Nach der Jahrtausendwende gaben in der Schweiz 1151 unabhängige Reisebüros auf, viele weitere dürften ihnen folgen.
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Beratung in Lounge-Atmosphäre: Bei Kuoni ist das Reisebüro der Zukunft schon Realität.
(ZVG)Seit mehr als zwei Jahrzehnten verschickt Markus Flühmann Reisekataloge an fast alle Schweizer Ferienveranstalter – und zwar tonnenweise: «Buchen die Kunden fleissig, klettern bei uns Lieferumfang und Gewicht der Prospekte und Kataloge», erklärt der 54-jährige Chef des Lagerlogistik-Unternehmens in Merenschwand AG.
Heute hat Flühmann eher weniger zu tun. In den Briefkästen und Reisebüroregalen landen längst nicht mehr so viele Kataloge wie früher. Allein in den letzten vier Jahren ging die Zahl der verschickten Reise-Druckwerke um 64 Prozent zurück.
Ein Blick auf die vergangenen zwölf Jahre zeigt den Niedergang der Reisebüro-Branche: Seit dem Jahr 2000 bis Ende Mai 2012 verschwanden 1151 klassische Reisebüros. Zur Jahrtausendwende existierten noch 2887 Reisebüros, heute sind es nur noch 1736 – ein Rückgang von 40 Prozent.
Zählt man die Reisebüros in kleineren Bahnhöfen, Tauch-, Skate- und Surfshops hinzu, steigt die Zahl auf 1590 Unternehmen, die ihre Existenz aufgeben mussten. Flühmann: «Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren nochmals bis zu 15 Prozent der unabhängigen Reisebüros sterben.»
Diese Entwicklung erwartet auch Walter Kunz, Geschäftsleiter Schweizerischer Reisebüro-Verband (SRV). «Wir haben heute in der Schweiz noch immer zu viele Reisebüros», sagt er, «vor allem unseriöse ohne Kundengeldabsicherung.» Kunz: «Wer Kunden keine Geldabsicherung bietet, keine Strategie, keinen Businessplan hat, der hat keine Existenzberechtigung.»
Der Verbandschef sieht drei Hauptgründe für das Reisebüro-Sterben: Geschäftsaufgabe wegen Nachfolgeproblemen, Einbruch der Finanzen nach den Katastrophenjahren (9/11, Tsunami, Finanzkrise) – und natürlich die Massenabwanderung der Kunden ins Internet. «Jeder Zweite bucht heute Pauschal- und Städtereisen online.»
Im vergangenen Jahr betrug der mittlere Umsatz pro Reisebüro 4,3 Millionen Franken, wie eine am Dienstag veröffentlichte Studie des SRV und der Universität St. Gallen zeigt. «Dabei stehen die Margen enorm unter Druck», sagt Professor Christian Laesser. Kunz spricht von einer Nettorendite von einem Prozent, «dabei müssten wir mindestens zwei Prozent haben». Seit 2000 lag die durchschnittliche Nettorendite nur einmal über drei Prozent.
Doch was tun, wenn die Kunden nur noch billig, billig, billig Ferien machen möchten? «Wir müssendafür sorgen, dass Reisen wieder an Sexappeal gewinnt», sagt Kunz. Ebenfalls entscheidend sei die Kompetenz der Reisebüro-Angestellten. «Der Kunde ist heute dank Internet mehr auf Augenhöhe.»
Der Schweizer Reiseriese Kuoni verkauft inzwischen Reisen in Lounge-Büros. «Warum sollen Reisebüros heute noch hässlich sein?», fragt Kuoni-Sprecher Peter Brun. Ferienfreude beginne bei der Buchung. «Wir wollen die Kunden inspirieren.» Die modernisierten Kuoni-Reisebüros etwa in Genf oder Zürich hätten inzwischen mehr Laufkundschaft und machten 20 Prozent mehr Buchungen.
Das freut auch den Logistiker Flühmann. Vom Feriengeschäft allein lebt der frühere Kuoni-Lehrling allerdings schon lange nicht mehr. «Heute macht der Tourismus noch 40 Prozent unseres Umsatzes aus.» Dafür stehen Emmi, UBS, Shell und Migros neu auf der Kundenliste.
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