Die Ständerätinnen Simonetta Sommaruga und Christine Egerszegi wollen Pierre-Marcel Revaz’ Kassengruppe durchleuchten lassen.
Das Versteckspiel bei der Groupe Mutuel, dem drittgrössten Kassenkonglomerat der Schweiz, soll ein Ende haben. Die Sozialdemokratin Simonetta Sommaruga (49) will das verschachtelte Konstrukt Anfang Jahr in der Gesundheitskommission des Ständerats zur
Sprache bringen: Das sei der effizienteste Weg, um herauszufinden, ob die Aufsichtsbehörden ihren Job bei der Groupe Mutuel «in genügendem Mass wahrnehmen können», wie sie sagt. Fragen gibt es viele.
- Zum Beispiel zur Groupe Mutuel Assurances SA (GMA), eine der Firmen in der Gruppe. Sie gehört den Chefs privat. Patriarch Pierre-Marcel Revaz (56) zeichnete bei der Gründung 2240 Aktien im Wert von 2,24 Millionen Franken. Die restlichen 5,76 Millionen sicherten sich Daniel Overney, Pierre-Angel Piasenta, Jean-Marie Abbet und Philippe Mariéthoz. Sie kontrollieren mit Revaz sämtliche Groupe-Mutuel-Geschäfte (siehe Box). Über die GMA läuft auch ein Teil des Zusatzversicherungsgeschäfts, das in der Regel Gewinn abwirft. Bekannt ist bei der GMA aber nur die Bilanzsumme: 306 Millionen Franken. Geschäftsberichte gibt es nicht und damit auch keine Hinweise auf mögliche Bezüge von Revaz und Co.
- Fragen gibt es auch zur Fondation Mutuelle, der 2004 gegründeten Stiftung. Sie «favorisiert» laut Handelsregistereintrag die Trennung von sozialem und gewinnorientiertem Krankenversicherungsgeschäft. Vollzogen ist diese Trennung bei den Mutuel-Kassen nicht. Zudem soll die Stiftung die Geschäfte der Gruppe unterstützen, auch finanziell. Wie sie dies tut, bleibt geheim. Auch hier: keine Geschäftsberichte. Die Stiftungsräte, darunter Revaz und die anderen Aktionäre der GMA, bestimmen ihre Nachfolger selbst. Oder, falls sie ableben sollten, tun es ihre Nachkommen. Unglaublich: Die Mandate sind auch vererbbar!
- Fragen gibt es zu Sophie Revaz (26), Tochter von Pierre-Marcel Revaz. Sie ist seit Juli 2009 Stiftungsrätin von Mutuel Assurances, der grössten Kasse der Gruppe. Die Anwältin arbeitet in der renommierten Genfer Kanzlei Poncet Turrettini Amaudruz Neyroud & Partners. Man kennt sich: Zwei der Partner sind für die Groupe Mutuel tätig. So sitzt Michel Amaudruz (69) seit 2007 im Stiftungsrat der Fondation Mutuelle. Und er ist Verwaltungsratspräsident der börsenkotierten Groupe Minoteries, eines Mühlenunternehmens. Die Groupe Mutuel besitzt davon 15 Prozent, Vize ist hier Pierre-Marcel Revaz.
- Fragen gibt es zu Olivier Revaz (28). Das Groupe-Mutuel-Kadermitglied sitzt in drei Stiftungsräten – zusammen mit seinem Vater. Ist das nicht Vetterliwirtschaft? Weder diese noch andere Fragen will die Groupe Mutuel beantworten.
- SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga sagt dazu: «Es herrschen anscheinend Zustände wie in
- einem Familienunternehmen. Die Chefs sichern sich Unternehmungen, Stiftungen und Mandate in einem offenbar ziemlich lukrativen Geschäft.» Die FDP-Ständerätin Christine Egerszegi unterstützt Sommaruga: «Königreiche wie die Groupe Mutuel sind in der Schweiz sehr unüblich. In jeder anderen Branche wäre eine solche Ämterkumulation an der Spitze unmöglich.»