz-Jongleur" bereits schon währen seiner Tätigkeit als Trader bei der UBS sein Häufchen auf die hohe Kante gebracht hat ? Ich glaube kaum, dass er in Ghana, wo er eines Tages landen wird, als Müllmann arbeiten muss !
    Zur Beerdigung meines Großvaters konnte ich übrigens auch nicht, weil ich damals noch nicht auf der Welt war ! Traurig !
  • Stefan  Arber aus Zürich
    04.12.2016
    Von wegen Soldat, wenn schon Deserteur, hat ja nicht für sondern gegen die Bank gearbeitet. In Ghana gibs aber sicher auch gute Jobs.