Bankier Konrad Hummler «Ich reise nicht mehr in die USA»

  • Publiziert: 29.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Guido Schätti
play Misstrauisch: Konrad Hummler in der Bank Wegelin, dem ältesten Bankhaus der Schweiz. (Keystone)

Der Präsident der Privatbankiers fürchtet, die USA könnten ihn verhaften – obwohl er keine Gesetze gebrochen habe.

Schweizer Banken setzen ihre US-Kunden reihenweise vor die Tür. Konrad Hummler (56) geht einen Schritt weiter: Der Teilhaber der St. Galler Privatbank Wegelin ruft zum Ausstieg aus US-Anlagen auf. Seinen Kunden rät er, alle amerikanischen Wertpapiere abzustossen. Wer das nicht will, muss die Bank wechseln.

Herr Hummler, Sie stellen die USA als verbrecherisches Regime dar. Schiessen Sie nicht übers Ziel hinaus?
Konrad Hummler:
Ich habe die USA nicht als verbrecherisches Regime bezeichnet, sondern nur gefordert, dass man denselben moralischen Massstab, mit dem man über Steuersünder urteilt, auch auf den Staat anwendet, der die Mittel verwendet. Die USA gehören zu den aggressivsten Nationen überhaupt. Ethische Fragen sind durchaus angebracht.

Ihr Angriff auf die USA strotzt vor Antiamerikanismus.
Es ist kein Angriff auf die USA! Wie sollte ich auch dazu kommen? Ich habe aber mit grossem Vergnügen gelesen, das Papier sei in der Sprache der linken Bewegung der 70er-Jahre verfasst.

Die Verschärfungen im US-Steuerrecht sind noch nicht in Kraft und bereits rufen Sie zum Ausstieg aus US-Wertschriften auf.
Unsere Aufgabe ist es, die Kunden auf wahrscheinliche Entwicklungen vorzubereiten. Im neuen amerikanischen Erbschaftssteuerrecht genügt für Nicht-Amerikaner bereits der Besitz einer US-Aktie, damit sie erbschaftssteuerpflichtig werden. Bis jetzt konnten die US-Behörden das Geld nicht einfordern, da sie nicht wussten, wer alles US-Wertschriften besitzt.

Und das ändert sich jetzt?
Die Gefahr ist gross, dass die US-Steuerbehörden durch die Verschärfung des Qualified-Intermediary-Abkommens zwischen den USA und ausländischen Banken künftig über solche Daten verfügen werden.

Was wäre die Folge?
Am schlimmsten wäre, wenn die Amerikaner rückwirkend sagen würden: «Ihr hättet schon lange Steuern bezahlen müssen.» Das ist im Fall UBS geschehen. Das Qualified Intermediary hatte eine Lücke, welche die UBS ausnutzte. Im Nachhinein schrien die USA: «Missbrauch!»

Reisen Sie noch in die USA?
Nein, dort bin ich derzeit wohl nicht sehr beliebt.

Haben Sie Angst vor einer Festnahme?
Die Amerikaner würden mich wohl an der Grenze festhalten.

Und Ihre Partner bei Wegelin: Reisen die noch in die USA?
Nein. Wir hatten nie ein aktives USA-Geschäft, deshalb ist das kein grosser Einschnitt. Schade ist aber, dass wir unsere Wohnung in New York aufgeben mussten.

Sie hatten dort eine Wohnung?
Wir haben unsere Leute zur Brokerprüfung an der New Yorker Börse geschickt, weil die sehr gut ist. In dieser Zeit wohnten sie in der Wohnung.

Gab es dort Kundentreffen?
Nein, wir haben nie Geschäftsreisen oder Akquisitionen in den USA gemacht.

Hat die Bank Wegelin das Schlupfloch im QI ausgenutzt?
Nein, ich hatte schon im Jahr 2001 den Verdacht, dass das zur Falle werden könnte.

Warum fürchten Sie sich dann vor einer Einreise in die USA?
Ich glaube, dass ich auf einer Liste als Persona non grata aufgeführt bin. Ich habe keine Lust darauf, eine Nacht in einer Zelle am Kennedy Airport zu verbringen.

Befürchten Sie eine Zivilklage à la UBS gegen die Bank?
Wir sind auf US-Territorium nicht aktiv, deshalb ist das nicht möglich. Ich rechne aber mit Amtshilfegesuchen. Es reicht, wenn ein US-Bürger eine Selbstanklage macht und dabei die Bank Wegelin erwähnt.

Bei der Zürcher Kantonalbank müssen ausländische Kunden offenlegen, ob ihr Geld versteuert ist. Was halten Sie davon?
Das ist nicht zielführend. Die Kunden können lügen. Zudem ist schwer vorauszusagen, ob das Geld in Zukunft versteuert wird. Bei solchen Regeln übernimmt die Bank die Verantwortung der Steuerpflicht. Das ist mir unsympathisch. Eine solche Idee kann nur von einer Kantonalbank stammen.

Wie wollen Sie das Steuerproblem lösen?
Mit einer Abgeltungssteuer auf sämtlichen Vermögenserträgen. Dann hat der Kunde keine Wahl mehr, zu versteuern oder nicht, weil ihm das Geld einfach abgezogen wird. Die Schweiz würde den Ruf los, der Finanzplatz lebe nur von der Beihilfe zur Steuerflucht. Das ist nicht mein Weltbild für die Schweiz. Wir müssen mit dem Ausland ins Reine kommen.

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