Globalisierung? Ja, aber nicht auf unserem Buckel!

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Werner vontobel

Bringt uns die Globalisierung Vorteile? Steigt der Lohndruck? Macht Ihnen der rasche Wandel Angst? Soll der Sozialstaat ausgebaut werden? Wir wollten wissen, wie die Schweizer darüber denken.

Die Schweiz bleibt ein Sonderfall: Während andere westliche Industrieländer die Globalisierung vehement ablehnen, glaubt eine knappe Mehrheit der Schweizer an den Nutzen des zunehmend freien Welthandels. Gut ein Viertel fühlt sich allerdings vom raschen Wandel überfordert.

Nicht überraschend: Vor allem Gutsituierte, Junge und Städter erachten die Gobalisierung als vorteilhaft, während für Frauen, über 55-Jährige und die untere Mittelschicht die Nachteile leicht überwiegen .

Dieses Ergebnis kontrastiert mit einer kürzlich veröffentlichten Harris-Umfrage in sechs grossen Industrienationen, wo nur etwa jeder Fünfte für die Globalisierung ist.

Der «Sonderfall» ist erklärbar: Dank stark steigenden Exporten nimmt zurzeit die Beschäftigung zu und die Konsumenten profitieren von den billigen Importen. Die Schweiz zählt objektiv zu den Globalisierungsgewinnern.
Allerdings sagen 74 Prozent der Schweizer, dass die sozialen Unterschiede zugenommen haben; und 29 Prozent sind der Ansicht, dass die Personenfreizügigkeit die Löhne drückt.

Dass dies den Schweizern Sorge macht, zeigt sich darin, dass 77 Prozent die Managerlöhne begrenzen wollen, nur acht Prozent Steuervergünstigungen für Reiche gutheissen oder den Sozialstaat abbauen wollen. Der Anteil derer, die den Sozialstaat ausbauen wollen, ist auf 38,5 Prozent gestiegen. 2003 waren erst 25 Prozent für einen Ausbau.
Fazit: Ob die Globalisierung auch in Zukunft mehrheitsfähig bleiben wird, dürfte davon abhängen, ob es unserem gut ausgebauten Sozialstaat weiterhin gelingt, ihre unsozialen Folgen einigermassen abzufedern.

UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff (43) ist anderer Meinung. Er glaubt, der Wettbewerb werde von selbst schon sehr bald für eine Korrektur sorgen. Falls nicht, räumt er ein, «gehen wir sozial unruhigen Zeiten entgegen».

Globalisierung ist ...

... wenn Autohersteller, Elektrokonzerne und Pharma-Multis per Internet auf «Production Networks» von McKinsey nachschauen können, an welchem von weltweit 182 Standorten die Herstellung von Autogetrieben, Schaltelementen oder Abfüllanlagen zurzeit am preis- und steuergünstigsten ist.

… wenn die Stadt Zürich ihre Staatssärge wegen der WTO-Richtlinien international ausschreiben und in Polen zimmern lassen muss.

… wenn die Deutsche Telekom ihre Angestellten in Bonn vor die Wahl stellt: Entweder ihr akzeptiert eine Lohnkürzung um neun Prozent und vier Stunden mehr Arbeit pro Woche, oder wir lagern 50 000 Arbeitsplätze aus.

… wenn ein T-Shirt aus US-amerikanischer Baumwolle in Shanghai gewoben, genäht, in Bern für Fr. 9.95 verkauft wird und in einem Secondhand-Shop in Tansania landet.

UBS-Chefökonom über die Globalisierung

Noch sei alles im grünen Bereich, meint UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff (43) zur Globalisierung. Falls aber die Gewinne nicht bald sinken, «gehen wir sozial unruhigen Zeiten entgegen».

Die Globalisierung hat weltweit einen schlechten Ruf. In der Schweiz ist eine Mehrheit dafür. Überrascht Sie das?
Klaus Wellershoff: Nein, die Mehrheit der Schweizer weiss es offenbar zu schätzen, dass sie frei reisen, ausländische Ware kaufen oder ihr Geld im Ausland anlegen kann. All das macht die Globalisierung aus.

Eine grosse Minderheit in der Schweiz und eine Mehrheit in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder England lehnt die unangenehmen Begleiterscheinungen der Globalisierung wie zunehmende Ungleichheit, Lohndruck und Hektik ab.
Diese Erscheinungen gibt es. Es stellen sich allerdings zwei Fragen. Erstens: Wie weit verbreitet sind diese Entwicklungen? Und zweitens: Sind sie wirklich Folgen der Globalisierung? Unsere jährliche Lohnumfrage zeigt etwa, dass die überwiegende Mehrheit der Schweizer von steigenden Löhnen profitiert.

Nach der offiziellen Lohnstatistik sind die Reallöhne erstmals in einer Boom-Phase gesunken. In Deutschland ist das reale Einkommen des Durchschnittshaushaltes seit 15 Jahren um 25 Prozent zurückgegangen. In den USA hat die Hälfte der Haushalte ein tieferes Einkommen als 2001. Da läuft doch etwas schief.
Fragt sich bloss, was. Ich vermute, dass die Einkommensverluste – falls Ihre Zahlen stimmen – vorwiegend nationale Gründe haben. Deutschland etwa ist mit einem zu hohen Wechselkurs in den Euro eingestiegen, leidet noch immer unter der Wiedervereinigung und hat zu starre Arbeitsmärkte. In den USA ist die soziale Sicherheit unterentwickelt.

Die zunehmende Ungleichheit ist aber ein globales Phänomen. Da reichen nationale Erklärungen kaum.
Einverstanden. Aber es gab schon früher langfristige Schwankungen in der Einkommensverteilung und es gibt andere globale Entwicklungen, die sich auf die Einkommensverteilung ausgewirkt haben: das Ende des Kommunismus etwa. Oder die Tatsache, dass wir fast nirgendwo mehr sozialdemokratische Regierungen haben.

Wollen Sie damit sagen, dass wir wieder mehr
linksgerichtete Regierungen brauchen?

Nein, das wäre eine völlig falsche Schlussfolgerung.

Gut, dann schlage ich Ihnen eine andere These vor: Die Unternehmen drohen mit Auslagerung nach China, die Löhne sinken, die Gewinne steigen, die Firmen kaufen sich mit dem vielen Geld gegenseitig auf – schalten die Konkurrenz aus und so weiter.
Das ist eine schöne, einfache Theorie. Aber einfache Theorien haben meistens den kleinen Schönheitsfehler, falsch zu sein. Es stimmt zwar, dass die Gewinne stark gestiegen sind, aber sie liegen immer noch im Rahmen dessen, was im Aufschwung üblich ist.

Die Gewinne steigen laut OECD seit über zwanzig Jahren schneller als die Löhne.
Ich gehe davon aus, dass der Wettbewerb spielt, der Anteil der Gewinne in spätestens zwei Jahren wieder sinkt und die sozialen Ungleichheiten wieder abnehmen. Sollte dies nicht der Fall sein, gehen wir in der Tat sozial unruhigen Zeiten entgegen, und das wären auch für die Wirtschaft keine rosigen Aussichten.

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