Japans Ex-Premier Naoto Kan über den Super-Gau und Gefahren für die Schweiz: «Beznau ist noch älter als Fukushima»

ZÜRICH - Naoto Kan war japanischer Regierungschef, als 2011 ein Tsunami die Atom-Katastrophe von Fukushima auslöste. Im Interview erklärt Kan, wie die Schweiz die Energiewende hinbekommt und warum Atomstrom alles andere als billig ist.

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Naoto Kan am Nuclear Phaseout Congress der Schweizerischen Energie-Stiftung

Patrick Bussmann

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Naoto Kan schreitet in den kargen Raum im Kongresshaus Zürich, wo am heutigen Montag die Schweizerische Energie-Stiftung zum «Nuclear Phaseout Congress» lädt. Die Japaner – Übersetzer und Mitschreiber – verbeugen sich. Die Journalisten nicken.

Der 69-jährige Ex-Premierminister Japans breitet Dokumente auf dem Tisch vor sich aus. Während die Übersetzerin spricht, zieht er langsam die Linien kleiner Kanji-Zeichen auf ein Blockblatt. Nimmt dann die Brille in die Hände. Und antwortet.

Herr Kan, die Schweiz liegt an keiner Küste. Ein Tsunami kann bei uns kein Reaktor-Unglück auslösen. Haben wir also keinen Grund zur Sorge?

Naoto Kan: Zwar ist es ein fundamentaler Unterschied zwischen Japan und der Schweiz, dass Japan von Meer umgeben ist und die Schweiz von Land. Trotzdem denke ich, dass das Risiko von Atomkraftwerken grundsätzlich gleich ist: Je älter ein Atomkraftwerk, desto störanfälliger wird es. Ein Beispiel: Metall wird durch Strahleneinwirkung immer spröder.

In der Schweiz gibt es mit Beznau das älteste Kernkraftwerk der Welt.

Ja, es wurde 1969 gebaut. Es ist damit ähnlich alt wie der Reaktorblock 1 in Fukushima, der 2011 als erster Probleme gemacht hat und die Kernschmelze auslöste. Er ist 1971 ans Netz gegangen.

Aber man tut ja alles dafür, dass die Reaktoren immer sicherer werden!

Auch in Fukushima. Im Reaktorblock 1, der zunächst Probleme gemacht hat, war ein sogenannter Isolation Condenser eingebaut. Das ist ein Gerät, das auch ohne Strom Kühlung ermöglicht. Das Problem war aber, dass die Mitarbeiter des Betreibers Tepco gar nicht mit dem Gerät vertraut waren. Im Ernstfall konnten sie es deshalb gar nicht benutzen.

Also doch kein technisches, sondern menschliches Versagen?

An aerial view of the Fukushima Daiichi Nuclear Power Station is seen in Fukushima Prefecture in this photo taken by Air Photo Service play
Das Atomkraftwerk Fukushima von oben REUTERS

Natürlich kann man dann auch sagen, dass es menschliches Versagen ist, weil die entsprechenden Trainings nicht durchgeführt worden sind. Gleichzeitig kann man auch sagen, dass es auch daran liegt, dass eine sehr alte Technik war, die nicht an die nächsten Generationen weitergegeben wurde.

Atomstrom belastet das Klima nicht und ist vergleichsweise günstig. Warum sind Sie gegen die Erzeugung klimafreundlichen, billigen und immer sichereren Stroms?

Atomkraftwerke galten seit jeher als billig und sicher. Doch seit dem Unfall von Fukushima wissen wir, dass sie gefährlich sind und verglichen mit anderen Energieformen auch extrem teuer.

Inwiefern?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Finnen bauen gerade einen Reaktorblock. Der Bau ist extrem teuer. Auch die Vorkehrungen gegen Unfälle bringen sehr grosse Kosten mit sich. Und dann kommt noch die Entsorgung der Brennstäbe hinzu, die mit grossen Kosten verbunden ist. Man kann also nicht davon sprechen, dass Atomkraft billig sei. Ich kenne auch keine Fachleute, die diese Meinung vertreten. Deshalb frage ich die Befürworter von Atomkraft immer: Warum sollte man etwas so Teures und so Risikoreiches weiter nutzen?

Weil es an Alternativen mangelt? Strom aus Wasserkraft ist teuer, Photovoltaik auch. Strom aus Kohle ist dreckig. Für ein Tourismusland wie die Schweiz sind etwa grosse Windkrafträder ungeeignet.

Jedes Land muss schauen, was am besten passt und diese Energieformen dann so weit ausbauen, wie es geht. In Deutschland, Grossbritannien und Dänemark hat sich zum Beispiel Windkraft sehr gut bewährt. Auch Biomasse stellt eine gute Alternative da. In Japan ist zur Zeit die Solarenergie stark im Kommen.

Aber auch die Kernenergie ist alles andere als abgeschaltet: Mit Shinzo Abe ist ein Befürworter von Atomenergie japanischer Regierungschef. Die Bevölkerung ist aber eigentlich gegen Kernkraftwerke. Wie passt das zusammen?

Abes Wirtschaftspolitik wird von der Bevölkerung getragen, seine Atompolitik nicht. Nach dem Unfall 2011 kam es schon zu drei Wahlen in Japan. Doch leider war Atomkraft nie das grosse Wahlthema.

Obwohl einige Menschen von der Fukushima-Katastrophe betroffen sind und waren.

Ex-Premier Naoto Kan: «Um ein Haar hätten wir 50 Millionen Menschen evakuieren müssen.» play
Ex-Premier Naoto Kan: «Um ein Haar hätten wir 50 Millionen Menschen evakuieren müssen.» Patrick Bussmann

Was wir nicht vergessen dürfen: Der Unfall hätte sich um ein Haar ausgeweitet. Dann hätten in einem Umkreis von 250 Kilometer alle Menschen evakuiert werden müssen, die Hauptstadt Tokio eingeschlossen. Wir hätten also 50 Millionen Menschen – das sind 40 Prozent der japanischen Bevölkerung – evakuieren müssen. Eine so grosse Katastrophe kann man nur damit vergleichen, wenn man einen grossen Krieg verloren hat oder noch etwas Schlimmeres passiert ist.

Etwas Schlimmeres hat Ihr Land schon mit den Atombomben-Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki erlebt.

Das wirft die Frage auf, ob der Mensch die Atomkraft so nutzt, dass sie zum Nutzen der Menschheit ist. Werden wir glücklicher dadurch, dass wir die Atomkraft nutzen? Meine Antwort darauf ist ganz klar: Nein!

Ist es dann menschliche Selbstüberschätzung und Vermessenheit, weiterhin auf diese Technik zu setzen?

Ich frage mich schon seit meiner Jugend: Wird der Fortschritt immer zum Wohle der Menschen sein, bringt er uns weiter. Oder wirft er uns zurück und stürzt uns gar ins Verderben? Das ist ein Widerspruch, den wir uns stets bewusst machen müssen. Die Sage von Prometheus zeigt das ja: Diese Frage ist ein altes menschliches Problem, das wir seit jeher mit uns herumtragen. Auch von politischer Seite aus sollte man die Frage der Kontrolle nicht ausser Acht lassen.

Sie stellen die Frage, ob wir Kontrolle über den Fortschritt haben und ob er uns nicht doch zurückwirft. Fakt ist aber: Fortschritt findet statt. Dafür brauchen wir mehr und mehr Energie. Was raten Sie der Schweiz, die bis in die 2030er-Jahre wohl aus der Kernenergie ausgestiegen sein wird: Sollen wir unseren Energieverbrauch drastisch reduzieren? Oder den technischen Fortschritt abbremsen?

Japan's Prime Minister Naoto Kan bows to the national flag as he arrives for a news conference at his official residence in Tokyo play
Naoto Kan verbeugt sich nach der Katastrophe von Fukushima vor der japanischen Flagge. REUTERS

Dass man für das wirtschaftliche Wachstum immer mehr Energie benötigt. Das ist 20. bis 21. Jahrhundert. In der Zukunft werden wir wohl mit weniger Energie Wirtschaftswachstum generieren können. Denken wir nur an die LED-Leuchten. Für die braucht man sehr wenig Energie. Auch im Bereich der Wärme-Dämmung tut sich sehr viel. In Zukunft kann also Wirtschaftswachstum sehr wohl mit der Einsparung von Energie einhergehen. In Japan kann man sehen, dass der Stromverbrauch nach dem Unglück von Fukuhsima um zehn Prozent gesenkt wurde – allein durch Einsparungen. In Japan wird so viel Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen, wie sechs Atomkraftwerke produzieren. Auch für die Schweiz ist es eine sehr sinnvolle Massnahme, sich auf die Senkung des Energiebedarfs und auf erneuerbare Energien zu konzentrieren. Die Schweizer sollten die Energiewende dahingehend betreiben.

Publiziert am 21.03.2016 | Aktualisiert um 15:34 Uhr
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Fukushima: Eine Katastrophe, die die Welt veränderte

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16 Kommentare
  • greg  Dusky 22.03.2016
    ja und, Du freier Mann aus Japan? steht Beznau auch in einem Feuergürtel und am Meer? Ein Tsunami auf der Aare oder am Wohlensee reicht wohl kaum aus um das AKW in den Gau zu treiben. Aber das weiss der Japan-Mann wohl nicht.
  • Willy  Gruen aus Crassier
    22.03.2016
    Ausser Naturkatastrophen wie Erdbeben und Tsunami gibt es zahlreiche andere Ursachen, die zum Supergau führen können. Menschliches und technisches Versagen, Unfälle und gezielte Anschläge sind alle ebenso unvorhersehbar und dennoch jederzeit möglich. Es gibt nur einen sicheren Weg, dies zu verhindern: Ausstieg aus dieser hochgefährlichen und viel zu teuren Energie, und zwar so schnell wie möglich.
  • Steven  Reynard aus Nordostschweiz
    22.03.2016
    Ein wesentlicher Unterschied zwischen Beznau und Fukushima ist doch, dass wir nach einem Zwischenfall nicht 5 Jahre lang uns verneigen und entschuldigen, sondern aufräumen und reparieren.
    • christian  kobler aus uznach
      22.03.2016
      Kein Land ist schneller im Aufräumen und Reparieren als Japan... siehe diverse Erdbeben... in der Schweiz würde zuerst drei Jahre Schockstarre herschen... dann ginge es zwei Jahre bis alle Bewilligungen für einen Wiederaufbau eingeholt sind... und mal ein halbes Jahr in einer Turnhalle leben? Einfach hoffen dass dies hier nie passiert...
    • Florian  Gass 22.03.2016
      Ich finde, schon nur das Wort "reparieren" sagt alles. In was für einer Welt leben Sie eigentlich? Haben Sie das Gefühl, wir könnten nach einem AKW GAU einfach mal ein bisschen aufräumen, und dann ists gegessen? Ich glaubs nicht...
  • Martin  Arnold aus Derendingen
    22.03.2016
    AKWS sind sicher, jedenfalls behauptet das unser Mitte -Rechts Parlament. Darum wurden als vertrauensbildende Massnahme ja auch Jod Tabletten versandt!!!!!!
    Um den Müll den sie produzieren kônnen sich dann unsere Kinder kümmern. Das sind die nachhaltigen Lösungen die SVP und FDP zu bieten haben. Hauptsache ihr porte- monnaie wird dabei reichlich gefüllt. Und die Dreistigkeit der Axpo. Der Steuerzahler soll die defizitären Anlagen übernehmen!!!!!!
  • Ewald  Rindlisbacher aus Grayland
    22.03.2016
    Fukushima hat mit dem Alter nichts zu tun. Auch war nicht das AKW Schuld am ganzen. Das Problem war, dass man kein Treibstoff liefern konnte um die Generatoren zu betreiben um die Kuehlpumpen zu betreiben zur Kuehlung des Reaktors. Also ein ganz banaler Ueberlegunsfehler der mit dem AKW selber nichts zu tun hatte. Nur wegen der mangelter Kuehlung ist das AKW geschmolzen. Dies haette mit richtiger Planung verhindert werden koennen.
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