Wie teuer dürfen Espresso oder Schale in der Schweiz sein? SonntagsBLICK testete die Schmerzgrenze
play
Einfach unglaublich: In der Schweiz bezahlt man zum Teil fast zehn Franken für eine Schale.
(Illustration: Igor Kravarik)Zugegeben: An warmen Tagen sitzt man auf der Piazzetta des Viersternehotels St. Gotthard goldrichtig. Hier, am unteren Ende der weltberühmten Bahnhofstrasse, lässt es sich herrlich über Touristen, Banker und Shopping-Verrückte lästern.
Die exklusive Lage vis-à-vis vom Zürcher Hauptbahnhof hat indes einen Nachteil: Der Milchkaffee – eine Schale – kostet unglaubliche Fr. 7.50! Noch mehr kassiert nur das Luxushotel Palace in St. Moritz GR: Hier kostet die Schale gar neun Franken – wohl die teuerste Tasse Kaffee der Schweiz.
Wer Lust auf die schönsten Terrassen, die attraktivsten Gartenrestaurants, die angesagtesten Boulevard-Cafés hat, muss auf saftige Rechnungen gefasst sein. Gemäss Daniela Bär, Pressesprecherin von Schweiz Tourismus, «bezahlt ein Gast eben nicht nur für seinen Kaffee, sondern auch für die Lage».
Ein Hotel an der Zürcher Bahnhofstrasse könne einen höheren Preis verlangen als eines an einem gewöhnlichen Ort. Das sei international nicht anders: «In Venedig kostet der Espresso auf der Piazza San Marco rund zehn Franken.»
Solche Plätze sind wahre Goldgruben für die Betreiber. «Wir haben ein Privileg», sagt Martin Santschi, Direktor des St. Gotthard: «Steht einer auf, sitzt der nächste ab. Das soll seinen Preis haben.»
Er schicke aber auch keinen Gast weg, der während zweier Stunden am gleichen Getränk nippe. Rechtfertigt das den Preis von Fr. 7.50 für einen Milchkaffee? Immerhin verwende er den teuersten Kaffee, jenen von Amici, sagt Santschi.
Wenn die Stühle auf öffentlichem Grund stehen, profitieren auch Städte und Gemeinden: Sie kassieren Gebühren. Santschi zahlt dafür 30 000 Franken pro Saison von März bis Oktober. Das entspricht 52 Franken pro Monat und Quadratmeter.
Jörg Arnold, Präsident der Zürcher Hoteliers, findet den Kaffeepreis im St. Gotthard etwas gar hoch. Der Direktor des am Limmat-Ufer in der Zürcher Altstadt gelegenen Viersternehotels Storchen sagt: «So viel für einen Kaffee zu verlangen ist unsympathisch.»
Dramatisch sei es aber nicht: «Gäste können Preise vergleichen und ihren Kaffee woanders trinken. Beispielsweise bei mir. Mein Preis von Fr. 4.90 für einen Espresso oder einen Milchkaffee ist vernünftig.» Es sei «intelligenter» nicht zu viel für ein Bier oder einen Kaffee zu verlangen: «Das sind politische Preise. Wenn man die erhöht, gibt es jedes Mal einen Aufstand.»
Kein anderer Gastronom an der Bahnhofstrasse wagt für einen Kaffee so viel zu verlangen wie Santschi vom St. Gotthard (siehe Tabelle). Selbst die meisten Luxushäuser in der Schweiz sind günstiger, traditionelle Cafés sowieso.
So verlangt das Sprüngli am Paradeplatz Fr. 5.30 für die Schale. In der Filiale des Edelpatissiers am Basler Barfüsserplatz kostet sie sogar nur Fr. 4.50.
Zürcher zahlen laut Branchenverband CafetierSuisse im Schnitt am meisten für einen Café crème. Der Durchschnittspreis liegt mit Fr. 4.27 um 23 Rappen über dem Deutschschweizer Durchschnitt.
Da verlangt das D-Vino in Zürich mit Fr. 5.20 pro Schale zwar mehr – aber immer noch Fr. 2.30 weniger als das St. Gotthard vis-à-vis!
Beliebteste Kommentare
Alle Kommentare (56)