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Ex-UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff von der gleichnamigen Beratungsfirma. (Siggi Bucher)
Ist die Pleite Griechenlands abgewendet?
Klaus Wellershoff: Nein, die Griechen haben Zeit bekommen. Zeit, damit sich die Wirtschaft durch die vom Sparen ausgelöste Rezession ein wenig erholen kann. Dennoch lässt dies die Griechen nicht vom Haken. Sie müssen weiter extrem sparsam sein, sie müssen vor allem die Steuern bei den Reichen erheben.
Wer soll die beschlossene Rekapitalisierung der Banken zahlen – wohl kaum Private?
Sie legen die Finger in die Wunde. Man hat das Problem weitergeschoben. Die Banken müssen jetzt auf 100 Milliarden Euro griechische Staatsverschuldung verzichten. Sie werden ihre Kapitalbasis zusätzlich anheben müssen – und mindestens 250 Milliarden Euro brauchen, um diese Kapitalanforderungen in relativ kurzer Zeit zu erfüllen. Ich wäre überrascht, wenn die Kapitalmärkte das hergeben.
Das heisst?
Die nationalen Staaten werden sich beteiligen müssen an den Banken. Wir werden Teilverstaatlichungen einer ganzen Reihe wichtiger Banken sehen. Dort, wo die Staaten das nicht selber finanzieren können, wird der Rettungsschirm EFSF eingreifen müssen. Damit werden Teile der systemkritischen Banken in Europa durch die europäische Union verstaatlicht. Das klingt zwar nett, das birgt aber einiges an Gefahrenpotenzial.
Was meinen Sie genau?
Wenn die Staaten das Geld einschiessen müssen, werden die Staatsschulden steigen. Das führt zu politischen Diskussionen, wieso denn schon wieder die Banken gerettet werden müssen. Die ganzen Diskussionen der letzten Monate werden nicht verschwinden.
Halten die Risiken, dass der Euro auseinanderbricht, an?
Die Schreckensszenarien, dass der Euro auseinanderbricht, dass Griechenland aus dem Euro aussteigt oder pleitegeht – sind nicht eingetroffen. Die Europäer haben sich extrem Mühe gegeben, das zu verhindern. Das ist eine Indikation, dass sie das auch in Zukunft tun werden. Deshalb bleibt die Erwartung, dass der Euro auseinanderbricht, ein Risikoszenario, aber eher ein unwahrscheinliches.
Wo sehen Sie die grössten Risiken für den Euro?
Die ganz grossen Risiken kommen aus der allgemeinen Abnahme des Vertrauens in das
europäische Bankensystem und in die europäische Politik. Bezeichnenderweise sprechen wenige von einem Befreiungsschlag. Es war ein grosser Schritt vorwärts. Doch wenn man bedenkt, dass man in der Schweiz eine Kernkapitalbasis von 18 Prozent bei den systemkritischen Banken als ungenügend betrachtet und die Europäer jetzt eine Rekapitalisierung auf 9 Prozent beschlossen haben, stimmt das schon bedenklich. Das grosse Risiko liegt bei den Banken. Der zweite Teil der Bankenkrise steht uns erst bevor. Dexia war nur der Vorläufer.
Wieso macht der Euro gegenüber dem Franken keine Freudensprünge, während die Bankaktien explodieren?
An der Finanzmarktreaktion sieht man, dass sich die Situation für den Euro kaum geändert hat. Das macht ziemlich deutlich, wo die Hilfe anfällt – nämlich bei den Banken.
Ist eine Rezession abgewendet?
Für Europa muss man nicht mit einer Rezession rechnen. Die Indikatoren deuten auf ein langsameres Wachstum. Die Rezessionsgefahren in Europa kommen in erster Linie aus den USA. Wenn die US-Regierung nichts macht, fallen die USA nächstes Jahr in eine Rezession. Die Schuldensituation der USA ist viel schlimmer als in Europa.
Welches sind die Auswirkungen der Beschlüsse für die Schweiz?
Hoffentlich machen sie es für die Schweizer Nationalbank einfacher, die Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro noch in diesem Quartal anzuheben. Mit 1.20 ist keinem Exporteur geholfen.