Wird Lohnverzicht ein Trend?

  • Publiziert: 03.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Marcel Speiser und Nicole Freudiger

Der Präsident desIndustrieverbandes Swissmem, Johann Schneider-Ammann, ermahnt die Rieter-Manager: Wer vom Personal Lohnopfer fordert, steht nach der Krise in der Verantwortung.

Für die BLICK-Leser ist der Fall klar: Ein Lohnverzicht kommt trotz Krise für 93 Prozent nicht in Frage. Das ist das Resultat einer Internet-Umfrage auf blick.ch.
Doch die Angestellten des Winterthurer Industrie-konzerns Rieter sollen genau diese bittere Pille schlucken.

Ihre Firma hat sie «gebeten», bis Ende dieses Jahres «freiwillig» auf 10 Prozent Lohn zu verzichten. Weigert sich ein Angestellter, wird der Vorgesetzte informiert. Verschont werden nur die Arbeiter der untersten Lohnstufe. Bei diesen gilt eh schon Kurzarbeit.

Neuer Trend: weniger Lohn für mehr Jobs?

Weniger Lohn für mehr Jobs? Wird das jetzt der neue Trend? «Nein», sagt Arbeitgeber-Präsident Thomas Daum. «Rieter bleibt wohl ein Einzelfall.» Ein Lohnverzicht des Personals ist für ihn nur «im äussersten Notfall, als ultima ratio» vertretbar. «Und das Ziel muss sein, den Beschäftigungsverlust so klein wie möglich zu halten.»

«Das Beispiel Rieter wird nicht Schule machen», glaubt auch Johann Schneider-Ammann, Präsident des Maschinenindustrie-Verbandes Swissmem. Der FDP-Nationalrat und Unternehmer erinnert die Rieter-Manager an ihre Verantwortung gegenüber dem Personal: «Ist das Gröbste überstanden, müssen sich die Verantwortlichen daran erinnern, dass alle mitgeholfen haben, die Krise zu überstehen.»

Keine Job-Garantie bei Rieter

Deutlicher sagt es Gewerkschaftsökonomin Susanne Blank von Travailsuisse: «Wer von den Arbeitnehmenden Lohnopfer fordert, muss ihnen Garantien geben, dass die Arbeitsplätze sicher sind. Das ist das Mindeste.»

Doch solche Garantien gibt es bei Rieter keine, wie Sprecher Peter Grädel einräumt. Immerhin verspricht die Firma, dass den Angestellten keine Nachteile entstehen, sollten sie trotz Lohnverzicht ihre Stellen verlieren. Zudem werde Rieter das Personal am künftigen Erfolg wieder teilhaben lassen. «So, wie wir es in der Vergangenheit getan haben.»

Übrigens: Sprecher Grädel macht mit beim freiwilligen Lohnverzicht. «Aus Solidarität mit den Mitarbeitern, die Kurzarbeit leisten und so Lohneinbussen von bis zu 40 Prozent auf sich nehmen.»

«Für eine Volkswirtschaft ist Lohnverzicht keine langfristige Lösung»

Auch der Rieter-Personalvertreter Ruedi Hofmann findet den Lohnverzicht «gut und gerecht». Mitzumachen sei «eine Frage der Solidarität. Meine Gedanken sind bei den Arbeitsplätzen, beim möglichen Abbau. Jeder muss versuchen, das Beste zu machen, um die Firma über Wasser zu halten.»

Doch bringt ein Lohnverzicht überhaupt etwas zur Erhaltung von Arbeitsplätzen? «Nein», sagt die Ökonomin Stefanie Schneider, die den Zusammenhang für Deutschland studiert hat. Es komme einfach zu einer Umverteilung – weg von den Arbeitnehmern, hin zu den Aktionären und Firmenbesitzern.

Ähnlich sieht es UBS-Ökonom Hanspeter Hausheer: «Für eine Volkswirtschaft ist Lohnverzicht keine langfristige Lösung. Firmen können zwar Kosten sparen. Doch damit sinkt auch der Konsum. Alles in allem ist das eher schlecht.»

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