Hotelplan-Chef Thomas Stirnimann (53) im Interview Sind Schweizer Touristen ängstlicher als Deutsche?

ZÜRICH - Thomas Stirnimann (53), Chef der Hotelplan Gruppe, zu Terrorismus, Badesaison, Geschäftszahlen und neuen Zusammenarbeit mit Google.

Thomas Stirnimann play
Valeriano Di Domenico

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 SBB-Personenverkehrs-Chefin Jeannine Pilloud über ein Jahr Swisspass ...
2 Banken-Boss muss sich bei 75'000 Menschen entschuldigen Sorry für...
3 Naturschützer laufen Sturm gegen den grünen Strom Windenergie im...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
2 shares
14 Kommentare
Fehler
Melden

Herr Stirnimann, Flüchtlingsschwemme, Terrorgefahr, Jobabbau: Werden Ferien auf Balkonien, also zu Hause, zum neuen Trend?

Thomas Stirnimann: Balkon-Ferien werden flächendeckend nicht zum Trend. Kunden sind aber verunsichert, das Reiseverhalten verschiebt sich.

Inwiefern?

Uns beschäftigt sehr, dass immer kurzfristiger gebucht wird und Kunden in andere Destinationen ausweichen.

Das sagen Sie jetzt so cool. Aber Topdestinationen für Badeferien in der Türkei, Tunesien und Ägypten waren an der Reisemesse ITB Ladenhüter.

Okay. Nach den Anschlägen in Tunesien lief dort touristisch nicht mehr viel. Das ist eine Tragödie für das Land. Auch Ägypten wurde davon erfasst. Mittlerweile gibt es auf dem Sinai Geisterstädte. Das ist schon unheimlich. Griechenland kämpft mit den Flüchtlingen und jetzt noch die Türkei...

Nach den jüngsten Terrorakten schloss die deutsche Botschaft in Ankara, Korrespondenten werden aus der Türkei abgezogen.

Dafür registrieren wir Zuwächse nach Australien, Finnland, Zypern, Portugal und Irland.

Mal ehrlich, so grosse Destinationen wie Türkei oder Ägypten können diese Ziele nicht wettmachen.

Das ist richtig. Wir müssen aber auch nicht von einem Ferienverzicht sprechen. Konsumenten bewegt halt, wenn sie Bilder von Anschlägen im TV sehen.

Stimmt es, dass Buchungen in der Türkei über 40 Prozent eingebrochen sind?

Ja, das ist auch bei Hotelplan Suisse der aktuelle Stand.

Nach Paris im letzten Jahr erfasst die Terrorwelle nun Brüssel im Herzen Europas.

Dies ist eine schreckliche Nachricht, die uns sehr schockiert. Wir sind in Gedanken bei den betroffenen Familien.
 
Bricht jetzt auch noch das Geschäft mit den Städte-Touristen ein?

Wir merken, dass die Nachfrage nach grösseren Städten und den „Klassikern“ wie Paris oder London gegenüber Vorjahr markant gesunken ist. Hingegen weichen Kunden eher auf „kleinere“ Städte wie Wien, Barcelona oder auch die nordischen Städte Stockholm, Oslo oder Kopenhagen aus.  
 
Melden sich viele besorgte Schweizer in diesen Tagen bei Hotelplan?

Vor allem nach Negativ-Meldungen wie beispielsweise der gestrige Anschlag in Brüssel sind Kunden sensibler und informieren sich wieder vermehrt über die aktuelle Situation in den Reisebüros.

Wie ist der Buchungsstand für die kommende Badesaison?

Unter dem Strich sieht es jetzt gerade weniger gut aus wie im Vorjahr. Zahlen nenne ich keine, weil sich die Lage schnell wieder ändern kann.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Wir haben in den letzten drei Wochen so viele USA-Buchungen gehabt wie in den letzten vier Jahren nicht mehr.

Woran liegt der USA-Boom?

Sicher nicht an Donald Trump, der gerade für die US-Präsidentschaft kandidiert (lacht).

Sind Schweizer ängstlicher als Deutsche oder Italiener?

Ich habe keine Angsthasen-Skala parat. Engländer reagieren gelassener als alle anderen in Europa, Italiener neigen eher zum Übertreiben. Wir Schweizer sind irgendwo dazwischen.

Bleiben Schweizer nicht doch mehr im Inland in diesem Sommer?

Hotelplan Suisse verzeichnet zwar mehr Inlandbuchungen gegenüber Vorjahr. Doch ein grundsätzlicher Verlust der Reiselust sehe ich nicht. Höchstens einen Buchungsstau – Reise-Entscheide werden verschoben.

Was halten Sie von deutschen Medienberichten, wonach sich der IS auf den Malediven ausbreiten?

Gewisse Geldströme der IS sollen möglicherweise über die Malediven abgewickelt werden.Gegenwärtig wird viel spekuliert, überall ploppen Informationsschnipsel auf. Da muss man schon aufpassen. Ich würde die Berichte nicht überbewerten.

Suchen Kunden darum wieder mehr Reisebüros auf?

Die Menschen suchen tatsächlich wieder häufiger Reisebüros auf. Kunden suchen einerseits eine zusätzliche Absicherung, im Falle, wenn etwas passieren solllte. Andererseits finden sie es bequemer, im Reisebüro zu buchen.

Was antworten die Reisebüros auf die Frage, welche Ferien-Länder gerade am sichersten sind?

Darauf gibt es keine Antwort. Es kann einem wirklich überall etwas passieren. Absolut sicher ist es nicht einmal auf Balkonien, um Ihr Bespiel zu nehmen. Wir arbeiten eng mit dem EDA zusammen und sind gut über die Lage in den Ländern informiert.

Mit den Kapazitäten in den Ausweich-Regionen kommen Sie doch nirgends hin!

In allen Ausweich-Destinationen gibt es im Moment noch genügend Kapazitäten für jedes Budget. Aber wir rechnen mit Engpässen, zum Beispiel in Portugal, Spanien und Italien. Ich habe aber die Türkei in diesem Jahr noch nicht abgeschrieben.

Wegen der Fussball-Europameisterschaft bleibt keiner zu Hause?

Ich denke wenige. Aber in Jahren mit einer Fussball-Europa- oder Weltmeisterschaft werden mehr um jene Events herum Ferien gebucht. Und das kurzfristiger.

Aber müssen kurzfristige Ferienentscheide nicht mit einem höheren Preis bezahlt werden?

Die Gefahr besteht. Beispiel: Gegenwärtig steigt die Nachfrage nach Spanien stark – und damit natürlich auch die Preise. Gleichzeitig steigt die Verfügbarkeit, da Flüge umdisponiert werden. Der Markt reagiert da immer sehr schnell und rigoros.

Was macht das mit dem Hotelplan-Geschäft, das immer unberechenbarer wird?

Wir kontern dem mit dynamischem Einkaufen und Paketieren. Über 50 Prozent im Badeferienbereich wickeln wir heute bereits damit ab. So können wir mitschwimmen über die Verschiebungen dieser Kapazität. Wir haben auch unsere Kapazitäten für Ferienwohnungen und -häuser aufgestockt, die in diesem Jahr stärker gefragt sind. Hier zeichnen sich bereits Engpässe ab.

Ein Jahr nach dem Frankenschock, ist der Euro-Wechselkurs noch ein grosses Thema für Sie?

Wir haben einen extrem schwachen Euro, der einschneidende Folgen für uns hatte. Wir mussten auf einen Schlag 20 Prozent billiger werden und sind das heute noch. Das drückt natürlich die Umsätze

Was heisst das fürs Geschäft von Hotelplan im letzten Jahr?

Der Umsatz der Hotelplan-Gruppe ging um 7.1 Prozent auf 1.3 Milliarden Franken zurück. Hotelplan Suisse hat rote Zahlen geschrieben. Unter dem Strich stehen auf Gruppenebene aber schwarze Zahlen.

IMAGE-ERROR

Kuoni Schweiz hat den mächtigen Rewe-Konzern im Rücken, Tui Suisse ein starkes Mutterhaus. Die Hotelplan Gruppe steht alleine da?

Wir haben die Migros im Rücken! Das ist doch auch nicht schlecht. Rewe-Touristik macht uns keine Angst. Wir sind der letzte verbleibende Fels in der Schweiz. Das sind alles Wellen von ausländischen Anbieter, die an uns rütteln.

Sie können sich behaupten?

Wir sind in der Schweiz Marktführer, wir sind schlank und gut aufgestellt.

Aber?

Eines dürfen wir nicht vergessen: Wir haben unsere Mitarbeiter in der Schweiz, zahlen Schweizer Löhne und Mieten. Unsere Produktionskosten sind zwangsläufig viel höher als in Hamburg, Berlin oder London.

Und trotzdem können Sie mit Kuoni und Tui mithalten?

Das liegt an der Produktivität. Wir sind effizienter als Kuoni oder Tui. Wir sind technologisch viel besser aufgestellt.

Sie haben sich letztes Jahr Kuoni genau angesehen und hätten sogar mehr geboten?

Wir haben uns nur für das Schweizer Reisegeschäft von Kuoni interessiert und hätten mit Sicherheit einen guten, angemessenen Preis dafür gezahlt.

Und welcher Preis wäre das gewesen?

(lacht) Wir hätten den Deal schnell über die Bühne gebracht. Aber man wollte nicht. Inzwischen hat die Markte Kuoni sehr schwer gelitten. Die negativen Berichte haben ja immer noch nicht aufgehört. Das ist nicht toll und gut fürs Unternehmen, für Mitarbeiter, nicht einmal für die Branche. Damit müssen die jetzigen Besitzer umgehen und nicht wir.

Trauern Sie dem geplatzten Deal mit Kuoni heute nach?   

Jein. Ich bin immer noch überzeugt, dass sowohl für Kuoni als auch für uns, ein Kauf das beste gewesen wäre. Dieser hätte uns als Schweizer Unternehmen wirklich stärker gemacht.

Was macht Ihr Mutterhaus Migros jetzt mit dem gesparten Geld?

Die Migros hat immer genug gute Ideen. Davon abgesehen wir auch. Wir haben in England kürzlich einen sehr guten Zukauf machen können. Das Unternehmen Explore ist im hochspezialisierten Rundreise-Segment Soft Adventure in 120 Ländern der Welt tätig. Wir haben nur einen Bruchteil des Geldes für das hochprofitable Unternehmen einsetzen müssen als für einen möglichen Kuoni-Kauf. Und haben erst noch ein erfolgreiches Unternehmen bekommen, das man nicht nur «flicken» muss.

Dann wäre es jetzt doch an der Zeit, sich auf den Verwaltungsrat zu konzentrieren und den CEO-Posten abzugeben..

Sie fragen Sachen. Nein, soweit bin ich noch nicht. Wir haben noch so viele spannende Projekte in unserer Pipeline.

IMAGE-ERROR

Inwiefern spannende Projekte?

Es wird in der Reisebranche in den nächsten vier bis fünf Jahren zu massiven Umwälzungen kommen. Google wird dabei ein wesentlicher Treiber sein.

Was hat Google mit Hotelplan zu tun?

Reisen ist für Google ein Megathema, wie wir aus vielen Gesprächen mit dem Unternehmen wissen. Google wandelt sich. Es wird von einer reinen Suchmaschine zu einer Reservationsplattform.

Sie bauen mit Google zusammen eine Reservationsplattform auf?

Es geht in diese Richtung. Wir sind auf vielen Ebenen in Kontakt mit dem US-Unternehmen.

Wir Zeitungen sind auch in Kontakt mit Google.

(lacht) Im ganzen E-Commercebereich arbeiten wir sehr eng mit Google zusammen. Das eröffnet uns grosse Optionen für die Zukunft.

Sie zeigen auf Ihr Handy. Wie bucht man den künftig Ferien?

Sie sprechen ins Smartphone mit der App Ok Google: «Eine Woche Ibiza, 14. Juni». Google zeigt Ihnen die besten Angebote an. Ihr Konto ist hinterlegt. Sie sagen «Buchen». Zack, fertig!

Und welche Rolle spielt Hotelplan dabei?

Die Informationen, die Google zur Verfügung hat, sind gigantisch. Wir müssen doch niemandem mehr sagen, was man  in Florenz so sieht. Das macht Google besser, und zwar in jeder Sprache der Welt. Google ist unschlagbar. Wir müssen schauen, dass unser Ferienangebot hinten angehängt ist.

Aber damit sind Sie doch nicht alleine. Die anderen wollen auch mit Google ins Geschäft kommen!

Man kann nicht einfach mit Google ins Geschäft kommen. Man muss einen Esprit, Knowhow und die Technologie mitbringen. Wir haben dieses Potenzial, und das weiss Google.

Dann arbeiten bei Ihnen bald nur noch Informatiker statt Reisefachleute?

Nein. Wir müssen uns fragen, was wir können. Und das ist Reisen verkaufen. Das ist gar nicht so einfach, wie man immer meint. Es braucht Bewilligungen, Lizenzen, gesetzliche Absicherungen. Das können wir beitragen.

Sie klagen nicht über die Digitalisierung, wie andere in der Branche?

Es ist eine Riesentransformation. Man kann mitarbeiten, oder man macht den Laden zu. Das alte Reisegeschäft ist kein Wachstumsmodell. Das können wir noch abschöpfen, aber das Wachstum ist im Internet. Und hier profitieren wir! 

Inwiefern?

Dank der Digitalisierung sind wir vollumfänglich konkurrenzfähig. Wir haben dieselben Angebote wie die Konkurrenten Tui oder Thomas Cook, die viel grösser sind als wir. Weil wir auf dieselben Hoteldatenbanken zurückgreifen können. Nein, klagen können wir nicht. Wir können optimistisch sein!

Sie wirken sehr entspannt. Liegt das auch daran, dass Sie im Februar Ferien in Thailand und Kambodscha verbracht haben?

Nein. Ich bin einfach schon sehr lange im Tourismus und daran gewöhnt, dass täglich etwas unerwartetes passieren kann. Es gibt praktisch kein Jahr ohne Katastrophe, Währungsschock oder Terroranschlag. Damit habe ich leben gelernt.

Publiziert am 23.03.2016 | Aktualisiert am 26.06.2016
teilen
teilen
2 shares
14 Kommentare
Fehler
Melden

14 Kommentare
  • Reto  Berger aus Zürich
    23.03.2016
    Reisebüros, gibt es sowas heute noch? Ich gehe seit mindesten 15 Jahren nie mehr in eines. Im Internet finde ich alles, was ich will, zahle nicht lange im Voraus, wechsle das Hotel wenns nicht passt, storniere wenns nicht mehr passt und bekomme die die aktuelle Lage aus den Ländern, die ich bereise. Und ich reise viel und gerne.
  • uli  Pulfer 23.03.2016
    Habe zum Glück ein Haus in Schweden gekauft. Ist auch schön dort.
  • rolf  sulzer 23.03.2016
    diese Frage ist in Bezug auf Schwachsinn kaum mehr zu übertreffen.
  • John   Kling aus venosa
    23.03.2016
    Grüeziwohl Herr Stirnimaa, wenn ich aus Selbstschutz oder Selbsterhaltungstrieb, eine TERROR Region meide, ist die Reiseagentur das letzte woran ich denke! Erst kommt meine Familie und ich, dann nochmals meine Familie und ich. Dann wenn ich nicht auf URLAUB verzichten will, wähle ich ein VERMUTLICH weniger RISIKOreiches Land, vielleicht die SCHWEIZ, Parahotelerie, auf dem Bauernhof.
  • Bea  Gräub aus Aargau
    23.03.2016
    Ja schade aber verständlich,nur man ist immer in Gefahr,auf der Strasse,in der Luft,u.s.w. im falschen Moment am falschen Ort und schon hat es einem erwischt