Elf-Stunden-Tage, Sechs-Tage-Wochen – und immer lächeln Der schöne Schein hat ein Sprüngli

ZÜRICH - Arbeiten bis zum Anschlag, bis zu neun Tage in Folge. Sprüngli-Mitarbeiter packen aus.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Doris Leuthard im grossen Interview «Trump kann der Schweiz schaden»
2 Grossbank macht Jagd auf Studentinnen UBS gibt Schminkkurse
3 SmartShuttle-CEO Daniel Landolf (57) «Chauffeure braucht es noch...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
13 shares
89 Kommentare
Fehler
Melden

Kaum ein Geschäft hat so stark zum Image von Zürich beigetragen wie die Confiserie Sprüngli. Sie ist eine Institution, ihre Luxemburgerli sind weltbekannt. Die Läden sind nobel wie die Schmuckgeschäfte an der Zürcher Bahnhofstrasse – alles ist in Gold, edlem Holz und dunklem Marmor gehalten.  

Auch der piekfeine Service ist unvergleichlich: Verkäuferinnen im Deuxpièces, perfekt frisiert und geschminkt, stets vornehm lächelnd, vermitteln Noblesse. Es gelten strenge Vorschriften: Haare müssen geschlossen sein, im Dutt oder Zopf, Nagellack und Lippenstifft zur jeweiligen Uniform passen. 

Alles Fassade, sagt nun eine Mitarbeiterin einer grösseren Zürcher Filiale zu BLICK. Hinter den Kulissen herrsche Verzweiflung. Die Devise: Arbeiten bis zur Erschöpfung. Vor allem ab Herbst und über Weihnachten. «Sechs-Tage-Wochen sind dann keine Seltenheit – bei einem 80-Prozent-Pensum!»

Und bei langen Arbeitstagen. Elf Stunden seien normal. An Silvester stand sie zwölf Stunden im Laden. «Meistens müssen wir länger arbeiten als eingeplant.»

BLICK liegen die Arbeitspläne von drei festangestellten Verkäuferinnen vor. Aus Angst vor Jobverlust wollen sie anonym bleiben. Alle drei leisten zum Teil Sechs-Tage-Wochen – bereits im Oktober. In einem Fall sind es sogar sieben, in einem anderen neun volle Arbeitstage in Folge.

Sprüngli-Chef lässt Vorwürfe nicht auf sich sitzen

«Das sind klare Verstösse gegen das Arbeitsgesetz. Sieben oder neun Arbeitstage ohne Ruhetag sind nicht legal», sagt Natalie Imboden (46) von der Gewerkschaft Unia.

Sprüngli-Chef Tomas Prenosil (52) will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. «Bei einem Problem können sich die Mitarbeiter jederzeit bei mir melden», sagt er zu BLICK. Sieben- oder Neun-Tage-Wochen seien nicht vorgesehen. «Aber wo gearbeitet wird, kann auch mal ein Versehen passieren.» Etwa wenn ein Arbeitsplan wegen eines kurzfristigen Ausfalls angepasst werden müsse. 

Angestellt sind die Sprüngli-Mitarbeiterinnen im Jahresarbeitszeit-Modell – zu einem Monatslohn von rund 4000 Franken. Im Sommer müssen sie Minusstunden anhäufen, im Winter diese abarbeiten. «Ich kam auf 200 Minusstunden – und damit bin ich nicht alleine», sagt die Mitarbeiterin.

Für Unia-Frau Imboden ist die verordnete Flexibilität problematisch. «Die Gesundheit und das Privatleben der Angestellten leiden teils massiv darunter. Das sind bittere Arbeitsbedingungen in einer doch süssen Branche.» 

Ähnlich ergeht es einer Mitarbeiterin einer anderen Sprüngli-Filiale – sie bestätigt sämtliche Vorwürfe ihrer Kollegin. Und mehr noch: Die Dienstpläne seien so knapp kalkuliert, dass es keine Reserve gebe, sagt sie.

Manche erschienen deshalb auch krank zur Arbeit – um die bereits überlasteten Kollegen vor noch Mehrarbeit zu bewahren. «Die Filialleiter sind froh darum. Dabei geht das eigentlich nicht, weil man ja mit Lebensmitteln arbeitet.»

Prenosil stellt dies in Abrede: «Es gibt eine klare Regelung, wonach Krankheit umgehend zu melden ist.» Saisonale Schwankungen seien aber in den Arbeitsplänen nicht zu vermeiden: «Im Winter müssen wir alle Überstunden leisten – auch ich bin dann täglich bis zu 14 Stunden unterwegs.» 

Ein Schoggi-Job sieht anders aus – für den Chef, vor allem aber für die Angestellten. Bringt eine Filiale nicht den gewünschten Umsatz, bekommen es die Mitarbeiter zu spüren. Der Druck wird erhöht: mehr Lächeln, noch freundlicher sein, mehr Müsterchen zur Degustation anbieten.

Publiziert am 13.01.2017 | Aktualisiert am 16.01.2017
teilen
teilen
13 shares
89 Kommentare
Fehler
Melden

TOP-VIDEOS

89 Kommentare
  • Andi  Herzog aus Basel
    14.01.2017
    Ist ofenbar gängige Praxis in dem Metier. Die Confiserie Bachmann in Basel bezahlt Hungerlöhne, sucht gezielt billige Studentinnen und das Team muss meistens unterbesetzt Arbeiten. Für die Güplirunde der Besitzer müssen teilweise sogar die Gäste an der Bar ausweichen.....
  • Sandro  Carena 13.01.2017
    Sprüngli ist schon lange nicht mehr das, was es mal war.
    • anneliese  hofer 14.01.2017
      für mich ist sprüngli gestorben.ich kaufe aus prinzip in der schweiz ein, aber nur in geschäften mit fairen bedingungen. das ist durchaus möglich. ich hatte auch immer gute bedingungen.danke an meine arbeitgeber!!
  • Annemarie   Setz 13.01.2017
    Es ist nicht erstaunlich, dass man, wenn es um Ueberstunden und wenig Grosszügigkeit in Lohnfragen geht, meist auf Luxus-Segmente stösst, eben wie Sprüngli oder Swarovski und andere in den Städten wie Zürich und Luzern zum Beispiel. Die Angestellten werden ausgenutzt, weil es einfach heisst, "könnt ja einen anderen Job suchen, wenn ihr wollt."Ich bin überzeugt, dass viele Arbeitnehmer gerne mehr Stunden arbeiten, wenn ihnen das auch verdankt wird.
  • Fleissiger  Büezer 13.01.2017
    Seltsame Welt; Da regen sich viele fürchterlich auf, wenn jemand saisonal etwas mehr arbeiten muss. Wenn dann aber Kadermitarbeiter oder die Feinbilder der Nation, die "Manager", extrem viel arbeiten regen sich dieselben Leute wieder auf, weil die dann viel verdienen. Also entweder arbeitet man viel und verdient viel, oder will nicht mehr arbeiten, und dann verdient man auch nicht mehr. Aber der liebe "Schweizer" möchte eben beides; Weniger arbeiten aber noch mehr verdienen, das geht nicht !
    • Dani  Rosso 13.01.2017
      "Also entweder arbeitet man viel und verdient viel,..." Die arbeiten ja viel.. verdienen nicht ganz so...!? Ein Unterschiede bei z.B. 14 Std. Arbeitstag von Angestellten zu den Managern ist das die erstgenannten 14 arbeiten... die Manager sind 14 Std. unterwegs / präsent, heisst als Bsp. darin inbegriffen ist das Businessmittagessen mit Kunden etc... auch müssen sie (meistens) nicht am gleichen Platz "stehen" somit ist es trotz der gleichen Zahl (14 Std.) doch etwas anderes....
  • Daniela  Nikles 13.01.2017
    Nicht zu vergessen das die Chefs bei Überstunden 50 Prozent Zuschlag erhalten, aber eben nur die Chefs!