Euro-Krise: Weko-Chef Rafael Corazza fordert im BLICK-Interview «Konsumenten müssen den Händlern drohen!»

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Interview: Claudia Gnehm

Nicht die Wettbewerbskommission (Weko), sondern die Konsumenten selbst müssen dafür sorgen, dass die Händler ihre günstigen Einkaufspreise weitergeben. Notfalls mit Boykott.

Was können Konsumenten tun, die sich über überhöhte Preise ärgern?
Rafael Corazza:
Zuerst muss ein Konsument dem Händler sagen, dass ihm der Preis nicht passt, und ihm nötigenfalls drohen, das Produkt im Ausland einzukaufen. Wenn der Händler im Ausland nicht in die Schweiz liefern darf, dann soll sich der Konsument unter weko@weko.admin.ch bei uns melden.

Und dann?
Wenn Konsumenten Währungsvorteile nicht erhalten, weil ein Importkartell dies verhindert, leiten wir eine Untersuchung ein. Solche Importbeschränkungen – von Direktimporten durch Konsumenten oder von Parallelimporten durch Händler – schotten den Schweizer Markt ab und verhindern, dass die hiesigen Händler unter Druck kommen, die Wechselkursvorteile weiterzugeben.

Was nützt das dem Konsumenten?
Im Fall von BMW haben sich viele Kunden beklagt, sie könnten einen BMW nicht direkt in Deutschland kaufen, weil den Händlern eine direkte Lieferung in der Schweiz untersagt worden sei. Nach unserer Untersuchungseröffnung letzten Herbst hat BMW rasch reagiert, und plötzlich hat BMW Gratisausstattungen offeriert, um die Schweizer Kunden zu beruhigen. Wem der Preis weiterhin nicht passt, kann BMW jetzt direkt aus dem EU-Raum importieren. Andere Verfahren, die bei uns zu genau dieser Situation hängig sind, betreffen Musik-CDs, Nikon-Fotoprodukte, Bergsportartikel, Pauschalreisen und den Papiergrosshandel.

Die meisten Konsumenten fühlen sich nicht dazu berufen, der Weko zu helfen, ein Kartell aufzudecken, und sehen sich machtlos gegenüber einem abzockenden Händler.
Die Macht liegt doch bei den Konsumenten. Mich erstaunt, dass die Konsumentenschutzorganisationen nicht klarer auftreten und den Leuten sagen, sie sollen Druck aufsetzen. Wenn zehn oder zwanzig Kunden kommen und dem Händler drohen, macht das dem schon Eindruck. Man sollte sich direkt an den Filialleiter wenden, und der wird es dem obersten Chef dann schon sagen.

Wenn Kunden im Ausland einkaufen, schadet das aber der Schweizer Wirtschaft.
Kunden sollen sich von Patriotismus-Appellen nicht einschüchtern lassen. Die Unternehmen reagieren auf Signale des Marktes. Wenn die Schweizer weiter lammfromm überteuerte Produkte einkaufen, nehmen die Firmen an, ihre Preisen seien o. k. Da sind die Konsumenten selber schuld.

Konsumentenschützerin Sara Stalder sagt, die Weko solle intervenieren.
Das machen wir, wenn wir auf Kartelle stossen, aber wäre es nicht eher angezeigt, die Konsumenten zu mobilisieren? Sie können sich doch wehren. Ihre Portemonnaies sind das beste Argument. Umgekehrt macht es keinen Sinn, dass wir selber Tausende von Produkten untersuchen. Da verlieren wir uns. Doch wir haben fast acht Millionen Marktbeobachter, die sollen uns die Fälle bringen, wo sie sich nicht selber wehren können, und dann reagieren wir sofort, wie wir mit BMW gezeigt haben.

Wir gross schätzen Sie das Senkungspotenzial ein?
Es schenkt massiv ein, nicht nur wegen des starken Frankens. Die Grundproblematik ist die Abschottung der Schweiz vom Ausland. Die Schweizer sollen vom offenen Markt profitieren. Im Prinzip ist den meisten Konsumenten schon gedient, wenn sie die Möglichkeit haben, sich im Ausland eindecken zu können, besonders bei Grossanschaffungen wie Autos oder Möbeln.

Die Schere zwischen Ausland- und Inlandpreis öffnet sich weiter – dennoch wird die Weko nicht überrannt.
Die Konsumenten helfen sich offenbar selbst – umso besser. Aber der Fall BMW zeigt die Wirkung einer Untersuchung. Denn über BMW hinaus weiss jeder Autoimporteur spätestens jetzt, dass er Parallelimporte nicht verbieten kann. Der Markt ist wieder offen. Das bringt die Preise aller Autos ins Rutschen.

Und damit wird das Dossier BMW geschlossen?
Die Untersuchung von BMW läuft weiter – im schlimmsten Fall droht eine Busse.

Niemand fühlt sich verantwortlich

Der Bundesrat sagte letzte Woche erstmals klar, die Einkaufsgewinne aus dem Frankenhoch kämen nicht bei den Konsumenten an. Doch, wenn es darum geht, etwas zu ändern, reichen alle den Schwarzen Peter weiter.

Das sei nicht Sache der Konsumenten, sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz zum Appell der Weko (siehe oben). Es entspreche nicht der Schweizer Mentalität, militant günstigere Preise einzufordern.

Den Vorwurf der Weko, die Konsumentenschützer müssten die Leute mobilisieren, kontert sie: «Wir rufen immer wieder auf, die Preise zu vergleichen.» Der Aufruf, die Leute sollen sonst die Produkte im Ausland kaufen, sei eine hilflose Ausrede – denn viele Konsumenten wollten in der Schweiz einkaufen.

Für sie ist klar: Dort wo Preisdifferenzen im Auslandvergleich mehr als 10 Prozent betragen, handle es sich um Abzockerei.

Die Weko müsse mit den Händlern reden, die ihr gegenüber klagten, sie kämen nicht an günstige Produkte ran. Wieso die Händler nicht selber auf die Weko zugingen, sei ihr unverständlich.

Solche Fragen sollen am runden Tisch, zu dem sie aufgerufen hat (BLICK berichtete), diskutiert werden. Das Wirtschaftsdepartement prüft das Anliegen. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, ist für einen runden Tisch. Er befürchtet eine Schwächung der Binnenwirtschaft wegen Auslandeinkäufen.

Angesprochen auf die Vorwürfe zur Abzockerei, beruft sich die Direktorin des Markenverbands Promarca, Anastasia Li-Treyer, auf Vereinbarungen zwischen Industrie und Handel, die sicherstellten, dass der Lieferant dem Händler Wechselkursvorteile weitergibt.

Auch Amag-Sprecher Dino Graf sagt, dass dem Unternehmen die Hände gebunden seien: «Generell liegt die Verantwortung für die Preisgestaltung beim Hersteller, und die Währungsrisiken werden auch vom Hersteller getragen.» Die Amag als Schweizer Unternehmen kaufe beim Hersteller in Franken ein.

Anpassung der Löhne an Euro stösst an Grenze

Die Firma Mopac aus Wasen BE wälzt seit April ihre Einbussen durch Kursverluste auf ihre 263 Mitarbeiter ab. Doch als Mopac-Chef Rainer Füchslin den umstrittenen Nachtrag zum Arbeitsvertrag (Ausriss oben) entwarf, war er zu optimistisch. Bei einem Kurs von 1.50 Franken pro Euro gibts den vollen Lohn und bei einem Kurs von 1.30 bis 1.34 Franken eine Lohneinbusse von 10 Prozent. Für einen noch tieferen Kurs wie gestern von 1.15 hat er nicht vorgesorgt. Rechnerisch ergäbe sich ein Minus von 17,5 Prozent.

«Wir bleiben bei der Kürzung von 10 Prozent, auch wenn der Euro weiter nachgibt», sagt Füchslin auf Anfrage. Ein dem neusten Euro-Sturz angepasster Nachtrag sei derzeit nicht vorgesehen. Die Gewerkschaft Unia bezeichnete die Überwälzung des Unternehmerrisikos auf Arbeitgeber als illegal.

Claudia Gnehm

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