Stroh-Import Ganz normaler Verkehrsirrsinn

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Werner Vontobel
Geschäft: Strohhändler Christian Welle bezieht...- ZVG

Für die Umwelt der helle Wahnsinn, betriebswirtschaftlich korrekt: Milchbauern sparen Kosten, indem sie Stroh aus Polen importieren.

Es brummt, es qualmt, es stinkt nach Diesel: Dienstags und mittwochs spielt in Obfelden ZH der liberalisierte Milchmarkt. Dann karrt ein Lastwagen jeweils 17 bis 18 Tonnen Stroh aus Schlesien an. Die Ladung wird in 20-Kilo-Ballen umgepresst und für Fr. 5.60 pro Stück an die Bauern der Umgebung verkauft. Macht rund 5000 Franken Umsatz pro Fuhre, brutto.

Dass netto noch etwas übrigbleibt, dürfte vor allem an den Kampfpreisen des polnischen Camionneurs liegen. 2,5 Tagessätze Personalkosten, 1400 Kilometer zu je 30 Liter Diesel auf 100 Kilometer, etwa 700 Franken Maut, Versicherung, Amortisation – bei einem Schweizer Fuhrhalter würde allein der Transport deutlich über 5000 Franken kosten.

Was er dem Fahrer zahlt, will uns Strohhändler Christian Welle (46) nicht verraten, ebenso wenig seinen Einstandspreis: «Sonst meinen die Bauern noch, dass ich ein riesiges Geschäft mache.» Die machen zurzeit keines. Der freie Markt hat die Milchbauern schachmatt gesetzt. Noch vor wenigen Jahren durfte jeder nur so viel Vieh halten, wie er vom eigenen Boden ernähren konnte.

Heute versucht man den Milchertrag zu steigern, indem man möglichst viel Kraftfutter und Stroh aus der ganzen Welt auf seinen Hof karrt. Mit dem Ergebnis, dass die daraus resultierende Überproduktion den Milchpreis und die Einkommen der Milchbauern sinken lässt.

Damit wird der Milchmarkt zum Sinnbild für die moderne Wirtschaft: mehr Tonnenkilometer, aber weniger Wohlstand.

...seine Ware aus Polen.- ZVG

Top 3

1 Der Trick der Pensionskassen So schrauben sie am Rentenalterbullet
2 Risse bei A380, kaputter Dreamliner Brechen unsere Super-Flieger...bullet
3 Steuerstreit Die UBS rückte Daten der Konkurrenz rausbullet

Wirtschaft