Nationalbank-Präsident Jean-Pierre Roth im Interview «Wir haben nicht auf Pump gelebt»

  • Publiziert: 31.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview von Hannes Britschgi und Werner Vontobel

Jean-Pierre Roth verteidigt den ausgehandelten Boni-Entscheid zwischen Finanzmarktaufsicht und UBS. Trotzdem hat sich aber über die Grossbank mächtig geärgert.

Viele Schweizer sind stinksauer, dass die UBS immer noch Milliarden Boni zahlt. Was sagen Sie zur Wut der Leute?
Jean-Pierre Roth:
Das Wort «Boni» ist natürlich schrecklich. Damit meint man normalerweise die Entschädigung der Topmanager. Doch darum geht es bei der aktuellen Debatte gar nicht. Es geht bloss um den leistungsabhängigen Lohnanteil der normalen Angestellten. In vielen Abteilungen der Bank haben die Leute gute Arbeit geleistet. Diese Leistung darf honoriert werden.

Warum verlangen denn Politiker wie SP-Präsident Christian Levrat den Rücktritt von Eugen Haltiner, der als Präsident der Finanz-marktaufsicht die Milliarden-Boni der UBS genehmigt hat?
Ich finde den Entscheid der Aufsicht ausgewogen. Haltiner hat mit der UBS sehr hart verhandelt und das Minimum durchgesetzt.

Ist es denn richtig, dass Finanzminister Merz die Boni-Entscheide nur noch machtlos zur Kenntnis nehmen muss?
Ich bin nicht der Sprecher von Bundesrat Merz.

Wie steht es um die finanzielle Gesundheit von UBS und CS?
Die beiden Grossbanken haben die Probleme, die alle internationalen Grossbanken haben. Dass das vierte Quartal 2008 schrecklich war, wissen wir alle.

Vergangene Woche gab es eine Riesennervosität um die Börsenkurse der CS. Wie geht es der Credit Suisse?
Je nach Gerüchten schwanken die Kurse wie verrückt. Warten wir jetzt auf die Jahresabschlüsse. Die Transparenz wird kommen.

Mitte Oktober kam das 68-Milliarden-Rettungspaket. Mitte November sagten Sie: «Ein bisschen Vertrauen ist zurückgekommen.» Was ist aus diesem «bisschen Vertrauen» geworden?
Das Vertrauen ist natürlich relativ. Wir sehen aber, dass beim Interbankenmarkt die Risikoprämie etwas gesunken ist. Der Zinssatz für Kredite unter Banken (Libor-Satz) ist sogar weiter gesunken, als wir erhoffen durften. Aber wir hatten in den letzten Wochen wieder grosse Fragezeichen und Unsicherheit, besonders im Ausland.

Am Tag, als das Rettungspaket beschlossen wurde, hielt das UBS-Führungsduo Kurer/Rohner in einem internen Schreiben an alle Mitarbeiter fest: Die Bank brauche keine «Rettung» durch die Schweizer Regierung. Wie ist das bei Ihnen angekommen?
Ich war wütend!

Einige Tage später betonten Sie öffentlich, das sei keine «Rettung», sondern eine «Konsolidierung» gewesen. Da kann man sich verschaukelt vorkommen!
Die UBS stand nicht kurz vor der Schliessung wie zum Beispiel die Northern Rock in Grossbritannien. Das war eine schwierige Phase mit einer heiklen Dynamik.

Die Nationalbank hat 2008 einen Verlust von 4,8 Milliarden Franken erlitten. Wie steht die SNB heute da?
Ich bitte die Journalisten, etwas genauer zu recherchieren. Die Nationalbank hat in den letzten Jahren fantastische Resultate erzielt. Milliarde um Milliarde konnte für die Gewinnausschüttung zurückgestellt werden. Mit 80 Milliarden Franken an Devisen- und Goldreserven kassieren wir grosse Gewinne, wenn die Preise dieser Reserven steigen. Jetzt haben wir seit Jahren zum ersten Mal eine Gegenbewegung.

Besteht die Gefahr, dass die Kantone gar keine Gewinnausschüttungen mehr erhalten?
Die Grundrentabilität der SNB liegt nach Abschreibungen bei ungefähr einer guten Milliarde Franken. Wir haben immer gesagt, dass wir die jährliche Ausschüttung von 2,5 Milliarden nicht auf ewig garantieren können. Aber die Ausgangslage ist immer noch sehr komfortabel. Ende 2007 hatten wir immer noch einen beträchtlichen Puffer von weit über 20 Milliarden Franken an Ausschüttungsreserven. Beruhigt?

Kann die Nationalbank bankrottgehen?
Ihre Leser müssen wissen: Unsere Nationalbank ist die bestdotierte aller Notenbanken. Die Risiken, die wir übernommen haben, sind vertretbar. Die Schweiz darf nicht vergessen, dass die Nationalbank in den 70er-Jahren eine Periode erlebte, in der das Eigenkapital der Bank negativ war. Und wir konnten trotzdem eine erfolgreiche Notenbank sein.

Wie lange kann sich die SNB eine solche Negativbilanz leisten?
Wir sind die Notenbank.

Sie können einfach Geld drucken?!
Genau. Die Notenbank hat kein Liquiditätsproblem, kein Finanzierungsproblem. Sie schafft die Liquidität selbst. Wenn die Wirtschaft diese braucht, schaffen wir sie.

Die Banken horten bei Ihnen Geld, statt es sich gegenseitig auszuleihen. Ist das nicht gefährlich?
Das spiegelt die aktuelle Liquiditätskrise. Die Banken haben das Vertrauen zueinander verloren, machen eben nicht mehr auf Telefonanruf Depottransfers unter-
einander. Sie wollen ihre Liquidität bei uns und selber mehr Polster haben.

Tatsache ist, dass die Kredite weltweit nicht mehr fliessen.
In der Schweiz gibt es keine Kreditklemme. Die Kreditsumme steigt zwar langsamer, aber das ist eher konjunkturell bedingt. Die Nachfrage nach Krediten steigt nicht mehr so stark, weil die Firmen ihre Kreditlimiten nicht mehr in Anspruch nehmen.

Für grosse Firmen, die sich bisher mit Anleihen finanziert haben, ist die Lage schwierig geworden.
Das stimmt. Die Kosten für solche Kredite sind deutlich gestiegen.

Umso wichtiger wäre es doch, dass die Notenbanken auch auf diese Märkte Einfluss nehmen, indem sie sich direkt an Unternehmensanleihen beteiligen. Die US-Notenbank tut das schon.
Auch wir prüfen solche Massnahmen, aber bisher sind noch keine Entscheide gefallen.

Sie sind als Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) massgeblich an den Plänen zur Neuordnung des Finanzsystems beteiligt. Was ist zu erwarten?
Es wird keine Revolution geben. Klar ist aber, dass die Banken mehr Eigenkapital haben müssen. Wichtig ist auch, dass der Nichtbankensektor wie etwa die Hedgefunds besser überwacht wird. Die Rating-Agenturen müssen besser funktionieren. Zwar kommt eine stärkere Regulierung, aber die Grundphilosophie wird dieselbe bleiben. Wir werden weiterhin freien Kapital- und Güterverkehr haben.

Wie schlimm wird die Krise noch?
Was die Tiefe der Krise angeht, bin ich für die Schweiz relativ optimistisch. Im Gegensatz etwa zu Spanien oder Irland haben wir nicht auf Pump gelebt. Wir hatten sogar Ertragsbilanzüberschüsse von 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Nur Norwegen hatte vergleichbare Zahlen. Aber die haben Öl. Die Schweiz hat das Ausland finanziert, nicht umgekehrt. Diese Solidität hilft uns, die Krise abzufedern.

Verhilft uns das auch zu einem rascheren Aufschwung?
Der Aufschwung kommt, wie immer, aus den USA. Ich erwarte, dass wir dort noch Ende dieses Jahres eine Besserung sehen. 2010 wird es dann hoffentlich auch in Europa und in der Schweiz wieder aufwärts gehen.

Setzen Sie besondere Hoffnungen auf Präsident Obama?
Die Psychologie spielt in der Wirtschaft eine wichtige Rolle. Barack Obama hat eine unglaubliche Wirkung auf die Psychologie der Leute. Nicht nur wegen seiner starken Glaubwürdigkeit, sondern auch wegen seines sehr starken Wirtschaftsprogramms. Die Mischung der beiden Elemente ist für mich ein Signal der Hoffnung.

Im März treten Sie als BIZ-Präsident zurück. Beschäftigen Sie sich schon mit dem Gedanken, auch als Nationalbank-Präsident zurückzutreten?
Am 28. April 2011 werde ich 65 Jahre alt. Das ist bei der Nationalbank die Altersguillotine. Wann genau ich zurücktrete, ist Privatsache.

Persönlich

Als der Walliser Jean-Pierre Roth (62) vor dreissig Jahren in die Nationalbank eintrat, tobte gerade die grosse Währungskrise. Präsident war damals Fritz Leutwiler. Jetzt, in seinem neunten Präsidialjahr, muss Roth eine noch grössere Krise meistern. Seit März 2006 ist er auch Präsident des Verwaltungsrates der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Roth ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
play Gespräch. Jean-Pierre Roth (r.) mit SonntagsBlick-Chefredaktor Britschgi (l.) und Wirtschafts­redaktor Vontobel im SNB-Hauptsitz in Zürich. (Goran Basic)

Top 3

1 Wo ist unser Obama?bullet
2 Wellershoff warnt vor zweiter Bankenkrise «Man hat das Problem weiter-...bullet
3 Ein Ständchen für Marcel Ospel!bullet

Wirtschaft