Migros-Chef Herbert Bolliger «Ich weiss nicht, ob ich als Indianer bei Lidl einkaufen darf»

  • Publiziert: 19.03.2009, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Bernhard Weissberg , Marcel Speiser & Philippe Rossier (Fotos)

Migros-Chef Herbert Bolliger legt ein 5-Milliarden-Konjunkturprogramm auf. Und erklärt, weshalb die deutschen Discounter Stellen im Handel vernichten.

Blick: Herr Bolliger, heute ist der 19. März. Was ist das für ein Tag?
Bolliger: Ist schon Frühlingsanfang?

Nicht ganz. Noch ein Versuch.
Ein Donnerstag wie jeder andere?

Auch nicht. Ab heute geht Lidl auf Ihre Kunden los!
Das ist für uns kein besonderes Ereignis.

Sie haben sich nicht auf die neue Konkurrenz vorbereitet?
Nein. Das machen wir nie. Wir haben seit Jahren eine klare Strategie und arbeiten an deren Umsetzung. An unserer Effizienz arbeiten wir jeden Tag.

Schön und gut. Aber mit Lidl ist jetzt ein aggressiver Billig-Discounter am Start.
Und? Der Konsument, der nur auf den Preis schaut, wird auch bei uns in der Migros bestens bedient. 400 Artikel des täglichen Bedarfs findet er nirgends günstiger. Auch nicht bei Lidl. Dieser ist einfach noch eine Einkaufsmöglichkeit mehr.

Die vor allem Ihrem Discounter Denner Sorgen machen muss!
Wichtig ist: Denner ist der Schweizer Discounter. Er hat 700 Läden. Nicht nur 13 wie Lidl. Denner ist also nicht nur Discounter, sondern Nahversorger. Zudem: Schon als Aldi in der Schweiz startete, hat man Denner totgesagt. Doch dem Schweizer Discounter gehts prächtig!

Also ändert sich gar nichts?
Das habe ich nicht gesagt. Mit Lidl kommt eine weitere deutsche Geldmaschine in die Schweiz.

Geldmaschine?
Aldi und Lidl sind sehr erfolgreich. Doch alles, was sie bei uns verdienen, fliesst nach Deutschland ab. Und macht die milliardenschweren Besitzer einfach noch reicher.

Kauft nicht beim deutschen Discounter. Ist es das, was Sie uns sagen wollen?
Nein! Aber ich als Schweizer Konsument bin verunsichert. Darf ich bei Lidl einkaufen? Jetzt, wo uns der deutsche Finanzminister Steinbrück auf der schwarzen Liste hat. Ich weiss ja nicht einmal, ob ich als Indianer bei Lidl mein Pferd anbinden kann! Bin ich überhaupt erwünscht?

Also doch! Kauft nicht bei den deutschen Cowboys!
Nochmals: Nein! Aber der Schweizer Konsument muss wissen, was er an der Migros hat: Wir sind eine Genossenschaft, sind der beste Frischeanbieter, haben eine grosse Auswahl, bieten Service und Bedienung, setzen uns für eine naturnahe Landwirtschaft ein. Die Migros steht für 3000 Lehrstellen, fürs Kulturprozent, für einen guten Gesamtarbeitsvertrag, für Umweltschutz. Was die Migros erwirtschaftet, bleibt im Land. Wir sind mehr als nur günstige Preise.

Klingt gut. Aber: Können sich die Konsumenten den Luxus Migros in der Krise noch leisten?
Was heisst hier Luxus? In der Migros bekommt der Kunde erwiesenermassen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Und volkswirtschaftlich ist die Sache klar: Mehr Discount bedeutet schlicht weniger Stellen im Detailhandel. Das sollte man nicht vergessen.

Der Konsument interessiert sich in der Krise aber für den Preis.
Rezessionen waren bislang immer gut für die Migros . Wegen den garantierten Tiefstpreisen und dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und weil wir im Gegensatz zu den Deutschen wie gesagt noch mehr bieten.

Wie siehts denn konkret in den letzten zweieinhalb Monaten aus? Spüren Sie die Krise?
Ich gehe für 2009 von einem Umsatzplus von 2 Prozent aus. In diesem Rahmen bewegen wir uns.

Wären Sie Doris Leuthard dankbar, wenn sie ein Konjunkturprogramm mit Konsum-Gutscheinen lancieren würde?
Die Migros braucht keine Staatshilfe. Was den Konsumenten helfen würde, wäre endlich eine Lösung bei den Krankenkassenprämien. Jedes Jahr 10 Prozent teurere Prämien: Da gehts um viel Geld. Das macht den Leuten Angst.

Sie halten also nichts von Konjunkturankurbelung?
Ich habe nichts gegen Konjunkturprogramme. Aber die zwei bisherigen Päckli umfassen 1,6 Milliarden. So viel investiert die Migros fast jedes Jahr! Bis 2011 investieren wir 5 Milliarden. Alles in der Schweiz!

Bolliger statt Leuthard im Volkswirtschaftsdepartement?
Sicher nicht! Aber unsere 5 Milliarden sind ein Faktor. Davon profitieren zig kleine und mittlere Firmen.

Was machen Sie mit dem Geld?
Zwei Drittel stecken wir in die Erneuerung und in die Energieeffizienz unserer Läden. Vor allen in grossen, älteren Einkaufszentren.

Wo zum Beispiel?
Im Zentrum Oberland in Thun, im Tivoli Spreitenbach, im Länderpark in Stans oder im Rosenberg Winterthur.

Was heisst Energieeffizienz konkret?
Die Migros hat in den letzten 15 Jahren so viel Energie gespart, wie 350 000 Einfamilienhäuser pro Jahr verbrauchen. Trotz viel mehr Verkaufsfläche.

Und wohin geht das andere Drittel?
In die Industrie. Unser Milchverarbeiter Elsa zum Beispiel investiert 60 Millionen. Das ist ein Bekenntnis zur Schweizer Landwirtschaft. Und eine grosse Baustelle ist in Bischofszell. Dort stellt die Migros alle Convenience-Produkte her.

Und den Online-Handel lassen Sie links liegen?
Nein. LeShop ist so erfolgreich, dass es bald ein drittes Rüstzentrum braucht. Derzeit machen wir 120 Millionen Umsatz, bald sind es 140. Dann muss das dritte Zentrum her. Zudem: Mit fast einer halben Milliarde Internet-Umsatz insgesamt sind wir ganz klar die Nummer 1 in der Schweiz.

Wann schreibt die Migros die Preise nicht mehr auf dem Produkt, sondern nur am Regal an?
Noch ist nichts entschieden. Zuständig ist die Delegiertenversammlung, also quasi unsere Generalversammlung. Die trifft sich Ende März. Dort wird entschieden.

Wann wird umgestellt?
Erst muss die Delegiertenversammlung formell entscheiden. Klar ist: Die Umstellung erfolgt nicht von heute auf morgen. Wir müssen erst die internen Voraussetzungen schaffen.

Wie lange dauert das?
Es ist ein mittelfristiges Projekt. Mehr sage ich nicht.

Aber die Migros stellt um?
Sicher ist: Wir sind der weltweit letzte Händler, der die Preise noch am Produkt anschreibt.

Was haben Sie letztes Jahr verdient, Herr Bolliger?
Die 7 Personen in der Generaldirektion haben im Schnitt je 660000 Franken bekommen. Ich selbst habe ein bisschen mehr verdient.

Heute in der Zeitung

Lidl: Chips von Migros
> im BLICK, Seite 10

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