Angst vor Amoktätern RAV werden zu Festungen

  • Publiziert: 15.02.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Reza Rafi

Wegen der Wirtschaftsflaute liegen die Nerven blank, nicht nur im Topmanagement. Arbeitsvermittler werden häufig beschimpft und bedroht. Inzwischen haben die Ämter aufgerüstet.

Montag vorletzter Woche in einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) der Deutschschweiz: Beraterin Sandra Matti* spricht mit einem arbeitslosen Gipser. Der Mann ist seit November auf Jobsuche. Aber sie kann ihm nicht helfen, nicht einmal mit einer Übergangsstelle. Da brüllt der Ratsuchende wutentbrannt: «Versagerin! Wenn du eh nichts ausrichten kannst, sorge ich dafür, dass du hier verschwindest.»

Matti drückt den Alarmknopf, Sekunden später steht ihr Vorgesetzter in der Tür. «Der Mann hat uns glaubhaft versichert, dass er unter starkem Stress stand, und entschuldigte sich», sagt sie. Von einer Anzeige wurde abgesehen. Bei Beratungen mit dem verzweifelten Handwerker soll fortan ein uniformierter Polizist zugegen sein.

Marianne Kurth* (49) bekommt die Lage im Januar auf dem Stellenmarkt ebenfalls unmittelbar zu spüren. «Ich weiss, wo du wohnst», sagte ihr ein Arbeitsuchender ins Gesicht. Eingeschüchtert brach die RAV-Beraterin die Sitzung ab. Nach einem Gespräch mit dem Amtsleiter steht fest: Der Mann wird künftig von zwei Mitarbeitern beraten.

Die Zahl der Anmeldungen bei den Arbeitsämtern nimmt seit Beginn der Krise stetig zu – laut Matti auch Erlebnisse mit ausrastenden Jobsuchenden. «Das drückt extrem aufs Arbeitsklima», klagt die 34-Jährige, «bei vielen meiner Kollegen sitzt der Frust tief.» Die Angst vor Klienten sei sogar in der Mittagspause ein Thema.

Nun haben die Verantwortlichen auf kantonaler Ebene Massnahmen getroffen, um das Personal in den 130 Vermittlungszentren des Landes zu beruhigen. «Wir haben schusssicheres Glas an unseren Schaltern», sagt etwa Jean-Pierre Gubser (62), Leiter des RAV St. Gallen.

An den meisten Pulten ist mittlerweile ein Alarmknopf angebracht, wie ihn Matti drückte – auch im RAV von Winterhur ZH. Leiterin Suzanne Bauer (52): «Wird in brenzligen Situationen der Knopf betätigt, läutet bei den Kollegen am Platz ein Signal.» Entweder sie kommen direkt zu Hilfe oder rufen die Polizei.

RAV-Leiter in Zürich, Olten SO, Bern oder St. Gallen bestätigen gegenüber SonntagsBlick einmütig, dass solche Fälle häufig sind. Mit konkreten Zahlen hält man sich zurück, doch auch beim Bund hat man die Entwicklung registriert. Bern rechnet mit einer weiteren Verschärfung. «Mit der schlechten Konjunktur und der steigenden Arbeitslosigkeit gehen wir davon aus, dass das Risiko für das RAV-Personal weiter ansteigt», sagt Rita Baldegger (43), Sprecherin des Bundesamts für Wirtschaft (Seco), das die Oberaufsicht über den Schweizer Arbeitsmarkt hat.

Eine Drohung gegen Beamte ist ein Offizialdelikt und kann eine Geldstrafe, in Extremfällen sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren zur Folge haben. Doch in den meisten Fällen kommt es gar nicht erst zur Anklage. Der Aufwand wäre für beide Seiten zu gross.

Aber wann genau kann man von Bedrohung reden? Für den Oltener RAV-Leiter Rolf Allemann (39) ist der Tatbestand gegeben, «sobald sich ein Mitarbeiter subjektiv nicht mehr sicher fühlt». Statistisch erfasst wird das Problem nicht: Eine Meldepflicht für Übergriffe in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren fehlt.

* Namen geändert, Einsatzorte der Redaktion bekannt


play Verunsicherung Berater im RAV sehen sich vermehrt mit aggressiven ­Arbeitsuchenden konfrontiert. (Keystone)

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