Hauseigentümer blasen zum Sturm auf den Eigenmietwert – mit Sackmesser, Bratwurst und Freibier Der gekaufte Jubel

BERN - Am 10. November reicht der Hauseigentümerverband seine Petition zur Abschaffung des Eigenmietwerts ein. Damit er nicht alleine feiert, greift er tief in die Tasche.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Lehrlinge zeigen ihren Arbeitsalltag Coop startet Snapchat-Offensive
2 Banker-Legende Oswald Grübel (73) über Trump «Nehmen Sie nichts für...
3 Trauriger Rekord Caritas-Märkte für Arme boomen

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
8 shares
32 Kommentare
Fehler
Melden

Im alten Ägypten machten die Familien eines Toten den Klageweibern Geschenke, wenn sie beim Trauerumzug schrien und weinten. Damit es auch ja alle mitbekamen. Heute macht in der Schweiz ein gewichtiger Verband seinen Mitgliedern Geschenke, wenn sie beim Einreichen von Unterschriftenbögen schreien und jubeln. Damit es auch ja alle mitbekommen.

Darum geht es: Der Hauseigentümerverband (HEV) reicht am 10. November seine Petition «Eigenmietwert abschaffen» ein. Er hat seine Mitglieder auf den Bundesplatz eingeladen. Platz hat es für maximal 2500 Unterstützer. Auf diese «wartet eine Geschenkbox im Wert von mindestens 50 Franken», dazu eine Gratis-Bratwurst und Getränke. Das verspricht der HEV in der Oktober-Ausgabe seiner Mitgliederzeitung «Der Schweizerische Hauseigentümer».

Michael Töngi macht sich für tiefere Mieten stark. play
Michael Töngi vom Mieterverband stört sich am HEV-«Volksfest». Grüne Luzern
Mieterverband kritisiert teure Geschenke

Dass Verbände oder Parteien für einen derartigen Aufmarsch bezahlen, ist in der Schweiz unüblich. «Ich habe noch nie erlebt, dass Anhänger mit so teuren Geschenken mobilisiert werden», sagt Michael Töngi (49), Generalsek­retär des Schweizerischen Mieterverbands (SMV), zu BLICK. «Der HEV jammert, dass seine Mitglieder wegen des Eigenmietwerts zu armen Tagen kommen. Gleichzeitig klotzt der Verband wie wahnsinnig. Das zeigt, dass er im Geld schwimmt.» Wenn man mit Geschenken locken müsse, könne der Leidensdruck an der Basis nicht so hoch sein.

2500 Geschenkböxli à mindestens 50 Franken, macht hochgerechnet 125'000 Franken. HEV-Direktor Ansgar Gmür (62) weist die Kritik aus dem linken Lager zurück: «Insgesamt geben wir niemals so viel aus. Wir kriegen Mengenrabatt.» Wie viel Geld der HEV genau für seine Unterstützer ausgibt, will er nicht sagen. Was in den Boxen drin ist, auch nicht. «Es soll eine Überraschung sein. Es werden zum Beispiel Artikel wie eine Winterkappe oder ein Sackmesser sein.»

Aktion nicht über Mitgliederbeiträge finanziert

Kann der HEV seine Mitglieder nur mobilisieren und nach Bern locken, wenn er wertvolle Gschenkli springen lässt? «Nein, sie würden sowieso kommen. Gehen Sie mal an eine Kantonalversammlung des HEV, dort sind jeweils Hunderte», sagt Gmür. Zudem werde die Aktion auf keinen Fall über Mitgliederbeiträge finanziert. «Wir haben andere Einnahmequellen. Zum Beispiel nehmen wir Geld mit der Werbung in unserer Mitgliederzeitung ein», sagt Gmür.

Das will die Petition

Die politische Angelegenheit ist kompliziert: Wer die Immobilie besitzt, in der er wohnt, muss Steuern auf ein fiktives Einkommen berappen: den Eigenmietwert. Jenes Geld also, dass er einnähme, würde statt ihm ein Mieter dort wohnen. Der HEV will die Möglichkeit schaffen, aus diesem Steuersystem auszusteigen. Wer drinbleiben möchte, dürfte das ebenfalls.

Denn das aktuelle System bringt verschuldeten Eigentümern Vorteile, weil sie Abzüge machen dürfen. Der SMV ist gegen diese Wahlfreiheit, Bund und Kantone hätten damit zu hohe Steuerausfälle. Ein HEV-Vorstoss hat die Abstimmung im Nationalrat überstanden, jetzt wäre der Ständerat dran. HEV-Direktor Ansgar Gmür (62) sagt aber: «Der Ständerat verschleppt das Thema, die Bevölkerung will das nicht mehr.» Die Unterschriftensammlung soll jetzt Druck machen.

Warum setzt der HEV auf eine Petition, und nicht auf eine ­Initiative? «Das Parlament sähe sich nicht mehr gezwungen, das Thema weiter zu behandeln.» Über 100 000 Unterschriften hat der HEV schon gesammelt.

Publiziert am 31.10.2016 | Aktualisiert am 10.11.2016
teilen
teilen
8 shares
32 Kommentare
Fehler
Melden

32 Kommentare
  • Heinz  Butz aus Sundlauenen
    01.11.2016
    Der Eigenmietwert ist völlig absurd. Ich habe ein kleines Haus gekauft. Mein Eigenmietwert beträgt Fr. 13000. Diese 13000 kommen zu meinem Einkommen aus AHV und BVG hinzu, also zu 35000, das ist gesamt 58000. ich bezahle nun Steuern auf 58000 und nicht auf 35000 und das nur weil ich mir ein Haus angespart habe. Ich werde also mit einigen tausend Franken gebüsst.Ist das gerecht?
  • Klaus  Müller 31.10.2016
    Die Eigenmietwertsbesteuerung hilft den Schweizer Durchschnittsbürger arm zu halten und zum Konsum zu zwingen. Wer spart, wird bestraft: Nullzins passt dazu. So erzeugt man Abhängigkeiten von Politik - Sozialleistungen und Wirtschaft - Job um jeden Preis. Das nützt schon einigen, nur eben dem Volk nicht. Viel sinnvoller wäre es, wenn sich Menschen etwas ohne Strafsteuern fürs Alter ansparen könnten, um dann unabhängiger zu sein.
  • Elsbeth  Schmid 31.10.2016
    Wieviele Nationalräte und Ständeräte halten die Hand bei Banken und Versicherungen hin. Der Eigenmietwert wird genau aus diesem Grunde nie abgeschafft. Die Banken und Versicherungen würden plötzlich mit Milliarden Bargeld überhäuft werden, da sehr viele Ihre Hypotheken abzahlen würden. Dies können die Banken und Vers. nicht zulassen. Sie würden nicht mehr am Zinsgeschäft verdienen und sie wüssten wie erwähnt nicht wohin mit den plötzlichen Milliardengelder. Die Eigenheimbesitzer werden abgezock
  • Martin  Weber 31.10.2016
    Ich bin Hausbesitzer und akzeptiere den Eigenmietwert, solange ich den Unterhalt abziehen darf. Der Eigenmietwert ist lediglich in seiner Höhe nicht mehr zeitgemäss - er ist je nach Region viel zu hoch angesetzt. Ein "normaler" Familienvater kann unmöglich mehrere Hunderttausend Franken zusammen sparen und damit die Hypothek zurück zahlen. Der schuldenfreie Hausbesitzer ist daher eher die Ausnahme, es sei denn, er ist steinreich - warum auch immer.
  • Andreas  Marty aus Einsiedeln
    31.10.2016
    Das System mit dem Eigenmietwert gibt es nur noch, weil der Hauseigentümerverband dass Privileg des Schulzinsenabzuges nicht aufgeben wollte. Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben. Jammern ist hier völlig deplaziert.
    • Fritz  Bähler aus Richterswil
      31.10.2016
      Der HEV fordert völlig realitätsfremd, dass bei einem Systemwechsel im Vergleich zu heute kein Wohneigentümer steuerlich schlechter fahren darf und schützt damit die einkommensstarken Wohneigentümer, die unter
      dem heutigen Regime massiv profitieren. Auch überlädt er seine
      seine Vorlagen derart, dass sie nicht mehrheitsfähig sind. Würde sich
      der HEV in Richtung des bundesrätlichen Lösungsansätze bewegen,
      die längst auf dem Tisch liegen, wäre das Problem schnell zur
      Zufriedenheit aller gelöst.