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Oberster Bähnler: Gygi letzte Woche zu Besuch im Bahnhof Oerlikon. (Karl-Heinz Hug)
Herr Gygi, der Luftverkehr ist zusammengebrochen. Das ist die grosse Chance für die SBB, Züge in den Norden zu schicken!
Ulrich Gygi: In der Schweiz sind wir in der Lage, die notwendige Kapazität kurzfristig bereitzustellen. Das haben wir bei Grossanlässen schon mehrfach bewiesen. International sind uns aber die Hände gebunden. Nach heutiger Rechtslage dürfen wir nicht autonom ins Ausland fahren.
Im Inland transportieren die SBB heute täglich 900 000 Personen. Immer mehr Kunden heisst immer weniger Platz. Wie wollen Sie dieser Falle entkommen?
Mehr Kunden würden nur dann weniger Platz bedeuten, wenn wir keine neuen Züge einsetzten. Wir haben aber massiv aufgerüstet beim Rollmaterial. Bis 2030 investieren wir weitere 20 Milliarden Franken in neue Züge. Nur in einzelnen S-Bahnen gibt es Spitzen, in denen Leute stehen müssen.
Mehr Kunden heisst mehr Belastung und stärkere Abnützung, sprich höhere Kosten.
Die Eisenbahn ist nun mal eine handfeste Sache. Räder, Schienen und Fahrleitungen reiben sich ab. Wichtig ist, dass man die Infrastruktur nicht verkommen lässt, sonst bringt man sie kaum mehr hoch. Wir haben eine Untersuchung gemacht und festgestellt: Die Infrastruktur ist in einem guten Zustand, aber beim Unterhalt haben wir in den nächsten Jahren einen Nachholbedarf von 1,35 Milliarden.
Nachholbedarf heisst übersetzt: Ihre Vorgänger haben die Infrastruktur verlottern lassen!
Die Frage wurde mir auch im Parlament gestellt. Dort wie hier gilt: Es wäre unfair, das zu sagen.
Aber wahr. Darf der Neue nicht sagen: Die Alten haben geschlampt?
Nein, es wäre auch falsch. Die Infrastruktur und deren Unterhalt werden vom Bund finanziert. Dazu handelt man Leistungsvereinbarungen aus. Das ist immer ein wenig ein Basar. Die SBB machen Vorschläge, der Bund geht meist davon aus, dass Luft drin ist, und verlangt Abschläge.
Den SBB fehlen über 1,3 Milliarden für den Unterhalt. Wer soll das Loch stopfen?
Erstens die SBB selber – wir müssen so schlank wie möglich produzieren. Dann der Bund: Ihm obliegt die Finanzierung der ungedeckten Infrastrukturkosten. Schliesslich müssen auch die Bahnbenutzer ihren Beitrag leisten.
Geht es mit den SBB-Tarifen bald gleich wie mit den Krankenkassenprämien?
Nein, aber man sollte das Unangenehme nicht aufschieben. Es ist besser, die Tarife jährlich in homöopathischen Dosen um drei, vier Prozente anzuheben, als alle fünf oder zehn Jahre Preiserhöhungen von 20 oder 30 Prozent durchzuführen.
Bieten Sie denn mehr für den höheren Preis?
Ich möchte keine lineare Erhöhung, sondern abgestuft nach Fahrausweiskategorie, Kundenkategorie, idealerweise ein Angebot mit Preisschildern versehen nach Qualität und Komfort. Schnellzüge ohne Halt sind teurer als langsame, Züge ausserhalb der Spitzenzeiten kosten weniger, Services wären zusätzlich zu bezahlen. Wir wollen aber ein offenes System beibehalten. Jeder soll jederzeit einen Zug besteigen können. Ideal wäre ein Chip. Beim Aussteigen wird der Preis für das benutzte Angebot abgebucht.
Kommt diese Lösung bald?
Nein, das sind Visionen. Wir sind im Verbund mit 172 Unternehmen. Die haben alle ihre eigene Optik. Da gibt es Störpotenzial.
Ihre Vision bleibt eine Vision?
Nein, ich gebe die nicht auf! Ich bin aber nicht in der Lage zu beurteilen, wie rasch das realisierbar ist. Wenn ich sehe, wie das 9-Uhr-GA abgelehnt wurde, müsste ich pessimistisch sein. Aber ich glaube an den technischen Fortschritt und die Kraft guter Argumente.
Manche Passagiere verspeisen ganze Menüs im Zug, die Sauberkeit leidet darunter, auch der Geruch ist störend. Was tun Sie dagegen?
Der Niedergang der Sitten schlägt sich auch bei uns nieder. Wir stellen deshalb zusätzliches Personal an, das tagsüber und während der Fahrt die Züge säubert. Wir appellieren an den Anstand der Kunden, mit Verboten ist es nicht zu machen. Vielleicht könnten wir aber ein Signet für essensfreie Zone anbringen. (lacht)
Lesen Sie das ganze Interview im SonntagsBlick von heute.
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Vertieft: Gygi mit den SonntagsBlick-Redaktoren Britschgi (Mitte) und Schätti. (Karl-Heinz Hug)