Fast 150'000 Schweizer können von ihrem Lohn nicht leben «Ich kann mir meinen Beruf nicht leisten»

  • Publiziert: 08.10.2012
  • Von Iréne Harnischberg
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Angelika (21) arbeitet als Coiffeuse. Sie verdient für 80 Prozent 2800 Franken brutto. Sie sagt: «Wäre ich noch einmal 15, würde ich mich anders entscheiden!»

(Siggi Bucher)

Das Erfolgsmodell der Berufslehre ist durch Tieflöhne und schlechte Arbeitsbedingungen gefährdet.

In der Schweiz entscheiden sich zwei Drittel der Jugendlichen für eine Berufslehre. Für Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ist die Berufsbildung ganz klar «ein Erfolgsrezept». Und im Ausland beneidet man uns darum.

Doch dieses Erfolgsmodell ist gefährdet. Denn nach dem Lehrabschluss droht vielen Berufsleuten mittlerweile der Gang aufs Sozialamt. Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten 2010 rund 360000 Beschäftige für einen Tieflohn. Besonders bitter: 143400 davon haben eine abgeschlossenen Berufslehre mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis.

Als Tieflohn gilt ein Monatslohn von 3679 Franken, der 13-mal im Jahr ausbezahlt wird. Wer keinen «Dreizehnten» bekommt und pro Monat weniger als 3986 Franken verdient, gilt ebenfalls als «Tieflöhner».

BLICK traf einen von ihnen: Angelika* ist 21 und arbeitet seit fünf Jahren als Coif­feuse. «Wäre ich nochmals 15, würde ich mich unter diesen Umständen für einen anderen Beruf entscheiden», sagt die junge Frau aus der Zentralschweiz. Eigentlich ist Coiffeuse ihr Traumberuf. Doch die harte Realität hat sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sie verdient für ihren 80-Prozent-Job rund 2800 Franken.

Im Portemonnaie sind es 2500 Franken. Für 100 Prozent hätte sie am Ende des Monats brutto 3500 Franken. Und das, nachdem sie nach der Sekundarschule eine dreijährige Lehre absolviert hat. Sie regt sich auf, wenn sie über ihren schlechten Lohn spricht. Denn eigentlich hat ihr die Arbeitgeberin versprochen, nach der Probezeit mehr Lohn zu zahlen. Doch dem ist nicht so.

Leere Versprechungen und schlechte Arbeitsbedingungen

Der Job als Coiffeuse im Kleinbetrieb mit sechs Angestellten ist ein harter Job. 43-Stunden-Woche, vier Wochen Ferien, Überzeit dürfen die Coiffeusen nicht aufschreiben. Und das Werkzeug muss jede selber kaufen. «Ich liebe den Beruf. Doch durch die schlechten Arbeitsbedingungen und den schlechten Lohn wird mir die Freude daran zerstört», sagt die junge Frau, die mit ihren Geschwistern noch bei den Eltern wohnt. Ausziehen ist zurzeit keine Option. Sie verdient zu wenig.

Angesichts der schlechten Ausgangslage hat sie sich entschieden: «Ich will mich so schnell wie möglich beruflich verändern.» Die junge Frau hat bereits ein Bürofachdiplom in der Tasche. Im letzten Sommer hat sie nun auch noch eine Weiterbildung für ein höheres Fachdiplom angefangen. Nächsten Sommer schliesst sie die Schule ab.

Bereits begonnen hat sie mit Bewerbungen. Alle Arbeitgeber wollen aber jemanden mit Berufserfahrung. «Das kann ich ihnen noch nicht bieten», sagt die 21-Jährige. Doch könnte sie wünschen, würde sie am liebsten als Coiffeuse weiterarbeiten, allerdings nur bei höherem Lohn und besseren Arbeitsbedingungen. «Der Beruf gefällt mir sehr, ich kann kreativ arbeiten und habe Kontakt mit Menschen.» Eines Tages möchte sie auch eine Familie. Doch sie weiss: Mit diesem Lohn wird sie keine Familie ernähren können.

*Name der Redaktion bekannt

Beliebteste Kommentare

  • beat  Sterchi , Lyss
    Auch ich kenne das Problem. Ich bin 28 Jahre alt und hatte mich vor 12 Jahren für die Logistik- Berufslehre entschieden. Nach der Lehre gab es dann 3600.-Fr., was mit 18 Jahren ein schöner Lohn war. Heute, 10 Jahre später und nach der teuren Ausbildung zum Logistikfachmann verdiene ich Brutto 4600.- Fr. Ich lebe mit meiner Freundin und unserer 6- monate akten Tochter zusammen. Netto bleiben 4015.- fr. Übrig. Davon 1240.- Fr Miete, 880.- Fr. Krankenkasse und 650.- Fr. Steuern pro Monat. Dann bleiben noch 1500.- Fr. Dann kommen diverse weitere Posten dazu. Am Schluss bleiben noch 300.- Fr. Übrig. Auto können wir uns so keines leisten. Erst als meine Freundin anfing, jeweils Samstags zu arbeiten, gings rauf... Aber kann das die Lösung sein? Das eine kleine Familie mit einem Baby heute einen 120 Prozent- job braucht, nur um über die Runden zu kommen? Auch ich würde mich heute anders entscheiden
  • Steve  Schärer , Basel
    Wenn wunderst. Steuerämter, bei denen man alles zwei bis dreifach versteuern muss. Krankenkassen wie Sympanie die Prämiengelder veruntreuen für Fernsehwerbung, Sponsorenbeiträge für Sportvereine usw.usw.

Alle Kommentare (106)

  • Daniel  Hofmann , via Facebook
    Es gibt keine Gerechtigkeit bei der Entlohnung, es gibt immer Menschen die sehr viel verdienen, was wenige sind, denn der grossteil wird immer im vergleich zu jenen sehr wenig verdienen. Nehmen wir mal an, jeder fürde egal welche Tätigkeit auf 100 Prozent 43Std Pro Woche, 6000 Franken Brutto verdienen. Was würde dann das Leben Kosten? Was würde dann ein Brot kosten? Das was FALSCH läuft, ist, dass jene die Millionen, Milliarden haben, diese Irgendwo BUNKERN, wie Dagobert Duck. SIE ENTZIEHEN der Wirtschaft und dem STAAT, dem VOLK das GELD. Aber keiner will an die Reichen sich ran wagen, diese viel Härter Besteuern. Die Millionäre / Milliadäre haben alleine in Deutschland Ihr Vermögen im Schnitt trotz Krise um 4 Prozent ERHÖHT. Dem Staat fehlt jenes GELD und er holt es sich bei WEM, beim KLEINEM BÜRGER. Es werden Steuern erhöht, Irgendwelche Gebühren 7 Abgaben erfunden, um mehr Geld in die Staatskasse zu spülen. Das Geld bei den Reichen, das holt man nicht, aus ANGST. Was wenn die Reichen Ihr Vermögen Auslagern, Ihren Firmensitz Verlegen und bla bla.
    • 09.10.2012
    • 33
    • 7
  • Sibylle  Corrodi , Thayngen
    Als wir heiratetetn und bald darauf das erste Kind kam, hatten wir 3700.- Lohn Netto, die Wohnung kostete 1900 inkl. NK und es hat gereicht. Mein Mann hat trotz der 4-jährigen Schreinerlehre nicht mehr verdient. Ein Handy lag nicht drin... Ferienreisen auch nicht... Einen Fernseher hatten wir auch nicht, etc... Die ständige Nörgelei ums Geld, ist in der Schweiz "Jammern auf hohem Niveau". Wir mussten auf vieles verzichten und waren trotzdem glücklich!
  • Emmanuel  Mindanao
    die Lohnschere ist eine Frechheit und es stimmt, dass die Angestellten immer mehr zu Kämpfen haben, während sich die Teppichettage die Kravattennadel vergolden lässt. Nur muss man ganz klar sehen, dass wir 20 Jahre lang einfach zu gut gelebt haben. Unsere Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern, die mussten noch viel mehr chrampfen für noch viel weniger Geld. Wenn Jugendliche ein Iphone haben, mit 200 Franken Turnschuhen durchs leben laufen und ohne jemals gearbeitet zu haben alleine in die Ferien fliegen dürfen und können, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Da kann das Geld einfach nicht reichen. Wir müssen jetzt einfach ein paar Gänge runter Schalten, vor allem wenn es darum geht, die Kinder zu verwöhnen und zu verweichlichen.
  •   Heinz Knauser , z.Zeit in Thailand
    Ja nette liebe Träumer und links Wähler!
    Das habt Ihr nun davon.
    Ja und es wird noch schlimmer.
    Die Schweizer Berufsleute gehen Stempeln so lang das geht!
    Die Zuwanderer haben die Jobs!
    Gutes System oder?
    Ja der Bundesrat hat mit der PFZ und der Ventilklausel alle verarscht!
    Hoffe sehnlichst dass es zuerst die links Wähler trifft!
    Die einzigen Glücklichen sind die Unternehmer!!
    Guter Rat:
    Hirn einschalten bei den nächsten Wahlen, damit der Wahnsinn noch gestoppt werden kann!
  •   Heinz Knauser , z.Zeit in Thailand
    Ja die Personen Freizügigkeit macht sich spürbar.
    Leider in negativer Form.
    Die Löhne sind im freien Fall.
    Aber was solls?
    Wir haben ja die tolle Ventilklausel!
    Nur versteht Sie der Bundesrat nicht!
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