«Gratiszeitungen sind eine Übergangserscheinung»

  • Publiziert: 01.12.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Interview: Klaus Lange und Marc Walder
play Machtzentrale Axel-Springer-Hochhaus, Berlin-Mitte, 18. Stock: Mathias Döpfners Büro. An der Wand gerahmte Erst-ausgaben seiner Blätter. (Foto: Karl-Heinz Hug)

Der mächtigste Medienmanager Deutschlands gibt selten Interviews. Mit SonntagsBlick sprach er über die Zukunft der Zeitungen, über die Schweiz – und über sich selbst.

Herr Dr. Döpfner, in der Branche geht das böse Wort von der «Zeitungskrise» um. Welche Bedeutung haben die guten alten Blätter für einen international operierenden Medienkonzern? Ist Print noch ein Geschäft?
Mathias Döpfner: Mehr denn je. Unsere Zeitungen sind profitabel wie nie. Unser Haus erwirtschaftet im vierten Jahr Rekord-Ergebnisse. Ich bin dagegen, die sogenannte Krise so lange herbeizureden, bis sie eingetreten ist. Wir sind sogar mit neuen Konzepten erfolgreich. In Polen haben wir die Tageszeitung «Fakt» eingeführt, die nach zwei Jahren profitabel war. Natürlich gibt es strukturelle Veränderungen im Mediennutzungs-Verhalten. Für uns bedeutet das eine sehr grundlegende Herausforderung. Aber man kann das auch als Chance sehen.

«Bild» hat Auflage verloren – wie fast alle Tageszeitungen – betriebswirtschaftlich jedoch das erfolgreichste Jahr hinter sich. Wie ist dieses Kunststück gelungen?
Die «Bild-Zeitung» hat das nicht nur einmal geschafft, sondern dreimal in Folge. Der Auflagenverlust hängt mit einem erweiterten Medien-Angebot zusammen, die Menschen haben weniger Zeit und mehr Möglichkeiten zur Information. Für bestehende Titel ist Auflagenzuwachs daher die Ausnahme. Aber man kann vieles tun, um mit einer Zeitungsmarke erfolgreicher zu sein.

An was denken Sie da?
Das Wichtigste ist der Journalismus. Eine Zeitung wird gelesen wegen ihres Inhalts. Wenn der frisch ist, temperamentvoll, begeisternd und in einer eindringlichen Sprache geschrieben ... dann wird Journalismus immer sein Publikum finden. Ich glaube, dass eine starke Zeitungsmarke wie der BLICK, die «Bild-Zeitung», die «Frankfurter Allgemeine», die «Welt», die «Neue Zürcher Zeitung» viele Möglichkeiten hat, ihre Kompetenz, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Leidenschaft und ihr Profil auch auf anderen Vertriebswegen zu beweisen.

Könnten Sie das präzisieren?
Wachstum gelingt nur durch Innovation und eine konsequente Multimediastrategie. Konkret bedeutet das, dass eine Zeitung als Tageszeitung, als Sonntagszeitung, als Tochterblatt mit Spezialthemen wie Mode, Auto, Gesundheit oder Computer, als Online-Plattform mit Bewegtbild- und Audio-Inhalten und als Mobil-Service auf dem Handy zum Leser kommt. Der BLICK-Abonnement liest den Wetterbericht oder den Börsenteil seiner Zeitung demnächst vielleicht auf dem Handy. Da sehe ich faszinierende Wachstumsmöglichkeiten.

Sie haben in den letzten Monaten rund 300 Millionen Euro in den Online-Sektor investiert. Verdienen Sie da schon Geld?
Ja. Für uns ist Internet nicht nur eine Hoffnung auf die Zukunft, die vielleicht irgendwann mal etwas abwirft. Von unseren zehn grössten Internet-Aktivitäten verdienen heute schon sieben Geld.

Früher unterschied man zwischen Boulevard- und sogenannten «seriösen Zeitungen». Heute gibt es diese Differenz immer weniger. Wohin muss sich der Boulevard entwickeln – in einem Umfeld, das ihm immer stärker gleicht?
Wenn die Nachrichtenagentur DPA meldet, dass Franz Beckenbauers Baby zum ersten Mal mit dem Kindermädchen allein zu Hause war, dann kann ich nur sagen: Der Boulevard ist heute Mainstream. Man könnte auch sagen, es wird schwieriger, sich abzugrenzen. Aber es wäre falsch, noch aggressiver, noch lauter zu werden. Stattdessen muss sich der Boulevard auf alte Tugenden besinnen: direkte Ansprache, Emotionalität und Authentizität. Bei aller Zuspitzung darf die Wahrhaftigkeit nicht verloren gehen, sonst verlieren wir, was für uns das Wichtigste ist: Dass die Leser ihrem Blatt vertrauen.

In der Schweiz haben wir ein Phänomen, das Sie hier kaum kennen: Gratiszeitungen. Es gibt «20 Minuten», es gibt «Heute», es gibt «.ch». Bis Weihnachten soll «News» kommen, ebenfalls geschenkt. Ist die Zukunft der Printmedien gratis?
Die Erfolgsstory in der Schweiz ist mir bewusst. Aber insgesamt bin ich skeptisch, was den nachhaltigen Erfolg betrifft. Ich glaube, Gratiszeitungen sind eine Übergangserscheinung auf dem Weg vom bezahlten Inhalt in einer gedruckten Zeitung hin zu dem durch Werbung finanzierten Inhalt im Internet. Dieser Transformationsprozess ist langfristig eine gute Nachricht. Wenn es in ferner Zukunft nur noch elektronisches Papier gibt, das sich falten lässt, das man einstecken und mitnehmen kann, sparen wir eine Menge Kosten – für Druck, Farbe, Papier, Vertrieb – und gewinnen Spielräume für bessere Inhalte. Der Journalismus kann noch mehr ins Zentrum rücken. Unser Geschäft ist ja nicht das Bedrucken von Papier, unser Geschäft sind Nachrichten.

Springer würde niemals eine Gratiszeitung lancieren?
Wir sind gegen Gratiszeitungen, daher wird die Initiative nicht von uns ausgehen. Aber wir werden sehr entschieden reagieren, wenn es ein anderer probiert.

Sie haben sich gerade mit einem der ganz Grossen angelegt, mit der Deutschen Post. Durch Ihre Beteiligung an PIN Mail treten Sie direkt gegen sie an.
Wir haben uns nicht mit der Post angelegt, wir haben uns lediglich in einem sich öffnenden Monopol erlaubt, ein wenig Wettbewerb zu machen. Dass es für Monopolisten angenehmer ist, wenn so etwas nicht geschieht, liegt auf der Hand. Deswegen hoffen wir, dass sich der Staat als grösster Aktionär der Post nicht durch Gesetze für einen überhöhten Mindestlohn zum Handlanger der Post-Monopolabsicherung macht. Ich glaube, in der Schweiz wäre so etwas nicht möglich.

Gerade haben Sie «Tele» und andere TV-Titel von Ringier gekauft. Die Jean Frey AG firmiert jetzt als Axel Springer Schweiz.
Wir haben drei Felder, auf denen wir in der Schweiz aktiv sind und die wir uns in einem zehnjährigen Prozess erschlossen haben: Wirtschaftspublikationen, Fernsehzeitschriften und das Verbraucher-Nachrichten-Magazin «Der Beobachter», eine eigene, ganz wunderbare, sehr schweizerische Form von journalistischer Identität.

Diese drei Felder bestellen Sie nun, ohne in Nachbars Garten zu schauen?
Was zählt, ist nicht unsere absolute Grösse, sondern Marktführerschaft in bestimmten Segmenten, die wir dank der sehr guten Mannschaft von Ralph Büchi erarbeitet haben. Davon werden demnächst auch unsere Mitarbeiter in der Schweiz über eine Erfolgsbeteiligung profitieren.

Sie stehen der Schweiz sehr nah. Als Musikstudent haben Sie für den NZZ-Kulturteil gearbeitet ...
… vor allem aber für die «Weltwoche». Wolfram Knorr war damals mein Ressortleiter.

Was reizt deutsche Journalisten so an der Schweiz?
Die Freiheit. Der Blick auf Deutschland aus der Aussenperspektive. Die viel stärkere Internationalität. Die neutralere und damit vielschichtigere Darstellung der Themen. Ich glaube, das ist für Journalisten – die ja, wenn sie gut sind, Freiheitsfanatiker sein müssen – sehr anziehend.

Wie bewahrt die kleine Schweizer Tochter des deutschen Kolosses Springer ihre Eigenständigkeit?
Im Management bei Axel Springer Schweiz gibt es kaum Deutsche. Vielleicht ist das auch ein Geheimnis unserer erfolgreichen Internationalisierungsstrategie: Landsleute machen Journalismus für Landsleute. So halten wir es in Polen, so halten wir es in Ungarn. Und so halten wir es auch weiterhin in der Schweiz.

Wenn Sie jemand fragt: Womit verdienen Sie eigentlich Ihr Geld, Herr Dr. Döpfner, was sagen Sie?
Ich sage dann: Ich bin Journalist. Das schreibe ich auch in Hotels auf den Meldezettel. Vorstandsvorsitzender ist eine Funktion. Mein Beruf war, ist und bleibt der Journalismus.

Sie machen seit etwa 25 Jahren Journalismus ...
… 25 Jahre, ja. Stimmt.

Am Anfang waren Sie Journalist, dann Manager, dann wieder Journalist. Jetzt sind Sie erneut Manager. Was sind Sie am liebsten?
Beides. Das Schöne ist, dass ich jetzt in wunderbarer Weise inhaltliches und wirtschaftliches Arbeiten verbinden kann. Das ist auch der Grund dafür, dass ich trotz manchem Ärgernis im laufenden Geschäft jeden Tag so gern ins Büro gehe. Manchmal muss ich mich kneifen, um festzustellen, dass so viel Glück kein Traum ist.

Persönlich

Dr. Mathias Döpfner (44) sagt: «Ich bin Journalist.» Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Er amtet als Vorstandsvorsitzender und Vorstand Zeitungen des grössten deutschen Medien-Konzerns in Berlin, der Axel Springer AG («Bild», «Welt am Sonntag», «Welt», «Hamburger Abendblatt», «BZ»). Döpfner war mehrere Male Chefredaktor, unter anderem der «Welt». Er lebt mit Frau und Kindern in Potsdam bei Berlin.

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