Angestellte protestieren – Unternehmen schlagen zurück Kampf um faire Löhne wird schärfer

  • Publiziert: 06.02.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Iso Ambühl

Kein Stundenlohn unter 22 Franken, fordert der Gewerkschaftsbund. Jetzt geben die Unternehmer Kontra: Als Mindestlohn sei das viel zu viel.

Lautstark macht die Unia im ganzen Land auf die Mindestlohninitiative aufmerksam. Ein Salär von mindestens 22 Franken pro Stunde verlangen die Gewerkschaften – das entspricht einem Monatslohn von 4000 Franken.

Vor Coiffeurgeschäften und Schuhladenketten, vor Tankstellenshops, einem Gemüse-Grossisten und einer Bonbonfabrik, vor einem Gartenbaugeschäft und einer Modeboutique setzte es in den vergangenen 14 Tagen Proteste.

Auch vor den Toren der Eugster/Frismag in Amriswil TG machte die Gewerkschaft mobil. Nach Werksangaben verdienen Fliessbandmitarbeiter des Kaffeemaschinenherstellers um 18 Franken brutto in der Stunde, also rund 3400 Franken im Monat. Mehr liegt nicht drin, sagt Paul Meiler, Geschäftsleitungsmitglied von Eugster/Frismag: «Ein Stundenlohn von 22 Franken ist jenseits von Gut und Böse.» Bei solchen Löhnen könne die Firma keine konkurrenzfähigen Preise mehr bieten; sie müsste ihre Arbeitsplätze an Standorte in China und Portugal verlagern.

Ins gleiche Horn bläst Silvia Huber-Meier von der Bonbonfabrik Domaco in Lengnau AG: «Wir bieten sichere Arbeitsplätze für teils wenig oder gar nicht ausgebildete Menschen, die sonst kaum eine Chancen haben, Arbeit zu finden.» Das Familienunternehmen zahlt Fr. 18.45, brutto rund 3100 Franken pro Monat. Die Ferienentschädigung ist da schon einkalkuliert.

Unia-Geschäftsleitungsmitglied Vania Alleva kommentiert: «Für ein Leben in Würde reicht ein Lohn weit unter 4000 Franken nicht. Das ist nicht fair.» Wer voll arbeite, solle von seinem Lohn auch voll leben können. Landauf, landab träfen die Gewerkschafter auf Vollzeitbeschäftigte mit tiefen Löhnen, die auf zusätzliche Unterstützung vom Sozialamt angewiesen seien.

Laut Unia arbeiten 300000 Frauen und mehr als 100000 Männer zu Löhnen von weit unter 4000 Franken – bei vollem Pensum. Michael Claussen, Leiter der Basler Schuldenberatung Plusminus: «Ausreichende Löhne sind wie eine genügend gute Sozialhilfe für die Bekämpfung der Armut dringend nötig.»

«Das Baby wird Geld kosten»

Anne Muller (34, Name geändert) hat ihr Gesicht abgedeckt. Sie fürchtet sich vor Sanktionen ihres Arbeitgebers, weil sie mit SonntagsBlick über ihren Verdienst spricht.

Sie rüstet und verpackt Gemüse bei einem Grossisten in Genf. 45 Stunden arbeitet sie pro Woche. Dafür erhält sie einen Bruttolohn von 3550 Franken im Monat. Ihre Schicht dauert in der Regel von 4 Uhr morgens bis 13 Uhr nachmittags.

Bislang lebt sie in einer Wohnung mit lediglich 28 Quadratmetern. Sie kostet 1230 Franken im Monat – das frisst mehr als ein Drittel ihres Lohns. Da sie ein Baby erwartet, sucht sie eine grös-sere und doch günstige Wohnung. Die sind in Genf jedoch rar. «Wie soll ich eine teurere Wohnung bezahlen?», fragt Anne Muller: «Dafür müsste ich mindestens 4000 Franken verdienen.»

Höherer Lohn wäre gerechter

Laura Bollinger (20) ist gelernte Coiffeuse in Winterthur ZH. Sie erhält 3200 Franken brutto im
Monat und keinen 13. Monatslohn. Dies ist gemäss Gesamtarbeitsvertrag erlaubt. Ihre Arbeitsmittel wie Scheren muss sie selber bezahlen. Für Bollinger wäre ein Lohn um die 3800 Franken gerechter: «Wenn ich nicht bei den Eltern wohnen würde, käme ich mit dem Geld kaum aus.»

Kinder, Haushalt und noch ein Job

Karin Bättig (37) arbeitet am Buffet in einem Restaurant einer Basler Vorortsgemeinde. Als
alleinerziehende Mutter von achtjährigen Zwillingen kann sie nicht voll arbeiten. Bestenfalls schafft sie 90 Stunden im Monat. Damit verdient sie 2000 Franken brutto oder rund 22 Franken pro Stunde. Von diesem Teilzeitlohn könne eine dreiköpfige Familie nicht leben. Darum wird die gelernte Dentalassistentin vom Sozialdienst ihrer Wohnortgemeinde finanziell unterstützt. Das Beispiel zeigt, dass auch der geforderte minimale Stundenlohn kein Wundermittel gegen Armut ist.

Alle Kommentare (17)

  •  
    Ein Mindestlohn ist in der Schweiz dringend nötig. Es gibt leider zu viele Firmen und Betriebe welche ihre Mitarbeiter ausnützen. Und wehrt man sich wird man aus irgend welchen Gründen entlassen. Ganz extrem ist es bei ausgebildeten Tierpflegern. Die rackern sich bei 45-50 Stunden pro Woche für gerade mal 2800 Franken ab. Oft kommen dann noch unbezahlte Überstunden hinzu. Das ist eine Schweinerei!
    • 07.02.2011
    • 0
    • 0
  •  
    Auch ich finde, dass die Angestellte genug verdienen sollten um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
    Jedoch ist es nicht richtig und irreführend, wenn in dem Artikel von Laura Bollinger angegeben wird dass Laura FR. 3200.-- verdient. Das ist nicht Richtig!!

    Frau Laura Bollinger, eine motivierte, junge Angestellte die in meinem Betrieb arbeitet verdient Fr, 3400.-- plus 4.5 Wochen Ferien! Dazu kommt noch die Umsatzbeteiligung von 10%-15 % dazu. Ich bitte um Richtigstellung!
    • 06.02.2011
    • 0
    • 0
  •  
    Es ist sicher nicht zuviel 22Fr. für Angestellte von Firmen die es sich leisten können!
    Andere Firmen sollte man Prüfen ob es wirklich nicht geht.
    Ich selber habe nach 20 Dienstjahren Cibaspezialitätenchemie den Job durch Restrukturierung verloren! Nun habe Ich noch Pharmaerfahrung und arbeite in einem Weltbetrieb. Der Lohn von der Ciba mit 8Stunden im Tag und der von der Pharma mit
    8Stunden wohlgesagt Temporär ist enorm. Ich habe ein Lohverlust von sage und schreibe 39Prozent.
    • 06.02.2011
    • 0
    • 0
  •  
    Wenn die Arbeit nicht mehr wert ist, dann gibt es auch nicht mehr Gehalt. Diejenigen., die sich beklagen, die sollen doch etwas anderes ausüben. Wenn sie nicht zufrieden sind und meinen, in anderen Berufen verdient man mehr, ja dann macht einen anderen Job! Oder passt dann wieder etwas anderes nicht. Ist alles eine Frage der Nachfrage und alles ein Weg in Richtung Neidkommunismus.
    • 06.02.2011
    • 0
    • 0
  •  
    Fr. 22-. sind für Angestellte sicher nicht zu viel doch kann es schon sein dass es Betriebe gibt die sich das nicht leisten können. Fragt sich ob man diese nicht unterstützen soll statt Milliarden ins Ausland und den Grossbanken nachzuwerfen.
    Auch sollte man sich einmal überegen warum die Wohnkosten so hoch sind. Der grösste Posten im Budget sind Wohnen und Versicherungen!
    • 06.02.2011
    • 0
    • 0
Seite 1 2 3 4 »
Seitenanfang

Top 3

1 Exklusive 360°-Panoramabilder Nehmen Sie Platz im Superjet PC-24bullet
2 Verkehrte Welt Schweiz will Milch importieren!bullet
3 Nach Kapsel-Pleite Nespresso droht Detailhändlernbullet

Wirtschaft

Finden Sie einen Mindest-Stundenlohn von 22 Franken überrissen?»

  • 37,0% Ja.
  • 63,0% Nein.