Was soll das? Im Sommer droht der nächste Prämienschock

  • Publiziert: 05.10.2009, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Simon Hehli

BERN – Und noch eine Hiobsbotschaft: Bereits im Sommer 2010 droht 1,1 Millionen Schweizern ein massiver Aufschlag bei der Krankenkasse. Doch die Versicherten können sich wehren.

Letzte Woche klopfte sich der abtretende Gesundheitsminister Pascal Couchepin noch einmal auf die Schulter: Die Krankenkassenprämien für 2010 steigen «nur» um durchschnittlich 8,7 statt um die früher angedrohten 15 bis 20 Prozent.

Doch möglich ist das nur durch einen Griff in die Trickkiste: Zauberkünstler Couchepin erlaubte den Krankenkassen, die Prämien deutlich weniger zu erhöhen, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Der Walliser wollte keine noch stärkere Prämienexplosion, die seine Bilanz als Bundesrat weiter getrübt hätte.

Und so reichen die Einnahmen vieler Kassen immer noch nicht, um die massiv steigenden Kosten im Gesundheitswesen zu decken. Es drohen uns auch 2011, 2012, 2013 happige Aufschläge – oder sogar schon vorher.

Denn schon in wenigen Monaten könnte 18 serbelnden Krankenkassen das Geld ausgehen. Das berichtet die Zeitung «Sonntag». Damit droht 1,1 Millionen Versicherten ein unerfreulicher Sommer mit massiv höheren Krankenkassen-Rechnungen.

20 Prozent Aufschlag das Maximum

«Die Prämien bei den betroffenen Versicherern hätten von Anfang an höher sein müssen», bemängelt denn auch der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher. Da stellt sich also die Frage: Wieso gab das Bundesamt für Gesundheit (BAG) grünes Licht für eine «falsche» Prämienpolitik?

«Prinzipiell will das BAG natürlich kostendeckende Prämien», betont Vizedirektor Peter Indra gegenüber Blick.ch. Im Sonderfall seien aber Ausnahmen möglich: Viele der betroffenen Versicherer hätten so schon die Prämien um mehr als 20 Prozent erhöht. «Mit den zusätzlich notwendigen Aufschlägen wäre das Zumutbare überschritten. Bei einem noch höheren Aufschlag würden die Kunden davonlaufen, die Kasse ginge Konkurs», sagt Indra.

Ganzes System in Gefahr

Die Krankenkassen stehen im Wettbewerb untereinander. Wieso lässt das BAG nicht einfach nach marktwirtschaftlicher Logik jene Kassen absterben, die im Wettbewerb nicht bestehen? Zumal ja die Versicherten bei einem Konkurs ihrer Kasse keinen Schaden davontrügen – dank des gesetzlichen Versicherungsobligatoriums müssten andere Versicherer sie aufnehmen.

«Verschwindet eine kleine Kasse mit 1000, 2000 Kunden wäre das vielleicht nicht so tragisch», entgegnet Indra. «Doch wenn ein Versicherer mit 100000 Kunden Konkurs ginge, hätte das gravierende Folgen für die Stabilität des Systems. Denn die verbleibenden Kassen, die plötzlich mit tausenden Neukunden überschwemmt würden, wären völlig überfordert.» Deshalb sei es sinnvoller, taumelnden Kassen unter die Arme zu greifen.

Versicherte können sich wehren

Indra zeigt sich optimistisch, dass höchstens ein kleiner Teil der 18 betroffenen Unternehmen im nächsten Sommer tatsächlich an der Prämienschraube drehen muss: «Die Massnahmen zur Kosteneindämmung im Gesundheitswesen sollten bis dann greifen. Und dank höheren Börsenkursen könnten die Kassen ihre Reserven aufstocken», erklärt der BAG-Vize.

Und selbst wenn doch eine ausserordentliche Prämienerhöhung mitten im Jahr fällig wird: Die Versicherten müssen diese nicht akzeptieren. Die Krankenkasse muss den Aufschlag zwei Monate vor dem Stichtag mitteilen. Dann haben die Kunden einen Monat Zeit, um den Vertrag zu kündigen. «Alle anderen Kassen müssen die Wechselwilligen in der Grundversicherung aufnehmen, auch unter dem Jahr», betont Peter Indra.

Nicht nur auf die tiefste Prämie achten

Angesichts der massiv höheren Krankenkassen-Prämien fürs Jahr 2010 überlegen sich viele Schweizer derzeit einen Wechsel zu billigeren Anbietern. Gesundheitsökonom Heinz Locher rät ihnen aber, nicht nur auf die Höhe der Prämien zu schauen. «Ziehen Sie auch die Unterschiede bei den Dienstleistungen der Kassen in Betracht. Und Achtung: Es ist nicht unbedingt vorteilhaft, zu einer Kasse mit enorm tiefen Prämien zu wechseln», so Locher. Denn wenn diese von Neukunden überschwemmt werde, steige die Gefahr, dass sie die Prämien in ein, zwei Jahren massiv erhöhen müsse. Entscheidend für einen funktionierenden Markt ist in den Augen Lochers die Transparenz. «Diese wird dank Diensten wie Comparis immer besser: Ein informierter Konsument trifft die besten Entscheide», meint der Experte. (hhs)
play Pascal Couchepin hinterlässt Nachfolger Didier Burkhalter ein schweres Erbe: Muss sich der Neuenburger schon im nächsten Sommer mit dem nächsten Prämienschock herumschlagen? (Keystone)

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